Hintergrund
Lange lebte die deutsche Wirtschaft sehr gut vom Handel mit aller Welt. Doch aktuell sind die Unsicherheiten groß. Für eine Exportnation hat das drastische Konsequenzen – vor allem für den Mittelstand.
“Wir stehen unter Druck. Die Geschäfte sind schwieriger geworden. Das war vor einem guten Jahrzehnt noch ganz anders”, sagt Alfred Rochlus. Er ist Geschäftsführer der Firma Assyx in Andernach. Das Unternehmen fertigt sogenannte Unterlagsplatten für die Betonsteinherstellung. Pflaster und andere Betonsteine werden zum Aushärten auf die Platten gelegt.
Assyx hat weltweit Kunden und bekommt so die internationalen Krisen in Andernach direkt zu spüren. “Die Kriege im Iran oder gegen die Ukraine, Zölle und immer neue Handelshemmnisse machen uns zu schaffen. Das ist für uns eine schwierige Situation”, schildert Rochlus.
20 Mitarbeiter sind bei der Firma beschäftigt. Die Exportquote liegt bei rund 80 Prozent. Zuletzt war die Firma an großen Infrastruktur-Projekten in Dubai oder Saudi-Arabien beteiligt, wie Rochlus erzählt: “Wir sind in einer Marktnische hochspezialisiert. Die Konkurrenz – etwa aus China – kann zu geringeren Preisen anbieten. Wir haben aber einen deutlichen Qualitätsvorsprung und sind deshalb am Markt auch weiterhin führend.”
Alfred Rochlus am Schreibtisch in seinem Büro
Vor allem der Zollstreit mit den USA belastet
Jahrelang boomte das weltweite Geschäft, aber politische Krisen machen dem Betrieb immer mehr zu schaffen. “Als wir vor 20 Jahren angefangen haben, haben wir uns überhaupt keine Gedanken gemacht, was welcher Politiker irgendwo in der Welt macht. Aber in den vergangenen zehn Jahren sind wir doch eines Besseren belehrt worden”, sagt Rochlus.
Vor allem der Zollstreit mit den USA habe das Unternehmen zuletzt in Atem gehalten: “Das war ein endloses Hin und Her”, sagt Rochlus. “Manchmal wussten wir nicht, welche Zölle aktuell gerade gelten. Es ging los mit 3,5 Prozent, dann waren es zehn Prozent, die aber in den USA gerichtlich kassiert wurden. Jetzt sind es nach dem Abkommen zwischen den USA und der EU 15 Prozent.” So konnte Rochlus auch keine langfristigen Verträge abschließen, um bei Geschäften nachträglich nicht doch noch ins Minus zu rutschen.
Als Hauptgrund für die labilen Handelsverbindungen sieht Rochlus die enge internationale Arbeitsteilung infolge der Globalisierung. “Es gibt inzwischen viele kleine Handelspartner, Zulieferer und dementsprechende Lieferketten. Fällt ein Akteur aus, leiden alle. Das ist wie ein Dominoeffekt”, so der Geschäftsführer. “Unternehmen brauchen aber Planungssicherheit. Wer die nicht hat, produziert und investiert nichts.”
“Risiken nehmen zu”
Das Andernacher Unternehmen ist mit diesen Problemen kein Einzelfall, der deutsche Industrie- und Handelskammertag sieht einen grundsätzlichen Trend: “Der internationale Handel wird für deutsche Unternehmen rauer. Neue Handelskonflikte, wachsende regulatorische Anforderungen und anhaltende geopolitische Spannungen setzen das Auslandsgeschäft zunehmend unter Druck.” Das sei das Ergebnis des aktuellen Außenwirtschaftsreports. Grundlage ist eine breitangelegte Umfrage innerhalb des Verbandes.
“Die Risiken im Auslandsgeschäft nehmen spürbar zu”, sagt Melanie Vogelbach, Bereichsleiterin für Internationale Wirtschaftspolitik und Außenwirtschaftsrecht bei der DIHK. “Unternehmen müssen sich gleichzeitig auf neue Handelsbarrieren, politische Unsicherheiten und immer komplexere Vorgaben einstellen. Das bindet Ressourcen und bremst die internationale Expansion.”
Für viele Unternehmen sei demnach vor allem die Handelspolitik der USA die große Herausforderung. “Das US-Geschäft wird für viele Betriebe zunehmend unberechenbar, gerade für kleinere Unternehmen wird der Marktzugang deutlich schwieriger”, schildert Vogelbach die Lage. Aber es gibt weitere, zahlreiche geopolitische Unruhe- und Krisenherde – etwa Russland oder China. Für beide gelten immer neue Exportkontrollen und Störungen in den Lieferketten.
Allerdings richtet der DIHK den Blick nicht nur auf die weltweiten Handelsbeziehungen, sondern auch auf die EU-Vorgaben – und formuliert hier deutliche Kritik: Es gebe immer mehr Auflagen und Nachweispflichten wie den CO2-Grenzausgleich, die Entwaldungsverordnung oder Sorgfaltspflichten. “Die Vielzahl an Regelungen überfordert gerade mittelständische Betriebe”, sagt Vogelbach. “Oft fehlt es an klaren Verfahren und praktikablen Lösungen.”
Handelsbarrieren auch im EU-Binnenmarkt
Eine Analyse des Internationalen Währungsfonds (IWF) kam schon vor anderthalb Jahren zu einem ähnlichen Ergebnis: Demnach haben weiterhin bestehende Handelsbarrieren in der EU den gleichen Effekt, als würden die Mitgliedstaaten Zölle in Höhe von 44 Prozent auf Waren und 110 Prozent auf Dienstleistungen erheben. Gerade vor dem Hintergrund international zunehmender Handelskonflikte seien hier deutliche Reformen im EU-Binnenmarkt notwendig.
Trotz Ankündigen der EU sei beim Abbau von Handelsbarrieren bislang kaum etwas passiert, kritisiert der Wirtschaftsexperte Daniel Stelter. Seine Forderung an Brüssel: “Die EU sollte, statt sich mit immer mehr Geld in immer mehr Bereiche einzumischen, ihre Hausaufgaben machen und den Binnenmarkt vollenden. Damit wäre mehr für die Wirtschaft und die Bürger der Gemeinschaft getan als mit allen anderen Programmen zusammen.”
Unsichere Zeiten
Für das Andernacher Unternehmen Assyx gibt es nicht nur im US-Geschäft Probleme, weil die Vereinigten Staaten kein zuverlässiger Marktplatz mehr sind. “Auch andere Länder setzen jetzt gezielt Zölle ein – etwa Marokko”, sagt Rochlus. Das nordafrikanische Land hatte auf die Andernacher Produkte im vergangenen Jahr plötzlich einen Zoll von 12 Prozent eingeführt. “Die Folge dieser Gesamtentwicklung ist, dass wir auf stabile und verlässliche Handelsregionen ausweichen – wie etwa Mexiko oder Kanada.”
Nach dem Angriff auf die Ukraine und den Sanktionen gegen Russland habe das Unternehmen seine Geschäfte etwa nach Zentralasien verschoben. Und der Ausblick? “Wenn das Zoll-Abkommen mit den USA wirklich Bestand hat, sehe ich das nordamerikanische Geschäft durchaus positiv. Wir haben eine Grundlage, auf der wir arbeiten können”, glaubt Rochlus. “Ansonsten müssen wir uns bei dieser internationalen Arbeitsteilung und Verflechtung darauf einstellen, dass auch die Zukunft herausfordernd bleiben dürfte. Sicher ist wohl nur die Unsicherheit.”


