Analyse
Die Bildungschancen sind in Deutschland sehr ungleich verteilt. Doch meist entsteht das Problem schon vor der Schule. Lösungen gibt es, doch knappe Kassen und der Föderalismus erschweren diese.
Wenn ein Kind in Deutschland eingeschult wird, ist über seine Bildungschancen meist schon entschieden – das ist die unbequeme Botschaft des Nationalen Bildungsberichts. Diesen legt eine unabhängige Wissenschaftlergruppe alle zwei Jahre im Auftrag von Bund und Ländern vor.
Schon im Alter von zwei Jahren unterscheidet sich demnach der Wortschatz von Kindern, je nachdem, welche Bildung die Mutter hat. Diese frühen Unterschiede bleiben über die gesamte Bildungslaufbahn stabil.
Unterschiede entstehen bis zur Grundschule
Bundesbildungsministerin Karin Prien weiß um das Problem: “Die Bildungsschere tut sich ab der Geburt auf. Das entsteht nicht erst in der Schule – in Wahrheit ist es genau andersrum: Die Schere ist zu, wenn ein Kind auf die Welt kommt, und sie öffnet sich dann bis zur Einschulung. Und danach wird sie nur noch unwesentlich geschlossen.”
Im internationalen Vergleich, das hält der Bericht fest, hängt der Bildungserfolg in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft ab. Neu ist dieser Befund nicht, seit Jahren taucht er in sämtlichen Bildungsstudien auf. Bemerkenswert ist allerdings der Widerspruch zwischen Diagnose und politischem Handeln, den der Bericht aufzeigt.
Viel Bewegung – am falschen Ende
Untätig ist die Politik nicht: Für die Jahre 2024 bis 2026 haben die Länder 347 Maßnahmen und der Bund 13 Maßnahmen gemeldet, die die soziale Ungleichheit in der Bildung verringern sollen. Von großen Programmen bis zu kleinen Projekten.
Doch der Bericht zeigt einen Schiefstand: Die meisten dieser Programme zielen auf die Schule, weniger auf die frühe Bildung. Und das, obwohl ein Großteil der Ungleichheit eben vor der Einschulung entsteht, wie auch Ministerin Prien deutlich macht. Bedeutet: Es wird viel getan, aber oft zu spät.
Einwanderer-Kinder gehen seltener in die Kita
Zwar ist das Kita-Angebot in den vergangenen Jahren stark gewachsen, doch gerade die Kinder, die von einer Kita am meisten profitieren würden, besuchen sie seltener: Kinder aus Familien mit niedriger Bildung oder mit Einwanderungsgeschichte.
Der Bericht macht es konkret: Wo die Eltern einen hohen Abschluss haben, gehen rund 40 Prozent der unter Dreijährigen in die Kita. Bei Eltern mit niedrigem Abschluss sind es nur 20 Prozent. Mehr Plätze allein lösen dieses Problem aber nicht. Prien räumt das ein und meint zudem: “Wir haben einen drastischen Ausbau der Kitas geschafft. Aber dort, wo sie besonders gebraucht werden, ist es immer noch nicht genug.”
“Bildungsungleichheiten sind veränderbar”
Für Kai Maaz, einen der Autoren des Berichts vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, ist das nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein Problem hinsichtlich des Fachkräftemangels.
Zugleich sieht er einen Grund für Optimismus: Nach dem Pisa-Schock im Jahr 2000 stiegen die Kompetenzen zehn Jahre lang messbar und die sozialen Unterschiede gingen zurück – bevor diese Entwicklung wieder stockte. “Bildungsungleichheiten sind veränderbar”, meint er. Das könne Mut machen, an diesen Stellen weiterzuarbeiten.
Prien offen für Kita-Pflicht
Wo also setzt der Bund an? Erstens bei der Sprache: Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist eine verpflichtende Sprach- und Entwicklungsdiagnostik für alle Vierjährigen vereinbart. Prien geht im Gespräch mit tagesschau.de noch einen Schritt weiter und verweist auf Länder, die eine Kita-Pflicht erproben. Für die Kinder, die besondere Bedarfe haben, sei es richtig, zumindest die Sprachförderung verpflichtend zu machen.
“Einzelne Länder wie Baden-Württemberg machen sich ja jetzt auf den Weg mit einer Kita-Pflicht für das letzte Jahr vor der Einschulung. Das muss man sich anschauen, wie sich das entwickelt. Aber dass Kitas hier größere Verantwortung übernehmen müssen, das ist für mich klar.” Bislang allerdings, so der Bericht, schreiben nur acht der 16 Länder eine Sprachförderung nach einem Sprachtest überhaupt verbindlich vor.
Tests müssen Folgen haben
Worauf es vor allem bei Sprachtests dabei ankommt, fasst Studienautor Maaz zusammen: “Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt, kriegen eine Diagnose, dass der Fuß gebrochen ist – aber es passiert nichts. Jede Diagnose macht nur Sinn, wenn daraus etwas folgt.”
Auf die frühe Bildung übertragen heißt das: Ein Sprachtest nützt nur, wenn ihm eine passende Förderung folgt. Und die damit verbundene Aufforderung zwischen den Zeilen: Bund und Länder sollen an einem Strang ziehen.
Eine weitere Maßnahme der Bundesregierung: einheitliche, bundesweite Standards. Diese sind in der Kita weitgehend Fehlanzeige. Den Rahmen für mehr Einheitlichkeit aber soll ein neues Gesetz schaffen – das sogenannte Qualitätsentwicklungsgesetz, das ebenfalls im Koalitionsvertrag festgehalten ist. Prien will es noch vor dem Sommer durch das Kabinett bringen, wie sie sagt. Konkreter wird die Ministerin hierzu nicht.
Föderalismus als Herausforderung
Die Umsetzung der Sprachförderung trifft jedoch auf zwei harte Grenzen. Die erste lautet Föderalismus: Bildung ist Ländersache, der Bund kann Standards anregen, aber nicht verordnen. Vieles hängt deshalb an der Kooperationsbereitschaft der Länder.
Die zweite Grenze sind die Finanzen: “Gerade in Zeiten knapper Kassen ist es umso wichtiger, dass die Mittel, die Bund, Länder und Kommunen einsetzen, besser wirken können”, sagt Prien. Ein Satz, der nicht auf mehr Geld für die Bildung hoffen lässt.
Opposition: Mehr Geld und Kooperationsverbot abschaffen
Genau hier setzt die Opposition an, wie Grünen-Chefin Franziska Brantner. Für sie stellen die Bildungs-Befunde nichts Neues dar. All das fordere man seit Jahren. Jetzt brauche es mehr Geld vom Bund, sonst werde es später nur teurer.
Schärfer formuliert es die Linke, Bildungspolitikerin Nicole Gohlke spricht von einem “Bildungs-Roulette, bei dem die Herkunft über die Zukunft entscheidet”. Jedes Kind habe ein Recht auf gute Bildung – egal, ob es in der Villengegend oder im Plattenbau aufwachse. Das sei keine Frage der Zuständigkeit, sondern der Gerechtigkeit.
Ihre Konsequenz: Das Kooperationsverbot, das eine dauerhafte Zusammenarbeit von Bund und Ländern in der Bildung beschränke, müsse fallen.
Eine Aufgabe für viele Jahre
Bleibt die Erkenntnis: der Abbau von Bildungsungleichheit ist eine Aufgabe für viele Jahre. Das angekündigte Gesetz ist bislang vor allem ein Versprechen – alle Probleme werden damit nicht gelöst, das weiß auch Karin Prien.
Für Studienautor Maaz folgt daraus vor allem eine andere Sicht auf das Thema: “Bildung gehört ins Zentrum staatlicher Zukunftspolitik – nicht als Randthema, sondern als zentrale Zukunftsinvestition.” Ob die Bundesregierung diesen Anspruch einlöst, wird sich vor allem daran zeigen, ob sie Förderungen dorthin lenkt, wo die Schere sich öffnet: an den Anfang der Kindheit.


