Zehn Tage lang haben mehr als 5.000 Delegierte in Bonn die nächste Weltklimakonferenz im November vorbereitet. Dabei gab es Fortschritte, aber auch Widerstände. So ist von “schwerwiegenden” Angriffen auf die Wissenschaft die Rede.
Es ist ein gemischtes Fazit, das Delegierte und Umweltverbände nach den Klimaverhandlungen in Bonn ziehen. Auch UN-Klimasekretär Simon Stiell sprach zum Abschluss der Konferenz von Fortschritten in vielen Bereichen, genauso wie Seitwärtsbewegung und Stillstand in anderen Punkten.
Doch die aktuelle fossile Energiekrise sei ein treibendes Thema in Bonn gewesen, sagt Forscher Niklas Höhne vom New Climate Institute: “Dieser Schock ist nachhaltig und viele haben sich jetzt schon entschlossen, wegzukommen von den fossilen Energien.” Elektroautos und Wärmepumpen boomten weltweit. Die Krise werde einen nachhaltigen Effekt haben.
Freiwillige Initiative von Türkei und Australien
Die Gespräche in Bonn haben den UN-Klimagipfel COP31 im November im türkischen Antalya vorbereitet. Am Donnerstag gingen sie nach zehn Tagen zu Ende. Zum Auftakt der Verhandlungen hatte der designierte Präsident der kommenden Weltklimakonferenz, Murat Kurum, seine Vision für die Welt vorgestellt: “Wir wollen die Energiewende vorantreiben, indem wir den weltweiten Elektrifizierungsgrad auf 35 Prozent steigern”, sagte er. Nach Zahlen der Internationalen Energieagentur (IAE) liegt der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch aktuell bei rund 20 Prozent. Es sei nun Zeit, ans Umsetzen zu kommen, so die türkisch-australische Doppelspitze der künftigen Klimakonferenz.
Zwar basiert die Vision auf Freiwilligkeit und lanciert die UN-Klimaverhandlungen lediglich. Doch Experte Höhne sieht darin einen Ansatz, der sich in Antalya in konkrete Ergebnisse übersetzen könnte: “Meine Hoffnung wäre, dass so ein Ziel wie das Elektrifizierungsziel tatsächlich abgestimmt wird von allen Ländern.” Eine aktuelle in Bonn veröffentlichte Analyse des Climate Action Trackers offenbart, dass längerfristige, strukturelle Reformen von Ländern künftige fossile Energiekrisen abpuffern können.
Konflikte bei Fragen der Klimafinanzierung
Doch eine fossile Welt umzubauen, weg von Kohle, Öl und Gas, hin zu mehr Strom aus Erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne, kostet – kurzfristig – Geld. Und dieser alte Konflikt zeigte sich auch in Bonn: Entwicklungsländer forderten, in Antalya neu darüber zu verhandeln, woher das auf der Klimakonferenz in Baku (COP29) beschlossene Geld für Klimaschutz und Anpassung kommen soll.
Außerdem ist die Frage offen, auf welche Basis sich die bereits verabschiedete “Verdreifachung” des Geldes für Klimaanpassung bezieht: “Da gibt es im Moment unüberwindbare Widersprüche in den jeweiligen Positionen und das wird uns dann wahrscheinlich auch auf der Klimakonferenz in diesem Jahr wieder begegnen”, sagt Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam, der die Verhandlungen beobachtete.
Das Bonner Treffen sollte den Ländern dabei ermöglichen, erste Allianzen zu schmieden, um solche Konflikte bis in Antalya im besten Fall ausräumen zu können. Dabei zeige nicht nur die fossile Energiekrise, die Düngemittel weltweit verteuert, wie wichtig die Anpassung an Klimafolgen wie Dürren oder Starkregen für Länder des globalen Südens sei, sagt Laura Schäfer von Germanwatch: “Zusammen mit dem aufziehenden El Niño im Pazifik, der Extremwetter verschärft, könnte das zu einer großen Ernährungskrise führen.”
Angriffe auf die Klimawissenschaft
Ein weiterer Sorgenpunkt der Länder: In den Verhandlungsräumen sei zunehmend das wissenschaftliche Fundament des Pariser Abkommens hinterfragt worden, wie Verhandlerin Anne Rasmussen aus Palau für die Gruppe der kleinen Inselstaaten (AOSIS) erklärt: “Wir sind äußerst besorgt darüber, dass es die Auseinandersetzung mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen deutlich in den Hintergrund gerückt ist.”
Dabei sei das Festhalten an Maßnahmen im Einklang mit dem 1,5-Grad-Limit ein “Rettungsanker” der kleinen Inselstaaten. Auch Bundesumweltminister Carsten Schneider spricht von “schwerwiegenden” Angriffen auf wissenschaftliche Grundlagen.
Visa-Probleme der Zivilgesellschaft
In einem offenen Brief kritisierten mehr als 80 Umweltverbände außerdem, dass es immer wieder bei den Bonner Treffen zu Abweisungen von Teilnehmenden vor allem aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten kommt. Der Visa-Prozess für Bonn sei aufwendig und Ablehnungen schwer nachvollziehbar, wie eine Umweltaktivistin aus Uganda berichtet. Dabei sei schon die Teilnahme bei den Bonner Gesprächen gerade für Menschen aus solchen Ländern relevant, die von Klimafolgen stark betroffen sind: “Was in Bonn nicht thematisiert wird, kommt in Antalya auch nicht auf die Agenda.”
Es waren vor allem verfahrenstechnische Fragen, die in Bonn laut Verhandlungskreisen dominierten und wesentliche Streitpunkte zum Beispiel zur Klimafinanzierung offen ließen. Es wird nun auf das Verhandlungsgeschick der Doppelspitze aus der türkischen und australischen COP31-Präsidentschaft in den kommenden sechs Monaten ankommen, ob diese Streitpunkte auch den Start der Weltklimakonferenz im November in der Türkei überschatten.


