Porträt
Er ist der erste Linken-Vorsitzende mit Migrationsgeschichte: Luigi Pantisano, Kind italienischer Gastarbeiter. Der Schwabe hat Großes vor mit seiner Partei. Doch er startet mit wenig Rückhalt.
Luigi Pantisano passt nicht in die roten Badelatschen, die Jan van Aken zum Abschied von seiner Partei bekommen hat. Die Badelatschen sind Pantisano mindestens drei Nummern zu groß. Van Aken kandidiert aus gesundheitlichen Gründen nicht erneut für das Amt des Linken-Parteichefs. Er hinterlässt nicht nur körperlich große Fußstapfen.
In seiner Abschiedsrede gibt der scheidende Chef seiner Partei eine Vision mit auf den Weg. Die Linke habe das Zeug zur Volkspartei, zu Wahlergebnissen von 25 Prozent. Und van Aken fügt lächelnd hinzu: “Das ist kein Traum. Das ist ein Auftrag.”
Nur jeder Zweite stimmte für ihn
Ein schwerer Auftrag für den neuen Chef, der mit wenig Rückhalt ins Amt startet. Pantisano war der einzige Kandidat für die Nachfolge von van Aken, es gab nicht mal eine Spaßkandidatur gegen ihn.
Und doch bekam Pantisano nur 53 Prozent der Stimmen. Bei vielen Enthaltungen stimmten 30 Prozent der Delegierten gegen ihn. Ein knappes und schlechtes Ergebnis. Vor allem im Vergleich zur umjubelten Co-Vorsitzenden Ines Schwerdtner, die mit 85 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt wurde. Pantisano hatte zuvor mit Äußerungen zur Union auch parteiintern für Irritationen gesorgt.
Kind hart arbeitender Menschen
Pantisano kommt aus Waiblingen bei Stuttgart und sitzt für die Linke im Bundestag. Vor sechs Jahren wäre er fast mal Oberbürgermeister von Konstanz geworden.
Er will vor allem die Arbeiterschaft für die Linke zurückgewinnen – den erfolgreichen Haustürwahlkampf der Partei auch an den Werkstoren fortsetzen. Pantisano erzählt viel von Gesprächen mit “Kolleginnen und Kollegen”, von hart arbeitenden Leuten, die “den Laden am Laufen halten” – und sich trotzdem das Leben nicht mehr leisten könnten.
Der neue Linken-Chef sieht sich als einer von Ihnen. Seine Eltern – italienische Gastarbeiter – hätten mehrere Jobs gleichzeitig gemacht, um Ihren Kindern ein besseres Leben zu erarbeiten. Politik habe auf Menschen wie ihn oft herabgeschaut.
Günther Jauch statt Karl Marx
Seine Eltern haben in einem Verlag deutsche Schulbücher hergestellt, die sie selbst gar nicht lesen konnten. “Bei uns zuhause gab es keine Bücher”, erzählt Pantisano. Es sei immer der Fernseher gelaufen. “Ich habe mein Wissen nicht aus Lexika oder den Büchern von Karl Marx – sondern aus ‘Wer wird Millionär’.”
Diese Geschichte erzählt Pantisano oft. Dass er ausgerechnet in Potsdam – der Heimat von ‘Wer Wird Millionär’-Moderator Günther Jauch – zum Linken-Parteichef gewählt wird, freut ihn. “Das Ziel wäre jetzt, dass Günther Jauch ein Stück von seinen Millionen auch abgibt und ordentlich Steuern zahlt”, erklärt er. “Das wäre doch ein guter Deal.“
Der erste Parteichef mit Migrationsgeschichte
Pantisano verkörpert viele neue Mitglieder seiner Partei. Die Linke hat Ihre Mitgliederzahl innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Sie ist jünger, weiblicher, westdeutscher und migrantischer geworden. Pantisano ist der erste Linkenchef mit Migrationsgeschichte. Und doch startet er mit einem schlechten Ergebnis ins Amt.
Das könnte auch an der Lust der neuen Mitglieder am “dagegen sein” liegen. Vor allem junge Linke fordern auf dem Parteitag mehr Basisdemokratie, mehr Redezeit für Delegierte – und weniger für die Parteiführung. Mit unzähligen Anträgen zur Geschäftsordnung ziehen sie die Debatten in die Länge.
Ines Schwerdtner hat sich in dieser diskussionsfreudigen Partei als einende Moderatorin etabliert. Pantisano ist eben der neue Kollege, der in die großen Schuhe des alten Chefs noch hineinwachsen muss. Schwerdtner muss ihn dabei unterstützen.
Schließlich lautet ein von ihr in Potsdam mehrfach wiederholtes Motto der Linken: “Niemals allein, immer gemeinsam.”

