Stand: 30.06.2026 • 06:58 Uhr

Singapur hat ein ehrgeiziges Ziel: Es will der KI-Hub für die gesamte Region werden. Auch deshalb macht Singapur mit staatlich subventionierten Kursen die breite Bevölkerung fit.

Jennifer Johnston

Die 46-jährige Joy Nucharee leitet einen Massagesalon im Finanzzentrum Singapurs. Mit 16 anderen sitzt sie in einem vom Staat geförderten Kurs – KI für Anfänger. “Ich möchte lernen, wie ich mit KI Werbeposter erstelle, um mehr Kunden auf meinen Laden aufmerksam zu machen”, erzählt sie. Zudem hofft Nucharee, dass ein Chat-Bot standardmäßige Kundenanfragen automatisch für sie beantworten könnte und die Gehaltsabrechnung für ihre rund 50 Mitarbeitenden vereinfacht.

Die Teilnehmer des KI-Kurses sind zwischen 30 und 75 Jahre alt. Die meisten sagen, sie hätten bisher nichts oder wenig mit Künstlicher Intelligenz zu tun gehabt. Aber sie wollen lernen, wie sie KI in ihrem Alltag nutzen können.

Die 59-jährige Susan Chang ist Klavier-Lehrerin und hofft, mit Hilfe von KI Musikstücke komponieren zu können. Ein paar Reihen weiter sitzt der 75-jährige Anwalt Conrad de Souza. “Die Behörden sagen uns immer wieder, wir sollen lernen, mit KI umzugehen. Sonst würden wir nach und nach aus dem Arbeitsmarkt verdrängt.” Trotz seines Alters möchte er noch einige Jahre arbeiten. Täglich sehe er Berichte darüber im Fernsehen. Die Regierung betone dort ständig, wie wichtig KI sei.

Lehrer Davian erklärt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, dass es vor allem auf die Anweisungen ankomme, die der KI gegeben werden.

Subventionierte Kurse

Der eintägige Weiterbildungskurs wird daher von der Regierung gefördert – täglich stehen mehrere Kurse zur Auswahl. Singapurer zahlen nur einen Bruchteil des eigentlichen Preises. Das kleine Land in den Tropen will seine Bevölkerung fit machen für die Zukunft. Die Regierung hat angekündigt, bis 2030 umgerechnet mehr als 670 Millionen Euro in KI-Forschung, Entwicklung und die Förderung von Talenten zu investieren.

Während viele Länder noch über den Einsatz von KI diskutieren, fördert Singapur den Einsatz der Technologie in der Privatwirtschaft und öffentlichen Verwaltung. Mit einem klaren Ziel: Singapur soll KI-Hub für die gesamte Region werden.

Lehrer Davian versucht den Teilnehmenden zu erklären, wie wichtig konkrete Formulierungen sind, wenn sie mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Er vergleicht die KI mit einem dreijährigen Kind. “Wenn du ein Kind bittest: ‘Geh und hol mir ein Glas Wasser.’ Würdest du es trinken? Es könnte Leitungswasser sein. Es könnte aber auch Wasser aus der Toilettenschüssel sein. Anweisungen sind sehr wichtig!”

Testmarkt für den großen internationalen Markt

Singapur habe nicht den Anspruch, die größten und besten Modelle zu entwickeln, die derzeit noch aus den USA kommen, erklärte kürzliche Premierminister Lawrence Wong. “Unser Vorteil als kleine Stadt liegt darin, ein Zentrum für KI-Anwendungen zu sein – ein Ort, an dem KI-Modelle und KI-Anwendungen getestet, in realen Anwendungsfällen eingesetzt und anschließend in größerem Maßstab ausgerollt werden können.” Singapur also als Testmarkt für den großen internationalen Markt.

Angesichts einer sehr niedrigen Geburtenrate und offener Stellen könne KI helfen, die Produktivität des Staates zu steigern. “Wir werden KI nutzen, um die Wirtschaft wachsen zu lassen. Und wir werden sicherstellen, dass dieses Wachstum zu guten Arbeitsplätzen und besseren Löhnen führt.” Künstliche Intelligenz werde Singapurer Jobs kosten, aber auch neue schaffen.

Zudem gebe es keine Alternative, als sich für die neue Technologie zu öffnen, betont Kommunikationsministerin Josephine Teo auf einer großen KI-Konferenz in Singapur. “Es ist verlockend zu sagen: Lasst uns das Tempo drosseln. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es Unternehmen gibt, die nicht in Singapur tätig sind und mit voller Geschwindigkeit voranschreiten.” Wenn Singapur den Anschluss verliere, werde das ebenfalls Jobs kosten.

Erhebliche finanzielle Mittel

Premierminister Lawrence Wong koordiniert die nationale KI-Strategie persönlich. Dieses Jahr hat Singapur einen KI-Rat ins Leben gerufen, der alle Maßnahmen bereichsübergreifend koordiniert. Premierminister Wong ist der Vorsitzende. Die Regierung setzt ihren Schwerpunkt derzeit auf Fertigung, Logistik, Finanzwesen und Gesundheitswesen.

Sophia Lugo ist Mitgründerin eines Start-ups im Biotech-Bereich. Wie tausende andere ist sie zur SuperAI-Messe nach Singapur gekommen, um sich mit anderen über die Möglichkeiten von KI auszutauschen. Singapur gelinge es in kürzester Zeit, Menschen zusammenzubringen, die bereit sind, gemeinsam zu arbeiten, sagt sie. “Professoren verschiedener Institute arbeiten hier bereitwillig zusammen und verfügen jeweils über ein tiefes Fachwissen auf ihrem Gebiet.” Zudem stelle die Regierung erhebliche finanzielle Mittel bereit. In den USA, wo sie herkommt, sei die Bürokratie enorm. Das gelte auch für Deutschland und Europa

Umgang mit KI steuern

Während die EU stark auf Regulierung setzt, versucht Singapur eher, Unternehmen und Behörden praktische Werkzeuge an die Hand zu geben, um KI verantwortungsvoll einzusetzen. Mit dem Testsystem AI Verify können Unternehmen ihre KI-Systeme auf Zuverlässigkeit überprüfen.

Die Logik dahinter: Unternehmen und Nutzer werden KI nur akzeptieren, wenn sie ihr vertrauen. Es geht Singapur also nicht nur darum, KI zu fördern, sondern darum, den Umgang mit ihr zu steuern. Angst könne nicht die Antwort auf technologischen Fortschritt sein, so Premierminister Wong.

Der Umgang mit KI sei, wie eine neue Sprache zu lernen, sagt Kommunikationsministerin Josephine Teo. “Es mag eine Sprache sein, in der wir uns nicht vollkommen wohl fühlen. Und wir erwarten auch nicht, dass jeder ein Experte wird.” Aber jeder solle genug lernen, um die Sprache der KI im Alltag sinnvoll nutzen zu können.

Im KI-Kurs für Anfänger gehen sie dafür die ersten Schritte. Wer mehrere ausgewählte KI-Kurse besucht hat, wird mit einem kostenlosen Zugang zu KI-Tools belohnt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *