Die verheerenden Erdbeben in Venezuela verschärfen die ohnehin schwierige Lage im Gesundheitswesen. Tausende Verletzte müssen versorgt werden, doch den Krankenhäusern fehlt das Nötigste.
Vor einem Krankenhaus in Caracas sitzen Patienten auf Plastikstühlen. Eine Frau liegt mit angewinkelten Beinen auf einer Matratze. Ein Arzt im weißen Kittel verteilt Fruchtmus in Quetschbeuteln an die Wartenden. Es ist eine staatliche Einrichtung der höchsten Stufe. Eigentlich sollten hier hochkomplexe chirurgische Eingriffe möglich sein – in der Theorie.
Doch der Krankenhausbetrieb stehe kurz vor dem Kollaps, erzählt der leitende Arzt wütend. Er spricht schnell, möchte anonym bleiben, aus Angst vor der Repression der Regierung. Die Krise habe nicht mit dem Erdbeben begonnen, sie sei auf staatliches Unvermögen zurückzuführen, sagt er. “Ein Krankenhaus dieser Kategorie, das eigentlich gut ausgestattet sein sollte, verfügt nicht einmal über ein einfaches Labor. Es gibt keine Röntgengeräte. Weder einen Computertomographen noch einen Magnetresonanztomographen.”
Mangel an grundlegender Ausstattung
Genau dieser Mangel an grundlegendem Equipment wird bei der Versorgung der Erdbebenopfer zur tödlichen Falle. Denn für eine erfolgreiche Rettung braucht es eine sofortige medizinische Reaktion. Der Arzt nennt ein Beispiel: “Wenn eine Person unter Trümmern begraben ist und dem Druck ausgesetzt ist – was wir als Quetschtrauma bezeichnen – werden Substanzen freigesetzt. In dem Moment, in dem man die Person befreit und rettet, glaubt man, dass alles wieder in Ordnung ist. Diese Substanzen schädigen jedoch die Nieren.” Die Patienten kämen ohnehin schon in einem sehr späten Stadium ins Krankenhaus. Es gehe nicht um Minuten, sondern um Sekunden – die machten den Unterschied.
Tausende Menschen brauchen medizinische Hilfe
Tausende Menschen wurden in den letzten Tagen in die Gesundheitszentren und Krankenhäuser gebracht. Auch internationale Hilfsorganisationen warnen vor einer Überlastung des angeschlagenen venezolanischen Gesundheitssystems nach den zwei starken Erdbeben in der vergangenen Woche. Laut Angaben der venezolanischen Regierung haben die Erdstöße landesweit 38 Krankenhäuser beschädigt. Drei sind nicht mehr in Betrieb.
Die fehlenden Investitionen und das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Gesundheitssystem stehe unter extremem Druck, erklärt WHO-Sprecher Christian Lindmeier. Zudem kämen in der Katastrophensituation nun weitere Risiken hinzu, etwa Ausbrüche von Krankheiten, die durch Impfungen vermeidbar wären wie Masern, Diphtherie und Keuchhusten. Zudem steige die Gefahr für Gelbfieber-Ausbrüche und andere durch Vektoren oder über das Wasser übertragene Krankheiten, darunter Dengue-Fieber, Chikungunya, Zika, Oropouche und Malaria.
Ohne freiwillige Helfer geht es nicht
Die Ärzte und das Krankenhauspersonal arbeiten am Limit. Die meisten haben in den vergangenen Tagen nur wenige Stunden geschlafen. Viele haben sich freiwillig gemeldet, um zu unterstützen. Der Arzt winkt eine Kollegin heran. Sie sei das beste Beispiel. Sie habe ein privates Labor und führe für das Krankenhaus die Untersuchung durch und werte sie kostenlos aus. Und das nicht erst seit dem Beben.
Das Land befinde sich seit zehn Jahren in einer Krise, sagt der Arzt. Nun sei es auch noch vom Beben getroffen worden. Dann stelle sich die Frage: “Woher kommt die Reaktion auf die Katastrophe? Die Antwort kommt von der Zivilbevölkerung, von den Menschen, die sich ihrer Aufgabe verschrieben haben.”
Das Erdbeben verschärft eine gesundheitliche und strukturelle Krise, die bereits seit Jahren besteht.