Stand: 02.07.2026 • 03:21 Uhr

Vor sechs Monaten ist Venezuelas Langzeitmachthaber Maduro festgenommen worden. Mit Interimspräsidentin Rodriguez kam Hoffnung auf einen Aufschwung auf. Nach den verheerenden Erdbeben ist davon wenig übrig.

Jenny Barke

Rettungskräfte stehen auf einem Trümmerhaufen. Sie ziehen eine erschöpfte Frau unter dem Geröll hervor. Sie wird von Freiwilligen weggetragen. Dann bittet ein Mann mit einem Megafon um Ruhe, damit man unter dem zusammengefallenen Gebäude mögliche Hilferufe hören kann.

In nur 39 Sekunden haben zwei Erdbeben das zunichte gemacht, woran Venezuela seit Monaten geglaubt hat: Die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Katastrophe als Stresstest für Rodriguez

Regierungsangaben zufolge sind mindestens 2.295 Menschen ums Leben gekommen, 11.267 weitere wurden verletzt. Immer noch gelten viele Menschen als vermisst. Interimspräsidentin Delcy Rodriguez kündigte ab Donnerstag eine siebentägige Staatstrauer an.

Das Erdbeben werde für die Regierung zum Stresstest, sagt Phil Gansen von der Crisis Group. “Diese Katastrophe legt die mangelnde Leistungsfähigkeit offen, die Improvisation und Korruption. Ein Staat, der vorgegeben hat, alles im Griff zu haben, dabei mangelt es an allem, vor allem an Führung und Koordination.”

Wut in der Bevölkerung groß

Dabei hatte Interimspräsidentin Rodriguez zeigen wollen, wie offen ihr Land ist. Nach der Festnahme des Langzeitmachthabers Nicolas Maduro im Januar hat sie eine politische und wirtschaftliche Kehrtwende hingelegt.

Sie kündigte die Freilassung politischer Gefangener an, entmachtete Maduro-treue Minister und setzte eigene Vertraute ein. Den mächtigen Verteidigungsminister degradierte sie zum Landwirtschaftsminister.

Aber für die Katastrophe war das Regime nicht gewappnet. Die Wut der Bevölkerung ist groß. Die eigene Regierung habe zu spät, zu unkoordiniert und vielerorts schlicht nicht ausreichend auf die Erdbeben reagiert, so die Vorwürfe.

Wachsende Armut und hohe Preise

Bei einem Besuch in einem besonders verwüsteten Viertel in Caracas wird Rodriguez ausgebuht. “Sie machen aus der Tragödie eine politische Kampagne”, ruft eine Frau.

Zehntausende sind nach den Beben obdachlos. Schon jetzt leben 70 Prozent der Bevölkerung in Armut. Zum Vergleich: Der Mindestlohn liegt mit Bonuszahlungen aktuell bei 240 US-Dollar monatlich. 200 Gramm Butter kosten im Supermarkt gerade neun US-Dollar.

Erdbeben beschädigen Förderanlagen

Vor den Erdbeben hatten viele gehofft, dass jetzt der Aufschwung kommt, da sich Venezuela für Investoren geöffnet hat. Anfang des Jahres sah Venezuelas Regierung noch Investitionen von 1,4 Milliarden US-Dollar für 2026 voraus.

Etwa 100 Milliarden US-Dollar müsste man laut US-Analysten aber investieren, um jetzt die maroden Ölförderanlagen zu reparieren; 70 Mal so viel wie vorgesehen.

Forderung an die USA

Elias Ferrer ist Berater für ausländische Investoren in Venezuela. In der Not sei jetzt wichtig, dass die USA die Gelder freigeben, die im Ölsektor erwirtschaftet worden sind.

“Was Trump hier tun kann, ist, Venezuela kein Geld zu schenken, sondern das Geld freizugeben, das bereits Venezuela gehört, das aber von den USA aus den Ölverkäufen einbehalten wird.” Das wäre viel mehr als ein einzelnes Land an Finanzhilfen bereitstellen kann, so Ferrer.

Der Wiederaufbau nach den Erdbeben wird noch lange dauern. Venezuela wird dafür langfristig auf internationale Hilfen und Spenden angewiesen sein.

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