Vor 1.000 Tagen überfiel die Hamas Israel. Seitdem befinden sich die Menschen dort und im Gazastreifen in der Dauerkrise: zerstörte Gemeinschaften, traumatisierte Überlebende und kein Ende des Konflikts.
1.000 Tage danach. In vielen der israelischen Kibbuzim entlang der Grenze zum Gazastreifen herrscht heute Stille. Zwar ist die Erleichterung über die überstandene Geiselkrise groß, seit die letzten Verschleppten im vergangenen Oktober wieder zu ihren Familien zurückkehren konnten. Doch die Wunden des 7. Oktober 2023 heilen nur langsam.
Gal Cohen, der Leiter des Kibbuz Be’eri muss immer wieder an diesen Schicksalstag zurückdenken: “Zehn oder 15 Terroristen standen um das Haus herum. Sie forderten alle auf, herauszukommen. Andernfalls würden sie das Haus anzünden. Manche, die herauskamen, haben sie einfach entführt.” Die meisten Leute aus Be’eri hätten die Terroristen nicht entführt, berichtet Cohen. Sie hätten sie gefesselt und “ihnen einfach in den Kopf geschossen”.
Fast jeder Zehnte entführt oder getötet
Ganze Dorfgemeinschaften wurden damals zerrissen, Häuser niedergebrannt. Viele Rückkehrer und Hinterbliebene kämpfen bis heute mit schweren Traumata. Im Kibbuz Kfar Aza wurde fast jeder zehnte Einwohner getötet oder in den Gazastreifen entführt. Seither habe sich das Leben in dem Kibbuz komplett geändert, sagt Ralph Levinson, der deutschsprachig aufwuchs und den Tag der Terrorattacke in Kfar Aza nur mit viel Glück überlebte.
“Von 100 Prozent auf null. Ist kein Gemeinschaftsleben hier. Nichts. Ist kein Laden hier, keine Klinik, kein Busverkehr von der staatlichen Busgesellschaft, ist kein Speiseraum. Keine Dienste. Deshalb ist es sehr schwierig, hier zu wohnen. Auch keine Kinder wohnen hier”, berichtet Levinson.
Ein Mann steht vor Gedenktafeln, die junge Menschen zeigen. Auch 1.000 Tage nach dem Angriff der Hamas auf Israel ist das Leid der Menschen noch präsent.
Ausnahmezustand im Gazastreifen
Der Terrorattacke der Hamas folgte eine beispiellose militärische Offensive der israelischen Armee. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind im Gazastreifen im Verlauf des Krieges mehr als 70.000 Palästinenser getötet worden. Mehr als 80 Prozent aller Häuser und Wohnungen seien zerstört. Eine ganze Generation wächst inmitten von Ruinen auf. Es mangelt an sauberem Trinkwasser, an ausreichend Nahrungsmitteln, an Medikamenten, an sicherem Wohnraum.
Wisal Abu Khater, die ursprünglich aus Chan Junis stammt, beklagt im Interview mit der Nachrichtenagentur AP die katastrophalen Lebensbedingungen: “Wir sind von einer Katastrophe in die nächste geschlittert. Was ist das für eine Waffenruhe? Wo sind die arabischen Staaten? Schauen die nur die Fußball-Weltmeisterschaft? Sie sollten auf uns schauen. Wir sterben jeden Tag, jede Sekunde.” Kinder seien die ganze Nacht auf der Straße, würden nicht schlafen können, “sie schreien nur”.
UN-Bericht wirft Israel vor, Kinder gezielt anzugreifen
Die israelische Kriegsführung steht international in der Kritik. Eine UN-Untersuchungskommission hat den israelischen Sicherheitskräften gerade erst in einem Bericht vorgeworfen, Kinder systematisch und gezielt anzugreifen und auch zu töten. Der Vorwurf lautet, Israel begehe an den Palästinensern einen Völkermord.
Israel weist dies entschieden zurück. Der UN-Bericht sei voller Verzerrungen, deren einziger Zweck darin bestehe, eine politisch motivierte antiisraelische Erzählung voranzutreiben. Israelische Politiker verweisen stattdessen auf die Kriegsführung der Terrororganisation Hamas. Diese missbrauche systematisch Kinder als Kämpfer, Boten, Tunnelarbeiter und menschliche Schutzschilde. Zudem lagere die Terrororganisation Waffen gezielt an Orten, die Kinder gefährdeten.
1.000 Tage Dauerkrise
Nach 1.000 Tagen Krieg ist der Gazastreifen zweigeteilt. Israel besetzt deutlich mehr als die Hälfte des Küstenstreifens, während die Hamas dort, wo sie das Sagen hat, wieder aufrüstet. Israels Premier Benjamin Netanjahu reagiert darauf: “Die wichtigste Maßnahme, die wir ergriffen haben – und die auch hier umgesetzt wird -, besteht darin, Puffer- und Sicherheitszonen zu schaffen: nicht auf unserer Seite der Grenze, sondern auf ihrer. Wir tun dies im Libanon. Wir haben es im Gazastreifen getan.”
1.000 Tage nach dem schwärzesten Tag in der jüngeren Geschichte Israels ist die Dauerkrise nicht ausgestanden. Zurück bleiben Menschen auf beiden Seiten der Grenze, die nun die Trümmer der Vergangenheit wegräumen müssen – in den Köpfen ebenso wie in den Straßen.
