Stand: 06.07.2026 • 19:27 Uhr

Etwa 900 Menschen leben unter den Hochgleisen der Metro-Linie 2 in Paris. Im Gegensatz zu anderen informellen Camps räumt die Polizei dieses Migranten-Lager nicht, sondern scheint Menschen vielmehr dorthin zu bringen.

Carolin Dylla

Unter den Hochgleisen der Metro-Linie 2 in Paris reihen sich Hunderte Zelte aneinander. Schmutzige Matratzen und Wolldecken pflastern den Boden. Vor dem Container der Hilfsorganisation Ärzte der Welt warten die Menschen geduldig, dass ihre Nummer aufgerufen wird.

“Es sind Krankheitsbilder, die mit einer extremen sozialen Unsicherheit und dem Leben auf der Straße zusammenhängen”, sagt Paul Alauzy von Ärzte der Welt. Nach zwei Wochen hier habe jeder Bauchschmerzen wegen Unterernährung, Kopfschmerzen, sei durch die Hitze dehydriert oder habe Gelenkschmerzen. Etwa 900 Menschen leben im Camp an der Metro-Station Stalingrad, unter teils katastrophalen hygienischen Bedingungen.

Die Hitzewelle Ende Juni habe ihnen zugesetzt, erzählen Said aus Iran und Youssouf aus dem Sudan: keine Abkühlung, kaum Wasser oder Essen. “Es war sehr schwierig. Obwohl ich ganz ohne Kleidung in meinem Zelt geschlafen habe, war es unerträglich, wir konnten nicht nach draußen”, sagt Said. Youssouf ergänzt, es sei hart. Es gebe keine Klimaanlage, kein Essen, kein Wasser – gar nichts.

“Wir schicken die Menschen zur Metro-Station Stalingrad”

Manche hier haben eine Aufenthaltserlaubnis, viele haben sie nicht. Andere sind sogenannte Dublin-Fälle, also bereits in anderen europäischen Ländern als Asylsuchende registriert. Für einige ist Paris eine Durchgangsstation auf dem Weg nach Großbritannien. Andere waren schon dort, wurden zurückgeschickt und hängen jetzt im administrativen Niemandsland.

Eigentlich werden derartige informelle Zeltlager in der Stadt von der Polizei konsequent geräumt; meist bei Tagesanbruch. Das an der Metro-Station Stalingrad jedoch nicht, berichtet Alauzy von Ärzte der Welt.

Ich habe mit einem Kommissar gesprochen, der für die Nachteinsätze in Paris und den Vororten zuständig ist. Er sagte: ‘Wenn wir anderswo Camps entdecken, schicken wir die Menschen zur Metro-Station Stalingrad. Einmal im Monat kommt dann ein Bus, um sie in Aufnahmezentren in den Regionen zu bringen.

Die Polizei und die Präfektur hätten also offiziell festgelegt, dass die Erstaufnahme die Straße sei – unter der Metro-Linie 2, so Alauzy. Die Präfektur teilte auf Anfrage mit, sie werde sich weder zu diesen Vorwürfen äußern, noch allgemein Fragen zum Camp beantworten – oder dazu, wie die Sicherheitsbehörden damit umgehen.

Streit um Zuständigkeiten

Es fehle einfach der politische Wille, die Unterbringung der Menschen zu organisieren, sagt Fatoumata Koné. Die Grünen-Politikerin ist stellvertretende Bürgermeisterin von Paris und zuständige Dezernentin für Solidarität und den Kampf gegen Ungleichheit.

Jedes Mal, wenn die Zeltlager zu groß oder zu sichtbar werden, bricht erneut der Streit darüber aus, wer für die auf der Straße gestrandeten Menschen zuständig ist. Dabei ist die gesetzliche Regelung eindeutig: Verantwortlich sind der Staat und die Départements, nicht die Verwaltungsebene darunter, die Gemeinden.

Oberbürgermeister Emmanuel Grégoire will in den kommenden Jahren 4.000 neue Notschlafplätze in Paris schaffen. Dafür braucht die Stadt aber die Hilfe der übergeordneten Ebenen.

“Wir bemühen uns weiter um den Dialog mit den staatliche Ebenen, diskutieren, um gemeinsam daran zu arbeiten, dass unser Plan für mehr Notunterkünfte umgesetzt wird. Aber ich sage es deutlich: Wenn der Staat nicht mitzieht und wir keine Unterstützung an dieser höchsten Stelle bekommen, dann wird das schwierig”, sagt Vize-Bürgermeisterin Koné.

Derweil harren die Menschen im Camp unter den Hochgleisen der Metro-Linie 2 weiter aus. Es ist Symbol für ein Problem, das in Paris lange bekannt ist – das nun rund um die Station Stalingrad aber eine neue Dimension erreicht hat.

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