Die USA waren lange ein Sehnsuchtsort für Künstler. Aber wie lange noch? Einige Kulturinstitutionen suchen neue Verbündete in der Welt – andere wollen gerade jetzt vor Ort präsent sein.
Der Hollywood-Workshop war für die Filmakademie Baden-Württemberg lange eine Art Aushängeschild. Drei Wochen Los Angeles, Besuche bei Netflix oder den Paramount Studios, mit Drehbuchautoren sprechen und Workshops besuchen – so sah die Agenda des Workshops 2024 aus.
Doch diese Bildungsreise ist erst einmal Geschichte. Wenige Wochen nach Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident und wenige Wochen nach Amtsantritt von Andreas Bareiß als neuer Direktor der Filmakademie in Ludwigsburg kündigte die langjährige Partner-Hochschule in Los Angeles ohne Angaben von Gründen das Kooperationsabkommen auf und war daraufhin nicht mehr erreichbar – bis heute.
Einreisefeindliche Haltung der Trump-Regierung verunsichert
Das Kollegium habe zwar versucht, ohne die Partnerhochschule in Los Angeles ein neues Projekt in den USA auf die Beine zu stellen, aber die Bedenken waren am Ende zu groß. “Das fiel dann zusammen mit der extrem einreisefeindlichen Haltung der neuen Trump-Regierung”, sagt Bareiß.
In dieser Zeit gab es immer wieder Meldungen über deutsche Staatsbürger, die an der US-Grenze abgewiesen wurden. Bareiß habe das auch in seinem direkten Umfeld erlebt. Er habe die Studierenden nicht guten Gewissens in die USA schicken können, sagt er. Der Hollywood-Workshop wurde abgesagt.
Diffuses Gefühl der Unberechenbarkeit
Die Sorge über die Einreise in die USA treibt nicht nur Bareiß und seine Studierenden um, auch andere Kulturschaffende hatten im letzten Jahr Bedenken. Die Hamburger Band Meute etwa gab im April 2025 an, sich mit politischen Statements zurückzuhalten, um keine Probleme auf ihrer USA-Tour zu bekommen.
Auch das Goethe-Institut in Washington hat vereinzelt Absagen von deutschen Kulturschaffenden bekommen – wegen der Angst vor der Einreise. Institutsleiter Klaus Krischok hat Verständnis, dass Künstler – gerade aus der LGBTQ+-Community – Sorge hätten einzureisen. “Es ist ein diffuses Gefühl, und das Ganze ist ein wenig unberechenbar”, sagt er. Tatsächlich abgewiesen worden sei bisher allerdings kein Gast des Goethe-Instituts.
Druck auf US-amerikanische Kulturinstitutionen
Der Druck auf Kulturinstitutionen in den USA wächst. Direkt nach Amtsantritt hatte Trump das Kennedy-Center in Washington als “zu woke” eingestuft und begonnen, das Programm nach seinem Geschmack umzubauen. Seit Dezember trägt die renommierte Kultureinrichtung den Namen “Trump-Kennedy-Center”. Viele Künstlerinnen und Künstler sagten Auftritte ab.
Den neuen Druck bekommt auch das Goethe-Institut zu spüren – wenn auch nur indirekt. Im vergangenen Jahr seien zwei Partner vor Ort abgesprungen, erzählt Krischok. Der Grund: Man müsse vorsichtiger sein. Einmal habe es Bedenken wegen des Themas “Diversity” gegeben, ein anderes Mal sei ein Programm des Goethe-Instituts zu politisch gewesen.
Doch viele seien auch froh, dass das Goethe-Institut vor Ort sei, sagt Krischok. So richtet das Institut seit Kurzem beispielsweise regelmäßig “Creative Mornings DC” aus. Hier trifft sich ein loser Zusammenschluss von Kulturorganisationen aus Washington, um beispielsweise über finanzielle oder strategische Themen zu sprechen. Zuvor hatten sich die Kulturschaffenden im Kennedy-Center getroffen, jetzt finden sie Zuflucht im Goethe-Institut.
Gesellschaftliche Unsicherheit wirkt sich auf Kunstwelt aus
Die politische, gesellschaftliche und auch behördliche Unsicherheit in den USA ist auch ein Thema in der Kunstwelt. Einige Galerien und Künstlerinnen und Künstler stellten sich die Frage, ob es sich überhaupt noch lohnt, in die USA zu reisen, sagt Kristian Jarmuschek vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler.
Das habe verschiedene Gründe. Zum einen seien Transportkosten bereits seit der Corona-Pandemie stark gestiegen, die angedrohten Zölle von Trump hätten die Lage zwischenzeitlich weiter verschärft. Zudem gebe es auch in der Kunstwelt die Sorge, dass Social-Media-Accounts bei der Einreise kontrolliert werden. “Das ist etwas, worauf die Künstlerinnen und Künstler gar keinen Bock haben und dann eben auch sagen: Dann besser nicht.”
Andere Märkte scheinen derzeit neugieriger
Die Auswirkungen dieser Unsicherheit seien bei der Art Basel Miami, Nordamerikas führender internationalen Kunstmesse, im Dezember zu spüren gewesen, erzählt Jarmuschek: “Es waren kaum noch deutsche Galerien da.” Er habe auch von einzelnen Kolleginnen und Kollegen gehört, dass sie kein Visum erhalten hätten. “Das ist natürlich ein Killer”, so der Galerist.
Jarmuschek hofft zwar, dass sich die Lage in den USA bald wieder bessert, derzeit laute die Devise aber: “Die Welt ist groß und die Welt ist rund”. Süd- und Mittelamerika, insbesondere Mexiko, seien derzeit spannende Partner für den Kunsthandel. Und auch in Richtung Golfregion werden Brücken geschlagen.
Im Februar eröffnet zum ersten Mal die Art Basel in Katar. Allen politischen Fragen zum Trotz, sagt Jarmuschek, werde man dort herzlich willkommen geheißen, das Interesse am Kunsthandel sei groß, die Gesten freundlich. “Kunst zu präsentieren, hat ja etwas mit der Hoffnung zu tun, dass auf der anderen Seite Neugierde ist”, sagt Jarmuschek. Und andere Märkte scheinen derzeit neugieriger zu sein als die USA.
Engere Freundschaften in der europäischen Filmbranche
Auch die Filmakademie Ludwigsburg orientiert sich um – in Richtung Europa. Direktor Bareiß möchte die Brücke in die USA zwar nicht verlieren, sagt aber auch: “Wir müssen uns emanzipieren von den USA”. Die Vereinigten Staaten seien nach wie vor ein prägendes Filmland, aber viele Filmschaffende würden gerade die Stärke und Vielfalt des europäischen Filmschaffens wiederentdecken. Großbritannien, Frankreich oder Mittel- und Osteuropa – alles spannende Film-Orte, auch für die Studierenden.
Der Hollywood-Workshop soll in diesem Jahr durch eine Reise nach Großbritannien ersetzt werden. Zudem habe die Universität ein Kooperationsabkommen mit der Filmuniversität Lodz in Polen geschlossen. “Ich habe Jahrzehnte sehr eng und sehr gut mit den USA zusammengearbeitet. Ich habe meinen Blick und damit auch den Blick der Einrichtung, die ich leiten darf, jetzt aber nach Europa verlagert”, sagt Bareiß.
Appell an deutsche Kreative: “Bitte kommt!”
Klaus Krischok in Washington versucht derweil, die Beziehungen vor Ort noch weiter zu stärken. Mit dem Programm “Unter Freunden” versuche die Einrichtung bewusst, in konservativen Gegenden präsent zu sein und auch den einen oder anderen Trump-Anhänger zu erreichen, sagt Krischok. Es gebe keinen missionarischen Anspruch, es gehe darum, die Diskussion auszuhalten.
Und Krischok sendet auch einen Appell nach Deutschland: “Liebe Kreative in Deutschland, liebe Künstlerinnen und Künstler, liebe Hochschullehrer, liebe alle, die irgendwas mit Kultur und Zivilgesellschaft zu tun haben, bitte kommt! Und kommt jetzt! Und kommt gerade jetzt!”

