Bonuszahlungen in Pflegeheimen: Bettlägerigkeit ist meist profitabler 

Bonuszahlungen in Pflegeheimen: Bettlägerigkeit ist meist profitabler 


exklusiv

Stand: 03.02.2026 10:07 Uhr

Reha vor Pflege – so lautet der Grundsatz im Pflegesystem. Doch Anreize, Menschen wieder zu mobilisieren, greifen laut NDR-Recherchen nicht. Projekte in Pflegeheimen zeigen aber, dass eine rehabilitierende Pflege möglich ist.

“In die Betten pflegen” ist ein Ausdruck, der in der Pflegebranche geläufig ist. Gemeint ist, dass der Weg im Pflegeheim für Bewohner abwärts geht, Stück für Stück bis zur Bettlägerigkeit. Dabei geht es auch andersherum. Pflege aus den Betten heraus – durch aktivierende und rehabilitierende Pflege. Dafür gibt es einen Anreiz: Bonuszahlungen an Pflegeheime.

Doch die werden praktisch nie ausgezahlt, das zeigen Recherchen des Politikmagazins Panorama 3. Nur für etwa 0,006 Prozent der gesetzlich versicherten Pflegeheimbewohner wurde der Bonus zuletzt abgerufen. Pflegeheime können den Bonus bekommen, wenn Bewohner durch unterstützende Pflege im Heim in einen niedrigeren Pflegegrad zurückgestuft werden können.

Im Jahr 2024 waren es nur rund 42 Fälle bei etwa 720.000 Pflegeheimbewohnern. Das geht aus Zahlen des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hervor. Damit läuft ein wesentliches Instrument, das Pflege heraus aus den Betten fördern sollte, praktisch leer.

Niedrigerer Pflegegrad finanziell unattraktiv

Tatsächlich gibt es aber erfolgreiche Modelle in Pflegeheimen, die zeigen, wie es anders gehen könnte: besser und am Ende sogar billiger, weil Bewohner langfristig weniger Pflege brauchen. Doch Heimbetreiber und Leiter von Einrichtungen, die einen solchen Ansatz bereits umsetzen, berichten davon, dass sie damit auf Widerstand stoßen.

Es sei im deutschen Pflegesystem nicht vorgesehen, meint Oskar Dierbach, ehemaliger Heimleiter und Erfinder des Konzepts “Reha im Pflegeheim”. Es gebe im derzeitigen System bei der Logik und den wirtschaftlichen Anreizen eigentlich nur eine Richtung: “Pflegegrad 1, Pflegegrad 2, Pflegegrad 3, wenn ich noch älter werde, Pflegegrad 5. Und dann kommt der Bestatter”, sagt Dierbach.

Für Heime sei ein niedrigerer Pflegegrad finanziell unattraktiv. Eine Zurückstufung in einen niedrigeren Pflegegrad bedeutet in der Praxis weniger Geld von der Pflegekasse für den Heimbewohner. Der mögliche Bonus wiege das nicht auf und ändere an der Systematik nichts, meint Dierbach.

Konzept: Reha im Pflegeheim

Sein Konzept von Reha im Pflegeheim musste er gegen diese Widrigkeiten durchsetzen. Extra geschulte Pflegekräfte setzen das rehabilitierende Training im Pflegealltag um. Zusätzliche Physio- Ergo- und auch Musiktherapie sollen helfen, die Bewohner systematisch wieder aufzubauen.

Und Dierbach war damit erfolgreich. Unabhängige Zahlen liegen hier nicht vor. Aber er verweist auf Erfahrungswerte: “Wir haben rund 15 Prozent der Bewohner, die wir in der Langzeitpflege aufgenommen haben, wieder nach Hause geschickt”. Auch die restlichen Bewohner hätten deutlich an Lebensqualität gewonnen, und wieder aktiv am Leben teilhaben können.

Bewohner wieder mobilisieren

Auch bei den Benevit-Pflegeheimen verfolge man einen Ansatz, der Bewohner wieder mobilisieren soll. Kaspar Pfister, Chef der Heime fordert, man müsse weg vom “Glaubenssatz”, dass es für pflegebedürftige Menschen nur noch abwärts ginge. Das verhindere nicht nur eine bessere, menschenwürdigere Pflege, sondern koste das System obendrein viel Geld.

Er rechnet vor – auch hier gibt es nur interne Zahlen, auf die er sich beruft: In den Benevit-Pflegeheimen hätte sich das Befinden von rund 30 Prozent der 1.700 Bewohner deutlich verbessert durch aktivierende Pflege. Im vergangenen Jahr bei 150 Bewohnern sogar so sehr, dass sie wieder nach Hause konnten. “Aktuell erfüllen rund 200 Bewohner die Voraussetzungen für eine Rückstufung”, sagt Pfister.

Bürokratische Hürden

Auch für diese Fälle könnte im Prinzip die Bonuszahlung greifen. In der Praxis hätten sie damit aber Probleme, sagt Pfister. Das beginne damit, dass für eine Rückstufung keine einfache Meldung an die Pflegekassen reiche, erklärt Pfister. Es muss ein Antrag für eine neue Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (MD) gestellt werden. Das können nur die Bewohner selbst, oder deren Angehörigen bzw. Betreuer. Erst nachdem der medizinische Dienst den Bewohner zurückgestuft habe und im Prozess als Grund die erfolgreichen Pflegemaßnahmen anerkannt seien, könnte der Bonus ausgezahlt werden.

Es gebe bei zu vielen Akteuren die Einstellung, dass sich dieser Aufwand nicht lohne “Das ist ein bürokratischer Aufwand. Wenn man im Denken hat: es ist sowieso sinnlos, weil wenige Monate später wird es dem Menschen doch wieder schlechter gehen.”

Krankenkassen wollen Fehlanreize abbauen

Auch beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), der die Interessen privater Pflegeeinrichtungen vertritt, hält man wenig vom derzeitigen Bonus-System. Die geringe Inanspruchnahme zeige deutlich, “dass das nicht der zum Ziel führende Weg sein kann”, heißt es auf Anfrage.

Die AOK Hamburg-Rheinland setzt sich mittlerweile dafür ein, Hürden und Fehlanreize im System abzubauen, die rehabilitierende Pflege verhindern. Die Kasse hat das Reha-Konzept von Oskar Dierbach aufgegriffen und ein Modell-Projekt initiiert. In zwölf Pflegeheimen in Hamburg und Nordrhein-Westfalen wird der Ansatz erprobt. Matthias Mohrmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Hamburg-Rheinland fordert, es müssten Anreize geschaffen werden, dass Einrichtungen investierten in die Rehabilitation. “Wir verschenken enorme Ressourcen, die tatsächlich auch da wären.”

Rehabilitierende Pflege in Heimen würde in der Praxis noch zusätzlich erschwert. Denn Ansätze dafür werden zwischen den Systemen Pflegekassen und Krankenkasse aufgerieben. Das Grundproblem im Moment: Die Krankenkassen müssten für zusätzliche rehabilitierenden Maßnahmen bezahlen, aber fittere Bewohner entlasten finanziell die Pflegekassen. Diese Grenze zwischen den Systemen müsste aufgebrochen werden und ein Ausgleich zwischen Kranken- und Pflegekassen geschaffen werden, appelliert Mohrmann. Das könne nicht eine Kasse allein. Hier brauche es bei knapp 100 Kranken- und Pflegekassen in Deutschland verpflichtende Standards.

Gesundheitsministerium sieht keine Fehlanreize

Das Bundesgesundheitsministerium sieht hingegen keine Fehlanreize im derzeitigen System. Das Ministerium beruft sich auf Panorama 3 Anfrage auf den gesetzlich vorgesehenen Bonus. Auf Nachfrage, ob sie angesichts dieser Zahlen weiterhin daran festhalten wollen, gab es bisher keine Antwort.

Mehr zum Thema sehen Sie um 21:15 Uhr im NDR Fernsehen bei Panorama 3.

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