Die geplante Neugründung einer AfD-Jugendorganisation in Gießen hat begonnen – mit deutlich weniger Teilnehmern und massiver Verspätung. Proteste und Blockaden behinderten zunächst die Anreise der Teilnehmer.
Gegner der Gründung einer neuen Jugendorganisation der AfD in Gießen haben sich bereits am frühen Samstagmorgen zu mehreren Kundgebungen sowie zu Straßenblockaden versammelt.
Dabei kam es nach Angaben der Polizei neben friedlichem Protest vereinzelt zu gewaltsamen Zusammenstößen. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein.
Alle wichtigen Zufahrtswege zum Veranstaltungsort, der Gießener Messe, seien blockiert worden, erklärte das Protestbündnis Widersetzen am Morgen. “16 Blockaden schneiden der AfD auf dem Weg zur Neugründung ihrer Jugendorganisation den Weg ab”, hieß es. Das Protestbündnis sprach von mehr als 15.000 Aktivistinnen und Aktivisten auf der Straße.
Rund um Gießen gebe es Personengruppen, die an Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen “massiv” die Straßen blockierten, sagte ein Polizeisprecher.
Die Polizei begann eine Blockade von 2.000 Personen auf der Bundesstraße 49 zu räumen und setzte nach eigener Aussage auch Wasserwerfer ein, “nachdem die Gruppe auf die mündliche Aufforderung, die Straße freizumachen, nicht reagiert hat”. Fotos der Nachrichtenagentur dpa zeigen den Einsatz eines Wasserwerfers auf der B429 nahe der Lahnbrücke. An einem Kreisel an der L3093 hätten sich mehrere Menschen an einen Bus gekettet.
Alice Weidel in der Gießener Hessenhalle.
Infolge der laufenden Proteste und Blockaden schafften es die AfD-Chefs Alice Weidel und Tino Chrupalla so wie viele der 1.000 erwarteten Gäste nicht rechtzeitig in die Hessenhalle. Der Beginn des AfD-Kongresses verzögerte sich um mehr als zwei Stunden. Gegen 13 Uhr waren rund 750 Teilnehmer angekommen.
Bei dem Treffen sollen Name, Logo und ein Vorstand für die neue AfD-Jugendorganisation beschlossen werden. Die Vorgängerorganisation Junge Alternative (JA) wurde vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft und löste sich daraufhin auf.
Bus blockiert Kreisverkehr
In Gießen selbst blockierte ein Bus einen Kreisverkehr, sagte eine Sprecherin der Polizei. Nach Angaben der Polizei warfen Demonstrierende Steine und Flaschen auf Polizisten. Außerdem drängten etwa 500 Menschen, die sich von einem Protestzug gelöst hätten, im Bereich der Konrad-Adenauer-Brücke in Richtung einer Polizei-Absperrung, wie ein Polizeisprecher sagte. Die Brücke über die Lahn verbindet die Gießener Innenstadt mit anderen Stadtteilen.
Zusammenstöße von Demonstranten und Polizei auf der Gießener Straße in Heuchelheim.
Auf Whatsapp teilte die Polizei mit, an einer Blockade seien Polizeikräfte mit Steinen beworfen worden. Die Polizei habe daraufhin Pfefferspray eingesetzt. Zudem sprach die Polizei von etwa 300 Demonstrierenden, die mit gezündeten Bengalos, also Pyrotechnik, durch die Stadt liefen, sowie von einer größeren Gruppe von Vermummten innerhalb eines Protestzugs vom Bahnhof in Richtung Innenstadt.
Beim Stadtteil Lützellinden sollen Protestierende geparkte Fahrzeuge und Straßenlaternen beschädigt haben. Im nahen Lahnau-Atzbach hätten Personen aus einer Straßenblockade heraus Fahrzeuge angehalten und beschädigt, berichtete die Polizei.
DGB-Protestzug “im unteren fünfstelligen Bereich”
Abgesehen von den Straßenblockaden begannen dem Polizeisprecher zufolge schon am frühen Morgen die ersten Protestversammlungen. In der Innenstadt beteiligen sich laut Gewerkschaftsbund 20.000 Menschen an der Gegendemo. Es waren Schildern wie “Wir sind mehr”, “Wir sind euer böses Gewissen” oder “Gießen für eine bunte Zukunft” zu sehen.
Auswirkungen auf Geschäfte und Verkehr
Für die Polizei handelt es sich um einen Großeinsatz mit außergewöhnlichen Dimensionen. Bis zu 6.000 Einsatzkräfte sollen im Stadtgebiet eingesetzt werden. In der Stadt Gießen gibt es starke Verkehrseinschränkungen.
Auch der Einzelhandel ist betroffen. Geschäfte, Wochenmarkt, Weihnachtsmarkt und Restaurants dürfen laut Stadt grundsätzlich öffnen. Es ist jedoch den Betreibern freigestellt, ob sie dies tun wollen.
Öffentliche und kulturelle Einrichtungen sowie Parkhäuser haben zum Teil geschlossen oder veränderte Zeiten. Die Stadt Gießen informiert auf ihrer Internetseite fortlaufend über aktuelle Entwicklungen.
Die AfD nennt die zentrale Lage Gießens als Grund für die Wahl des Veranstaltungsortes. Die Stadt hatte darauf nach eigenen Angaben keinen Einfluss. Über die Vermietung der Räume durch die privat betriebene Messe Gießen wurde im Vorfeld debattiert.
Protestaktionen und Blockadeaufrufe
Als Gegenveranstaltungen waren unter anderem ein Demokratiefest und ein Demonstrationszug angekündigt. Daran beteiligen sich unter anderem Gewerkschaften, Vereine, Parteien und Religionsgemeinschaften.
Die Polizei riegelt das Gebiet rund um die Hessenhallen ab, sodass die Gegenveranstaltungen auf der östlichen Seite der Lahn stattfinden müssen. Eine Klage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gegen diese Regelung der Stadt wies das Verwaltungsgericht Gießen am Donnerstag ab.
Der Hessische Verwaltungsgerichtshof bestätigte diese Entscheidung am Freitag. Die Gegendemonstrationen müssen also östlich der Lahn stattfinden.
Sendung: hr INFO, 28.11.2025 09:10 Uhr / hr-fernsehen, hessenschau extra, 29.11.2025, 9:10 Uhr / hr-fernsehen, hessencshau extra, 29.11.25, 11:03 Uhr

