Vor mehr als drei Jahren starben 57 Menschen beim schlimmsten Zugunglück in der Geschichte Griechenlands. Das Unglück wurde zum Politikum. Die Vorwürfe: Korruption und Vertuschung. Nun beginnt der Gerichtsprozess.
Dina Magdalianidis linkes Bein krümmt sich beim Gehen nach innen. Sie geht am Stock. Mit 29. Vor drei Jahren war sie eine sportliche, junge Frau. Bis sie am 28. Februar 2023 in Athen in den Intercity nach Thessaloniki stieg. Dort wartete ihre Familie auf sie. Dina erinnert sich, dass ihre Mutter nachfragte, wann sie denn käme. Es gab Verspätung. “Ich hatte keine Zeit, die letzte Nachricht abzuschicken. Mein Handy wurde mir aus der Hand geschleudert.”
Dina sitzt im zweiten Waggon, als der Intercity mitten in der Nacht frontal mit einem Güterzug kollidiert. Sie wird durch den Waggon geschleudert. Ihr linkes Bein wird fast abgerissen. “Der Knochen schaute raus. Ich hatte überall Brüche. Und mein Fuß war zerfetzt. Danach hieß es: Das ist das Mädchen, dass ihr abgetrenntes Bein selber trägt.”
Hauptprozess in Larissa
Und jetzt, mehr als 20 Operationen und drei Jahre später, beginnt der Hauptprozess. Gegen die, die mutmaßlich die Schuld tragen für die 57 Toten und die vielen Verletzten wie Dina. Es wird ein Mammutprozess in der mittelgriechischen Stadt Larissa.
Angehörige hatten im Vorfeld versucht, zwecks besserer Erreichbarkeit eine Verlegung nach Thessaloniki oder Athen zu erwirken, ohne Erfolg. In Larissa wird für den Prozess das Konferenzzentrum der Universität genutzt. Bereits jetzt sind rund 150 Zeugen vorgeladen, darunter Überlebende und Angehöriger der Opfer. Mehr als 250 Anwälte sind beteiligt.
Fahrdienstleister in der Verantwortung
Nach dem Unglück vor etwas mehr als drei Jahren hatte Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis eine lückenlose Aufklärung versprochen. Schnell wurde ein Hauptschuldiger ausgemacht: der Fahrdienstleiter, der beide Züge auf ein Gleis geschickt hatte. Er und 35 weitere Personen, großteils Bahnmitarbeiter, müssen sich nun vor Gericht verantworten.
Doch die ganz oben werden wohl nie vor Gericht landen, glauben viele Griechinnen und Griechen. An jedem Jahrestag des Unglücks findet ein Generalstreik statt. Vergangenes Jahr: die größten Proteste in Griechenland seit Jahrzehnten. Die Wut richtet sich gegen die Regierung.
Ilias Papagelis ist mit dabei, er hat bei dem Unglück seine 18-jährige Tochter verloren. “Alle, die sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben, sollten bestraft werden. Alle, das heißt: vom Bahnhofsvorsteher bis zum ersten in der Pyramide. Dem Premierminister des Landes, Herrn Mitsotakis.”
Vorwürfe der Korruption und Vertuschung
Er und viele andere werfen der Regierung Vertuschung und Korruption vor. Jahrelang waren vorhandene EU-Gelder nicht in moderne Sicherheitstechnik investiert worden. Bedenken aus der Opposition hatte der damalige Verkehrsminister Kostas Karamanlis wenige Tage vor dem Unglück abgetan. “Es ist beschämend, dass sie Sicherheitsfragen ansprechen. Ich habe erklärt, und ich wiederhole: Wir garantieren für Sicherheit”, sagt er.
Die Europäische Staatsanwaltschaft rund um Laura Kövesi ermittelt. Doch ihr sind ein Stück weit die Hände gebunden. Denn Griechenlands Regierung blockiert mit ihrer absoluten Mehrheit im Parlament Ermittlungen. Etwa gegen Minister.
“Jeder muss verstehen, dass Korruption und Finanzkriminalität töten können. Das Zugunglück ist ein Beispiel dafür”, so Kövesi. Die Tragödie hätte vermieden werden können, wenn das Projekt richtig umgesetzt worden wäre.
Protestbewegung bringt neue politische Kraft hervor
Aus den Protesten im Land könnte bald eine neue politische Kraft hervorgehen – rund um Maria Karistianou, ehemalige Vorsitzende des Opfervereins. Ihr Ziel: Sie wollen Korruption und Vetternwirtschaft bekämpfen und der Regierung bei den Parlamentswahlen in einem Jahr gefährlich werden.
Was den jetzigen Prozessauftakt angeht, so hat Ilias Papagelis nur bedingt Hoffnung. “Das Vertuschen geht weiter. Die da oben haben zu viel Macht.”
Schuldgefühle bei Überlebenden
Dina Magdalianidi, die damals schwer verletzt worden ist, fürchtet den Moment, an dem sie vor Gericht aussagen muss und anderen Betroffenen gegenübersitzt. “Ich habe auch viele Schuldgefühle. Weil ich das Gefühl habe: Sie sehen mich und sagen: Du lebst. Und unser Kind lebt nicht mehr.”
Die Mahnwache jede Nacht vor dem Parlament wird auch während des Prozesses weitergehen. Mit den Namen aller 57 Opfer.


