Damascus Dossier” – “Es war ein Krankenhaus des Todes

Damascus Dossier” – “Es war ein Krankenhaus des Todes


exklusiv

Stand: 04.12.2025 06:03 Uhr

Syrische Militärkrankenhäuser haben in der Tötungsmaschinerie Assads eine zentrale Rolle gespielt. Das zeigt eine internationale Recherche. Ärzte aus diesen Krankenhäusern praktizieren mittlerweile auch in Deutschland.

Von Volkmar Kabisch, Antonius Kempmann, Amir Musawy, Sebastian Pittelkow, Benedikt Strunz, Sulaiman Tadmory, NDR, und Petra Blum, WDR

Es ist ein stattliches Gebäude im Nordosten von Damaskus. Das Harasta-Militärkrankenhaus genoss unter den Getreuen des Assad-Regimes einen hervorragenden Ruf. Soldaten und ihre Angehörigen wurden hier bestmöglich versorgt. Doch es gab ein Stockwerk, auf dem Gefangene der syrischen Geheimdienste nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien teils zu Tode gefoltert worden sein sollen.

NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung haben mit mehr als einem Dutzend Zeugen gesprochen, die zu Assad-Zeiten mit dieser abgeschotteten Etage des Harasta-Krankenhauses zu tun hatten.

Den Recherchen zufolge war das Gebäude bis ins Jahr 2015 als Krankenhaus samt der abgeschotteten Station für Gefangene in Betrieb. Anschließend wurde es als Verwaltungsgebäude genutzt – und als zentraler Ort der Dokumentation von Folteropfern des Regimes.

Zeugen schildern Menschenrechtsverletzungen

Gefangene, die ins Harasta-Militärkrankenhaus gebracht wurden, schildern schwerste Menschenrechtsverletzungen. Firas Alshater ist einer von ihnen. Der 34-Jährige war 2012 von einem Geheimdienstgefängnis nach Harasta gebracht worden. Auf der Station angekommen, habe man ihm eine Nummer zugewiesen und die Augen verbunden. Anschließend sei er mit Ketten an ein Bett gefesselt worden, in dem bereits zwei weitere Gefangene lagen. Etwa zehn Tage habe er im 7. Stock verbracht. 

“Im Gefängnis wirst du beim Verhör gefoltert, weil sie etwas von dir wissen wollen”, sagt Alshater: “In Harasta wurdest du 24 Stunden gefoltert, ohne irgendeinen Grund”. Firas Alshater und die anderen Zeugen beschreiben, wie Soldaten im Harasta-Krankenhaus willkürlich auf die Kranken einschlugen, mit Fäusten und Riemen. Da die Patienten die Augen verbunden hatten, kam die Gewalt für sie ohne jede Vorwarnung.

Übereinstimmend berichten die Zeugen weiter, dass sich auch immer wieder Pflegepersonal an der Folter beteiligt habe. “Eine Schwester ist reingekommen und hat ihre Zigarette auf meinem Fuß ausgedrückt, einfach so”, sagt Alshater. Insgesamt seien während seines Aufenthalts in Harasta unzählige Zigaretten auf ihm ausgedrückt worden. Viele Mitgefangene hätten das Martyrium nicht überlebt. “Ich habe das dann Krankenhaus des Todes genannt”, sagt Alshater, der seine Erlebnisse in einem Buch verarbeitet hat.

Wurden Ärzte Täter?

Aus Sicht einiger Zeugen, die in dem Krankenhaus gepeinigt wurden, wurden auch Ärzte zu Tätern. Nael Almagerbi hat vier Monate als Gefangener auf der Station in der 7. Etage verbracht. Er lebt heute in Stuttgart. Nachdem ihm Sicherheitskräfte 2012 ins Bein geschossen hatten, kam er ins Harasta-Krankenhaus. Ein Arzt habe damals an den Schrauben, die seine zersplitterten Beinknochen fixieren sollten,  gedreht – ohne Betäubung. “Ich habe geschrien vor Schmerzen – bis ich ohnmächtig wurde.”

Der Arzt habe ihm anschließend Alkohol unter die Nase gehalten und gewartet, bis Nael aufgewacht sei. Erst dann habe er die Behandlung fortgesetzt. Auch Almagerbi berichtet von Mitgefangenen, die aufgrund der Folter in der 7. Etage starben.

Die Dokumentation und rechtliche Aufarbeitung der Geschehnisse in den syrischen Militärkrankenhäusern steht vor großen Hürden. In den Bereichen, die für die Gefangenen vorgesehen waren, wurde penibel auf Geheimhaltung und die Anonymität des Personals geachtet. Dadurch, dass Gefangene nicht untereinander kommunizieren durften, ihre Namen nicht nennen durften, ihre Augen verbunden waren und das Personal sich untereinander nicht mit ihren vollen Namen ansprach, gibt es bislang nur wenige Erkenntnisse zu den Opfern und den Verantwortlichen dieser Stationen.

Die Geschehnisse in Harasta hätten somit eines der vielen anonymen, namenlosen Verbrechen des Assad-Regimes bleiben können. Doch nun liefert der “Damascus Dossier”-Datensatz Namen von Verantwortlichen und zeigt, welche herausgehobene Rolle Harasta in Assads Tötungsmaschinerie zukam.

Mehr als siebzig Totenscheine

Die Daten enthalten mehr als siebzig Totenscheine, die in Harasta ausgestellt wurden. Es handelt sich dabei um Bestätigungen des Tods von Gefangenen der syrischen Nachrichtendienste. Die Papiere wurden von Ärzten des Harasta-Krankenhauses unterschrieben.

In außergewöhnlich vielen Fällen bescheinigten sie, dass die Männer, die hier ankamen, angeblich an “Herzstillstand” verstorben seien. Dies sei jedoch eine bewusste Verschleierung der tatsächlichen Todesursache gewesen, erzählt ein Arzt, der ebenfalls in Harasta Totenscheine Gefangener unterschrieb, aber heute unerkannt bleiben möchte. “Man kann sich ja vorstellen, wenn ich schreibe: Er wurde gefoltert und jetzt ist er tot. Das kann ich ja auch nicht schreiben”, erklärt er.

Der deutsche Generalbundesanwalt Jens Rommel hat sich bereits im Rahmen eines vergangenen Strafprozesses mit Misshandlungen und Tötungen von Gefangenen in syrischen Militärkrankenhäusern beschäftigt. Es könne eine mögliche Verantwortung der Ärzte in diesen Kliniken gegeben haben, auch wenn sie nicht unmittelbar selber an den Misshandlungen beteiligt gewesen seien, sagt er.

Falsche Ausstellen von Totenscheinen

Auch das falsche Ausstellen von Totenscheinen sei möglicherweise strafrechtlich relevant. “Es kann zum Ablauf von systematischen Tötungen beitragen, wenn diese verschleiert werden, und damit vielleicht eine strafbare Beihilfe zu anderen Tötungen sein”, so Rommel. Aufgrund der Besonderheiten des Völkerstrafrechts kann der deutsche Generalbundesanwalt bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch Täter verfolgen, die ihre Taten im Ausland verübt haben, selbst wenn die Opfer keine deutschen Staatsbürger sind.

Im Rahmen der Recherchen am “Damascus Dossier” konnten NDR, WDR und SZ 18 ehemalige Harasta-Ärzte ausfindig machen, die heute in Deutschland leben und auch hierzulande als Ärzte arbeiten – teilweise in führenden Positionen. Mit einigen von Ihnen konnte das Rechercheteam sprechen.

Sie wiesen dabei alle Schuld von sich. Unter ihnen befindet sich auch der Name eines Arztes, den Nael Almagerbi während seiner Gefangenschaft im Harasta-Militärkrankenhaus immer wieder gehört hat. Ein Mann mit diesem Namen soll ihn dort ohne Betäubung behandelt haben.

Keine individuelle Schuld eines Arztes nachgewiesen

Im Interview bestätigt der Arzt zwar, dass er Zugang zur siebten Etage gehabt habe. Und tatsächlich sei dort auch systematisch gefoltert worden, die Ärzte hätten sich aber nichts zuschulden kommen lassen. Auch er selbst habe immer korrekt gearbeitet. Die Misshandlungen der Gefangenen seien durch das Wachpersonal geschehen.

Die Frage, ob sie selbst für das Geschehen in Harasta mitverantwortlich gewesen seien, verneinen alle Ärzte, mit denen das Rechercheteam sprechen konnte. Manche machen geltend, dass sie überhaupt nicht auf der berüchtigten Folterstation praktiziert hätten, überdies sei der Zutritt zum 7. Stockwerk eingeschränkt gewesen. In keinem der Fälle konnte die Recherche eine individuelle Schuld eines Arztes tatsächlich nachweisen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Susanne Johna fordert deutsche Strafermittler auf, den Hinweisen möglichst rasch nachzugehen. Sie ist Vorsitzende des Marburger Bundes, einer Interessenvertretung der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. “Syrisch-stämmige Ärzte sind eine unverzichtbare Stütze in der medizinischen Versorgung und als Kolleginnen und Kollegen geschätzt. Gerade auch deshalb besteht ein Interesse daran, die wenigen Ärzte zu identifizieren, die sich unter Umständen in Syrien schuldig gemacht haben”, sagt Johna im NDR-Interview. Sollte tatsächlich ein Arzt an Folterungen beteiligt gewesen sein, so dürfe dieser auf keinen Fall in Deutschland praktizieren. Insgesamt sind in Deutschland etwa 7.000 Syrerinnen und Syrer als Ärzte registriert.

Mitarbeit: Hannah El-Hitami, Essam Yehia und Harrison Taylor

“Damascus Dossier”

Grundlage der Recherchen sind Unterlagen aus den syrischen Nachrichtendiensten unter Assad und mehr als 70.000 Fotos, die unter anderem Folter und Mord in syrischen Gefängnissen dokumentieren. Die insgesamt 134.000 Dokumente decken einen Zeitraum von 1994 bis Dezember 2024 ab.

Der NDR hat die Daten mit dem ICIJ und mit internationalen Medienpartnern geteilt. An dem Projekt beteiligt sind neben NDR, WDR und SZ, Daraj Media (Libanon), ARIJ (Syrien), Le Monde (Frankreich), Washington Post (USA), Yle (Finnland), SVT (Schweden), Times of London (Großbritannien), El Pais (Spanien), CBC (Kanada).

Der NDR hat die Namen von mehr als 1.500 Personen, die vom Assad-Regime verhaftet wurden oder in Gefängnissen verstorben sind, mit folgenden Organisationen geteilt: Syrian Network for Human Rights (info@snhr.org), Syrian Center for Legal Studies and Research (info@sl-center.org), Ta´afi (ahmad.helmi@taafi-sy.org) und mit der UN-Organisation Independent Institution on Missing Persons (IIMP) (iimp-syria@un.org).

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