Psychotherapie: Weniger Honorar trotz fehlender Plätze

Psychotherapie: Weniger Honorar trotz fehlender Plätze

Stand: 25.03.2026 • 11:22 Uhr

Patienten warten oft monatelang auf einen Therapieplatz. Nun könnte sich die Lage weiter verschärfen. Die Krankenkassen kürzen Honorare – und begründen das mit zuletzt gestiegenen Vergütungen.

Jenni Rieger

Markus Pfalzgraf

Seine Couch kann sich über einen Mangel an Patienten nicht beschweren: Johannes Grapendorf ist Psychotherapeut. Und der Bedarf ist groß. Wartezeiten auf einen Therapieplatz von sechs Monaten bis zu einem Jahr sind keine Seltenheit. Und die Lage könnte sich noch weiter zuspitzen mit den Honorarkürzungen, die ab dem 1. April greifen. “Ich kann nicht nachvollziehen, warum überhaupt gekürzt wird, weil die Nachfrage ungebrochen groß ist”, so Grapendorf.

40 Patienten behandelt er derzeit in seiner Praxis in Stuttgart. Ab April jedoch für 4,5 Prozent weniger Honorar. Denn die Kassen argumentieren, die Honorare für Psychotherapeuten seien in den vorangegangenen Jahren über Verhältnis stark gestiegen, verglichen mit anderen Arztgruppen. Deshalb müssten sie nun gekürzt werden. Für Johannes Grapendorf ist das ein Schlag ins Gesicht, wie er sagt: “Wir haben eine lange Ausbildung nach dem Studium absolviert, die wir oft überwiegend in Eigenleistung finanziert haben.” Außerdem müssten Psychologen wie er einen Therapeutensitz mit Kassenzulassung kaufen, um sich niederlassen zu können, oft für mehrere zehntausend Euro.

4,5 Prozent weniger Honorar ab 1. April

Fakt ist: Die gesetzlichen Krankenkassen müssen sparen. Sie stehen unter einem enormen Finanzdruck. Fakt ist auch: Die Honorare für Psychotherapeuten in Deutschland sind seit 2013 um durchschnittlich 52 Prozent gestiegen, was deutlich über dem Anstieg anderer ärztlicher Fachgruppen (etwa 33 Prozent) liegt. Durch diese Erhöhungen der vergangenen Jahre wollten die Krankenkassen die Vergütung anpassen, um die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern und vorherige Jahre mit geringeren Steigerungen auszugleichen. Jetzt aber heißt es, die Honorare seien überproportional gestiegen.

Anfang März hat der Erweiterte Bewertungsausschuss (E-BA) deshalb eine Kürzung der Honorare um 4,5 Prozent beschlossen. Dieser Beschluss erfolgte gegen die Stimmen der Vertreter der Psychotherapeuten. Zuvor waren Verhandlungen zwischen dem Kassenärztlichen Bundesverband und dem GKV-Spitzenverband, der zentralen Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, gescheitert.

Die betroffenen Psychotherapeuten gehen seit dieser Entscheidung nicht nur auf die Straßen, sie organisieren sich auch im Messenger-Kurznachrichtendienst. “Die Kürzungen haben mich fassungslos und auch wütend gemacht und auch wirtschaftliche Ängste ausgelöst”, heißt es dort. Andere Nutzer schreiben: “Die rechnen vielleicht damit, dass wir Therapeuten alle so Gutmenschen sind und vielleicht erstmal ein bisschen aufschreien und das doof finden und dass es aber am Ende dazu führen wird, dass wir mehr Kassenpatienten behandeln, weil wir ja mehr Geld brauchen.”

Weniger Plätze für Kassenpatienten?

Tatsächlich jedoch könnte die Konsequenz aus der Kürzung eine ganz andere sein, darauf verweist auch Johannes Grapendorf. Er meint, viele Praxen könnten sich gezwungen sehen, weniger Kassenpatienten und mehr Privatpatienten zu behandeln, denn die seien oft mit weniger Bürokratie verbunden und auch lukrativer. Laut GKV-Spitzenverband betrug das Honorar für eine 60-minütige Sitzung mit einem Kassenpatienten zuletzt circa 120 Euro, während für Privatpatienten bis zu 170 Euro abgerechnet werden können.

In der Konsequenz könnte sich also die ohnehin schon angespannte Lage in der Versorgung psychisch Erkrankter noch mehr verschärfen, so Dietrich Munz, der Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg: “Wir befürchten schon, dass Kolleginnen und Kollegen überlegen, ob sie sich niederlassen wollen oder in anderen Bereichen psychotherapeutisch tätig sind oder überhaupt, ob der Beruf so attraktiv bleibt, dass wir genügend Nachwuchs haben.”

Alle müssen sparen

Peter Andreas Staub ist Psychotherapeut und sitzt im Vorstand des Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Er geht in seiner Kritik noch weiter. Wenn schon gespart werde, dann bitte überall im Gesundheitswesen und nicht nur bei den Therapeuten: “Wir haben fast einhundert Krankenkassen, warum wird da nicht gespart und zusammengelegt, auch um Verwaltungskosten zu kürzen? Wenn sparen, dann bitte alle, aber nicht bei den Niedergelassenen und schon gar nicht bei der am schlechtesten verdienende Gruppe der Psychotherapeuten.”

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) will nun juristisch gegen die Honorarkürzung vorgehen und eine Klage einreichen. Und der Stuttgarter Psychotherapeut Johannes Grapendorf? Wird weiter Patienten vertrösten müssen. Denn seine Behandlungsplätze sind alle vergeben. Auf Monate. Seine Couch ist voll.

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