Seit fast einem Monat herrscht Krieg im Nahen Osten. Während die iranischen Angriffe auf Israel immer massiver werden, verlieren die Menschen dort allmählich die Hoffnung auf eine baldige Waffenruhe. Von Bettina Meier.
Baufahrzeuge räumen Schutt und Trümmer im Norden von Tel Aviv zur Seite. Am Dienstagmorgen hatten Raketenteile aus dem Iran hier Verwüstung angerichtet. Ein riesiger Krater klafft neben einem mehrstöckigen Wohngebäude. Die Fassade ist zerfetzt. Mehrere Menschen wurden verletzt.
Fadida Yaniv von der israelischen Polizei war einer der ersten am Einschlagsort. “Wir sehen hier einen Gefechtskopf einer iranischen Rakete, die mitten auf der Straße explodiert ist und ein riesiges Loch in den Asphalt gerissen hat”, erklärt er.
Autos wurden zerstört. Das Gebäude wurde stark beschädigt. “Wir schätzen, dass es sich um etwa 100 Kilogramm Sprengstoff gehandelt hat”, so der Polizist. So viel Sprengstoff habe der Iran in diesem Krieg noch nie für eine Rakete verwendet, sagen Experten.
Iran setzt stärkere Sprengladungen ein
Bislang setzt das Regime als Vergeltung vor allem Streumunition im Großraum Tel Aviv ein, wobei sich kleinere Sprengladungen auf ein breites Gebiet verteilen.
Bereits am Wochenende wurden aber bei Angriffen des Iran auf Städte im Süden Israels mehr als 100 Menschen verletzt. Auch hier soll der Iran laut Medien mehrere hundert Kilogramm Sprengstoff verwendet haben. Die Nachricht der stärkeren Sprengladungen verbreitete sich schnell und zehrt am Nervenkostüm der Anwohner in Tel Aviv.
Menschen in Israel haben “posttraumatische Symptome”
Tamar sitzt in einem Straßencafé und genießt einen Augenblick der Ruhe. “Die Bombe fiel ganz in der Nähe meines Hauses. Nichts ist normal und die Menschen haben posttraumatische Symptome,” erzählt sie.
Wie sie selbst sagt, vertraue die Bevölkerung der israelischen Regierung nicht. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nutze der Krieg, weil er dann nicht vor Gericht müsse, vermutet Tamar: “Und das einzig Gewisse für uns ist, dass nichts gewiss ist. Es ist die schlimmste Zeit, die Israel jemals erlebt hat.”
Kämpfe im Nahen Osten gehen unermüdlich weiter
Die Kriegsmüdigkeit und der Frust über die Regierung Netanjahus sind den Menschen in Israel anzumerken. Der Ministerpräsident sorgte mit vagen Kommentaren immer wieder für Verunsicherung in der Bevölkerung – vor allem, was ein Ende des Krieges angeht. Es gebe Aussichten auf eine “Vereinbarung mit dem Iran”, teilte er mit. “Dennoch greifen wir weiter an, in Iran und im Libanon.”
Insbesondere im südlichen Libanon rücken die israelischen Truppen weiter bis zum Litani-Fluss vor, der etwa 30 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt liegt. Von hier feuert die irangestützte Terrormiliz Hisbollah täglich etliche Male auf israelische Gemeinden im Norden des Landes.
Israels Verteidigungsminister Katz kündigte an, die israelischen Truppen würden vorerst in dem Gebiet bleiben und es kontrollieren. “Hunderttausende Einwohner des Südlibanon, die wir zur Evakuierung aufgefordert haben, werden nicht dorthin zurückkehren, bis die Sicherheit für unsere Bewohner an der Nordgrenze garantiert ist”, so Katz.
Israelische Medien gehen davon aus, dass das Vorrücken der Truppen im Südlibanon und die eingenommenen Gebiete später erneut für die Verhandlungen über eine Waffenruhe genutzt werden könnten. Doch die sind aktuell nicht in Sicht. Die Hisbollah kündigte harten Widerstand an. Und so könnte sich die Lage auch in Israel noch einmal zuspitzen.


