50 Jahre nach ihrem Tod scheint Hannah Arendt so aktuell wie lange nicht. Die politische Philosophin beschrieb die Mechanismen, nach denen totalitäre Bewegungen aufsteigen – und ist noch heute eine Ikone des politischen Aktivismus.
New York am 4. Dezember 1975. Hannah Arendt bekommt Besuch von alten Freunden. Zu Gast sind der Historiker Salo Baron und seine Frau Jeanette. Es ist eine fröhliche Abendgesellschaft – doch Hannah Arendt fühlt sich schlecht. Plötzlich gleitet ihr die Zigarette aus der Hand. Vor ihren Freunden bricht sie zusammen. Vermutlich ist die 69-Jährige fast augenblicklich tot.
Was jetzt passiert, ist 1975 neu und ungewöhnlich: Die Nachricht vom Tod der Denkerin wird zum Weltereignis in zahllosen Nachrufen, Radio- und Fernsehsendungen. Es ist Ausdruck einer Veränderung, die Arendt selbst mit herbeigeführt hat: Philosophie und politische Theorie sind längst mehr als dröger Uni-Stoff.
Freiheitswille und politische Mitbestimmung sind zum Massenthema geworden. Hannah Arendt ist eine Ikone des politischen Aktivismus.
Abgrenzung von einstigen Lehrern
Bis heute beruht darauf die Popularität ihrer Person. Ihre Devise: Wer etwas denkt, muss erstmal wissen, worum es geht. Der richtige Weg zum Denken führt über praktische Erfahrung. In einem berühmten Interview mit dem deutschen Journalisten Günter Gaus von 1964 will Hannah Arendt deshalb nicht als Philosophin bezeichnet werden.
Das ist das Neue, worin sie sich von ihren einstigen Lehrern abgrenzt. Sie hat ihre Marburger Studienjahre in den 1920er-Jahren vor Augen – und Martin Heidegger, ihren einstigen Geliebten. Einen Mann, der sich einbildet, alles aus dem reinen Denken begründen zu können, und der sich in seiner Verstiegenheit den Nazis später als Vordenker andient.
Zur Enttäuschung ihres Lebens wird für die deutsche Jüdin der “leere Raum”, der sich nach der “Machtergreifung” durch die Nazis um sie bildet. Auch enge Freunde lassen sie im Stich. Sie verlässt Deutschland und den Elfenbeinturm der Philosophie, flieht 1933 ins Pariser Exil und von dort 1940 in die USA.
Politisches Engagement jedes Einzelnen
Ohne darüber später viele Worte zu verlieren, arbeitet sie knapp 20 Jahre lang größtenteils für jüdische Organisationen. Praktisches Handeln statt Philosophie: Von Paris aus hilft sie etwa 120 jüdischen Flüchtlingskindern bei der Einreise nach Palästina.
In New York wird sie nach dem Krieg Geschäftsführerin einer Organisation, die von den Nazis geraubtes jüdisches Kulturgut wieder ausfindig macht. Ihr Biograf Thomas Meyer hat gezeigt, wie entscheidend diese Jahrzehnte für den Lebens- und Denkweg von Hannah Arendt sind.
Es gibt kein Denken ohne praktische Erfahrung, ohne Bewährung in einer gemeinschaftlichen Welt. Eine Erkenntnis, die durch den Holocaust in grelles Licht getaucht wird. Denn wie soll man denken und handeln, wenn der Völkermord jene Welt unwiederbringlich zerstört hat? Sieben Jahre lang brütet Arendt über dieser Frage.
Am Ende steht ihr Epochenbuch über die “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” von 1951. Ihre Erkenntnis: Unbeschränkte Macht ebnet den Weg zu unbeschränkter Gewalt. Dagegen gibt es nur eine Barriere: das politische Engagement jedes Einzelnen.
Der NS-Verbrecher als Hanswurst
Von hier führt der Weg zu jenem Ereignis, das Arendt zur bekanntesten Medien-Intellektuellen des 20. Jahrhunderts macht. Im New Yorker schreibt sie über “Eichmann in Jerusalem”, später entsteht aus den leicht überarbeiteten Texten ein Buch. Der Prozess von 1961 gegen den NS-Kriegsverbrecher wird für sie zur Offenbarung.
Weltberühmt ist ihr Bild von der “Banalität des Bösen”, von Eichmann, dem “Hanswurst”, der sich unter der Einwirkung totaler staatlicher Macht in ein williges Werkzeug verwandelt. Als kleines Rädchen im Getriebe wirkt der Mann auf der Jerusalemer Anklagebank auf einmal nahezu harmlos.
Obendrein attestiert Arendt, auch andere hätten sich vom Nazi-Apparat gleichschalten lassen. So hätten auch die Judenräte bei der Organisation des Holocausts kollaboriert. In Israel und unter den jüdischen Emigranten in den USA entfacht dieser Vorwurf Wut und Empörung.
Für Arendt werden diese Jahre zu einer Nervenprobe und einer Lernerfahrung. Denken und Handeln im öffentlichen Raum bedeuten eben auch, neben den eigenen Argumenten die Verletzungen Anderer bedenken zu müssen. Das fällt Arendt nicht leicht. Gegen den Vorwurf, sie habe in ihrem Buch das jüdische Volk angeklagt, verwahrt sie sich zeitlebens. Der ironische, mitunter spöttische Ton des Buches jedoch scheint ihr später leidzutun.
Schwindendes Vertrauen in die USA
Die Eichmann-Kontroverse ist wie ein Auftakt zu den multimedial ausgetragenen Auseinandersetzungen von heute. Auch die späteren Jahre Arendts wirken mitunter wie ein Vorgriff auf die Gegenwart.
In den 1960er-Jahren schwindet ihr Vertrauen in die US-amerikanische Demokratie. Niedergeschlagen verfolgt Arendt die Ermordung der Kennedys und Martin Luther Kings sowie den Beginn des Vietnam-Kriegs. Seit dem Watergate-Skandal sieht sie in den USA eine Verschwörung staatlicher Macht gegen die liberale Republik heraufdämmern.
Begeistert ist sie deshalb von den Protesten gegen Präsident Richard Nixon. Sie hofft auf eine junge Generation, die sich fern von ideologischer Vereinnahmung auf demokratische Grundrechte, auf Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit zurückbesinnt. Als Nixon im August 1974 zurücktritt, stößt sie im Tessin mit Champagner darauf an.
Kritik an der Konsumgesellschaft
Ihr letztes großes Werk, “Vita activa”, beschwört diesen Geist einer verantwortungsbewussten Bürgerlichkeit. Eigene Interessen müssten im Miteinander ausgehandelt und notfalls erstritten werden. Darin verpackt sie eine Kritik an der Konsumgesellschaft, in der sich Menschen ziellos in ihren Stimmungen und Krisen herumdrehen.
Man ahnt, was Hannah Arendt über das Zeitalter der KI denken würde. Die Verantwortung für eigenes Handeln an eine Maschine zu delegieren, wäre aus ihrer Sicht wohl undenkbar. Zwar haben sich seit ihrem Tod die modernen Lebenskrisen weiter vertieft. Doch bis heute wirkt Hannah Arendt als Vorbild. Müdigkeit, Resignation oder gar Kulturpessimismus lehnt sie ab. Zeitlebens kämpft sie um ihre Freiheit und wünscht sich Zeitgenossen, die es ebenso halten.
Bei der Trauerfeier am 8. Dezember 1975 sagt Arendts New Yorker Verleger William Jovanovich unter Tränen: “Wegen Hannah schäme ich mich weniger, ein Mensch zu sein. Das war ihr Geschenk.”

