Wie die ukrainischen Museen ihre Kulturschätze im Krieg retten

Wie die ukrainischen Museen ihre Kulturschätze im Krieg retten

Stand: 26.03.2026 • 15:10 Uhr

Nicht nur die ukrainischen Soldaten sind im täglichen Überlebenskampf, auch die 160 Museen des Landes brauchen Strategien, um die Kunst- und Kulturschätze gegen die russischen Angriffe zu verteidigen.

Florian Kellermann

Immer wieder kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz auf die Bilder des Vortags zu sprechen: Eine russische Drohne schlug in Lwiw in der westlichen Ukraine ein – mitten in der mittelalterlichen Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Mehrere Gebäude wurden schwer beschädigt, darunter eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert.

Vize-Kulturminister Iwan Werbytzkyj, Gast der Konferenz, zeigte sich erschüttert: “Die geltenden Konventionen, das geltende System verpflichtet uns dazu, Objekte des kulturellen Erbes zu kennzeichnen, zu ihrem Schutz. Aber seit den ersten Kriegstagen greift Russland solche Objekte an und zerstört sie absichtlich. Wir haben wieder ein Beispiel, dass das internationale System zum Schutz des kulturellen Erbes keine Mechanismen hat, so etwas zu verhindern oder darauf zu reagieren.”

Die russischen Drohnenangriffe vom 24. März trafen direkt die Altstadt von Lwiw im Westen der Ukraine.

Netzwerk der ukrainischen Museen

Das allerdings tun die ukrainischen Museen, mit Hilfe der Stiftung “Obmin”, auf Deutsch “Austausch”. Die Stiftung wurde 2022 gegründet, nach der russischen Großinvasion – von Kulturmanagerinnen und -managern, die vorher im polnisch-deutschen Kulturaustausch gearbeitet hatten.

“Obmin” hat ein Netzwerk mit über 160 ukrainischen Museen aufgebaut, es unterstützt sie und bringt sie mit Museen im Ausland zusammen, vor allem in Polen und Deutschland.

Echte Partnerschaft gewollt

Bisher fanden die jährliche Konferenzen von “Obmin” in Berlin und Warschau statt, nun zum ersten Mal in Kiew. Die Vorsitzende der Stiftung Malgorzata Lawrowska-von Thadden betonte: “Es ist enorm wichtig für unsere ukrainischen Partner, dass wir hier vor Ort sind, vor allem auch nach dem schrecklichen Angriff auf Lwiw.” Und den Polen und Deutschen sei sehr bewusst, dass es den Ukrainern nicht nur um Unterstützung geht, sondern um echte Partnerschaft. “Und das bieten sowohl polnische als auch deutsche Museen.”

Krieg zentrales Thema der Konferenz

Die ukrainischen Museen leben heute in völlig verschiedenen Wirklichkeiten – je nach dem, wie weit sie von der Front entfernt sind. Diejenigen, die einigermaßen sicher sind, thematisieren den Krieg:

Die Museen haben von Anfang an viel mehr gemacht als vor dem Krieg. Die Erwartung war, auch diesen Krieg zu zeigen, aber man glorifiziert diesen Krieg nicht, sondern man zeigt: Das ist die größte Tragödie der Menschen

Malgorzata Lawrowska-von Thadden, Vorsitzende Stiftung “Obmin”

Kein Rückbezug mehr auf Sowjetzeiten

So handhabt das auch das Museum in Kiew, in dem die Konferenz stattgefunden hat. Früher hieß es “Museum des Großen Vaterländischen Kriegs” und stellte die Heldentaten der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg heraus.

Heute heißt es einfach “Museum des Kriegs”: Es zeigt moderne ukrainische Waffentechnik, aber auch eine nachdenkliche Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg, mit Perspektivwechseln zwischen ukrainischen Opfern und Wehrmachtssoldaten.

Je näher die Front, desto schwieriger die Lage

Die Museen in Frontnähe dagegen sind im Überlebenskampf. Aus Charkiw in der östlichen Ukraine, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, reiste die Direktorin des dortigen Historischen Museums Olha Soschnykowa an.

Sie spricht für alle Museen des Bezirks: “Das russsische Kriegsziel ist es, die ukrainische Identität zu vernichten – durch die Zerstörung von Museen und ihrer Exponate”, erklärt Soschnykowa und ergänzt: “Ich bin sehr stolz, dass keine Direktorin und kein Direktor aus dem Gebiet Charkiw den Arbeitsplatz verlassen hat. Wir haben zeitweise in unseren Museen geschlafen, haben in höchster Eile alles verpackt, unter Beschuss.”

Russland raubt Kunstschätze

Nicht bei allen Museen gelang das. Manche Gebäude wurden zerstört – und mit ihnen auch ein Großteil der Exponate. Andere Museen wurden besetzt – und von den Besatzern ausgeraubt, wie das Kunstmuseum in Cherson.

Als die Ukraine die Stadt zurückeroberte, stellte sie fest: Aus dem Kunstmuseum waren über 11.000 Werke verschwunden.

Exponate werden in Sicherheit gebracht

Die geretteten Exponate aus den Museen in Frontnähe würden nun an einigermaßen sicheren Orten aufbewahrt, sagt Museumsdirektorin Soschnykowa, so etwa die Fahne des ukrainischen Hetmans Mazepa aus dem 17. Jahrhundert, früher ausgestellt in ihrem Museum. Wo genau sie sich heute befinden, ist geheim.

“Wenn wir das verraten, wird es gleich einen Luftangriff auf den Ort geben. Warum gab es 2022 einen Angriff auf Skoworoda-Museum? Weil sich das ganze Land auf die Feier zu seinem 300. Geburtstag vorbereitet hatte. Das Haus des Philosophen wurde getroffen, und alles ist verbrannt.”

Digitale Kataloge für die Nachwelt

Die Museen verpackten und versteckten ihre Exponate daher nicht nur, sagt Soschnykowa. Sie fotografierten und digitalisierten sie auch, damit sie – trotz des Kriegs – für die Menschen zugänglich werden.

Auch das eine Aufgabe, bei der Partner-Museen aus anderen Ländern helfen.

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