Das Weiße Haus besteht darauf, dass es Verhandlungen mit Teheran gibt. Iran dementierte immer wieder. Heute gab es dann die Bestätigung, dass zumindest “Botschaften” ausgetauscht wurden. Aber wer entscheidet in Iran überhaupt?
Die USA behaupteten trotz anderweitiger Statements aus Iran konsequent, mit Teheran zu verhandeln. Auch wenn die Verhandlungsführer “seltsam” seien, wie US-Präsident Donald Trump heute auf seiner Plattform Truth Social mitteilte. Nun immerhin ein bisschen Klarheit: Über Pakistan und andere vermittelnde Länder werden offenbar Botschaften ausgetauscht. Eine Übersicht über die zentralen Machtfiguren in Iran, die als potentielle Verhandlungsführer agieren könnten.
Chamenei tritt nicht in Erscheinung
Der oberste geistliche Führer des Landes ist formal Modschtaba Chamenei. Aber er gilt als verletzt und ist seit Beginn des Krieges nicht öffentlich aufgetreten. Auch meldete er sich bisher nur spärlich zu Wort. Und wenn, dann wurden Erklärungen vorgelesen, die angeblich von ihm stammten. Auch von Präsident Massud Peseschkian war wenig zu hören.
Die tatsächlichen Entscheidungsträger heißen offenbar Mohammed Bagher Ghalibaf und Abbas Araghtschi. Doch wer sind sie?
Zentrale Figur bei Niederschlagung von Protesten
Mohammad Bagher Ghalibaf ist seit 2020 Parlamentspräsident in Iran, wo er als “Sprecher” bezeichnet wird. Bis dahin hat er etliche andere Stationen durchlaufen. Sein Aufstieg begann im Jahr 1980. Damals schloss sich Ghalibaf als 19-Jähriger der neu gegründeten Revolutionsgarde an. Schon zwei Jahre später übernahm er Führungsaufgaben. Die Garde wuchs zu einem Staat im Staate heran – mit eigenen Firmen, Militär, Marine und sogar Geheimdienst. In den 1990er-Jahren wurde Ghalibaf erst Chef eines Unternehmens der Revolutionsgarde, dann übernahm er als ausgebildeter Pilot das Kommando über deren Luftwaffe.
Bei der Niederschlagung der Studentenproteste Im Jahr 1999 war Ghalibaf eine zentrale Figur im Sicherheitsapparat. Zusammen mit mehr als 20 anderen Kommandeuren der Revolutionsgarde forderte er den damaligen reformorientierten Präsidenten Mohammad Chatami auf, die Proteste zu beenden. Ansonsten nehme man die Sache selbst in die Hand. Der Brief wurde allgemein als Machtbeleg der Garde gewertet. Wenig später wurde Ghalibaf dann Polizeichef. In dieser Funktion stoppte er die Protestwelle von 2003 gewaltsam.
Oberbürgermeister von Teheran
Zwei Jahre später trat er zum ersten Mal bei einer Präsidentenwahl an. Es folgten weitere Versuche, Präsident wurde er jedoch nicht. Dennoch wechselte er vollständig in die Politik.
Mehr als zehn Jahre lang war er Oberbürgermeister der Hauptstadt Teheran, seit 2020 steht er dem Parlament vor. Formal bringt das Amt nicht viel Macht mit sich – und die wird obendrein vom obersten Führer des Landes begrenzt. Doch der aktuelle oberste Führer – Modschtaba Chamenei – tritt zurzeit de facto nicht in Erscheinung. Und andere zuletzt einflussreiche Repräsentanten des Regimes, wie der Chef des Sicherheitsrates, Ali Laridschani, sind tot. Zudem macht Ghalibaf sein über Jahrzehnte gewachsenes engmaschiges Netzwerk – zumindest für den Moment – zu einem der mächtigsten Männer im Land.
Araghtschi zweite zentrale Figur
Die andere derzeit zentrale Figur in Iran ist Außenminister Abbas Araghtschi. Araghtschi ist nur ein Jahr jünger als Parlamentspräsident Kalibaf. Wie dieser diente auch Araghtschi im ersten Golfkrieg, dem Iran-Irak-Krieg der 1980er-Jahre, bei der Revolutionsgarde. Nach Kriegsende 1988 stieg er im iranischen Außenministerium rasch auf.
Mitte der 1990er-Jahre promovierte Araghtschi in England, an der University of Kent. In seiner Doktorarbeit rechtfertigte Araghtschi die Herrschaft des Ajatollahs – damals schon Ali Chamenei – als gottgewollte Ordnung. Demokratie müsse da zurückstecken. So empfahl er sich als 100-prozentiger Anhänger des Regimes.
Botschafter in Finnland und Japan
Ende der 1990er-Jahre schickte Iran Araghtschi als Botschafter erst nach Finnland, dann nach Japan. Nach der Wahl Hassan Rohanis zum Präsidenten 2013 wurde Araghtschi zum stellvertretenden Außenminister ernannt. In dieser Funktion unter Außenminister Mohammed-Dschawad Zarif, entwickelte er sich zum Chefunterhändler des Atomabkommens von 2015.
Eine US-amerikanische Unterhändlerin soll ihn damals einen harten Verhandler genannt haben. Schließlich werden Araghtschi Attribute wie “Architekt des Atomabkommens” zugeschrieben. Mit der Wahl des ultrakonservativen Präsidenten Ebrahim Raisi im Jahr 2021 wurde Araghtschi jedoch degradiert. Er zog sich zurück – bis ihn der damalige oberste Führer Ali Chamenei an die Spitze eines Beratergremiums berief. Araghtschi rückte damit nahe heran an den engsten Machtzirkel Irans.
Machtvakuum nach Tod Chameneis
2024 berief ihn der neu gewählte Präsident Massud Peseschkian zum Außenminister. Peseschkian machte wenig von sich reden. Wie sehr dafür Araghtschi auf der Linie Chameneis war, belegten Äußerungen während der Proteste im Januar dieses Jahres: Sie seien von Terroristen unterwandert, die selbst auf friedliche Demonstrierende schießen würden.
Als nach dem Tod Ali Chameneis dessen Sohn Modschtaba an die Spitze rückte, entstand ein Machtvakuum. Denn der neue oberste Führer tritt nicht in Erscheinung. Araghtschi ist einer wenigen, die dieses Vakuum füllen.


