Wissenschaftsakademien: Vorbeugung von Demenz durch Gesundheitsdaten

Wissenschaftsakademien: Vorbeugung von Demenz durch Gesundheitsdaten

Stand: 27.03.2026 • 18:51 Uhr

Immer mehr Menschen in Deutschland sind von Demenzerkrankungen betroffen. Wissenschaftler machen nun Druck: Sie wollen Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko mithilfe von Gesundheitsdaten identifizieren.

Die Zahl der Demenzerkrankungen in Deutschland steigt. Wissenschaftler fordern deshalb verstärkte Anstrengungen bei Vorbeugung und Früherkennung. Die Wissenschaftsakademien Acatech und Leopoldina sowie die Union der deutschen Akademien haben dazu ein Konzept für “Datengetriebene Demenzprävention” vorgestellt. Ziel ist es, Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko durch die Gewinnung einer großen Spannweite von Gesundheitsdaten zu identifizieren.

Im zweiten Schritt sollen die Betroffenen darüber aufgeklärt werden, welche Einflussmöglichkeiten sie selbst zur Vorbeugung oder zum Herauszögern der Krankheit haben und welche Behandlungsmaßnahmen zur Verfügung stehen. Zugleich sollen die Daten auch Hinweise auf die Gestaltung des Gesundheits- oder Sozialsystems liefern und politische Handlungsmöglichkeiten vorschlagen.

Was ist Demenz, was ist Alzheimer?

Als Demenz bezeichnet man in der Medizin einen andauernden oder fortschreitenden Zustand, bei dem die Fähigkeiten des Gedächtnisses, des Denkens oder anderer Leistungsbereiche des Gehirns beeinträchtigt sind. Oft kommt es auch zu Veränderungen des zwischenmenschlichen Verhaltens und des Antriebs. Der Begriff “Demenz” steht selbst nicht für eine bestimmte Krankheit. Demenz kann viele Ursachen haben.
Dabei ist die Alzheimer-Krankheit (benannt nach dem Neurologen Alois Alzheimer) die häufigste: Rund 60 Prozent aller Demenzen werden durch sie hervorgerufen. Sie führt dazu, dass in bestimmten Bereichen des Gehirns allmählich Nervenzellen und Nervenzellkontakte zugrunde gehen. Zum Krankheitsbild gehören Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, Sprachstörungen, Störungen des Denk- und Urteilsvermögens sowie Veränderungen der Persönlichkeit.

Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.

Hohe volkswirtschaftliche Kosten

Demenzen, darunter vor allem Alzheimer, belasten Betroffene und Angehörige und stellen eine der größten Herausforderungen für Gesundheitssystem und Wirtschaft in Deutschland dar. 2023 waren nach Angaben der Wissenschaftler in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen von Demenzen betroffen, bis 2050 könnte diese Zahl auf 2,74 Millionen ansteigen. Die Wissenschaftler schätzen die wirtschaftlichen Kosten von Demenzerkrankungen auf 83 Milliarden Euro im Jahr 2020; bis 2060 könnten sie auf 195 Milliarden Euro im Jahr ansteigen.

Trotz jahrelanger intensiver Forschung ist eine effektive Behandlung oder gar Heilung von Demenz derzeit nicht möglich. Die Wissenschaftler verweisen jedoch darauf, dass rund 45 Prozent der Demenzen durch entsprechenden Lebensstil potenziell vermeidbar wären: Risikofaktoren wie etwa Übergewicht, Bluthochdruck, Einsamkeit, Hörverlust oder Rauchen, aber auch fehlende Bildung könnten die Entstehung einer Demenz fördern, sagt Studienautorin Svenja Caspers, Leiterin des Instituts für Anatomie am Uniklinikum Düsseldorf.

Nutzung von Gesundheitsdaten erleichtern

Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für neurodegenerative Erkrankungen in Bonn, Joachim L. Schultze, erklärt, die vorgeschlagene Strategie setze verstärkte Spielräume bei der Datennutzung voraus. “Wir müssen eine Bereitschaft entwickeln, dass Daten bereitgestellt werden für die Forschung, und wir müssen die Beteiligung der Menschen an diesen Forschungsprojekten weiter fördern.” Dabei müssten Befunde aus dem Gesundheitswesen einzelnen Personen auch zugeordnet werden können, “damit wir einzelnen Personen auch Angebote machen können”.

Außerdem müssten Gesundheitsdaten langfristig nutzbar gemacht werden. Die Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health am Uniklinikum Leipzig, Steffi G. Riedel-Heller, erklärte, Deutschland brauche eine Strategie für Demenzprävention und Gehirngesundheit. Es gehe um individuelles Wissen zum Demenzrisiko, aber auch um gesellschaftliche Veränderungen für gesundes Leben, etwa bei Bildung, körperlicher Bewegung und sozialer Teilhabe. Riedel-Heller verwies etwa auf die Entwicklung von Apps oder Trainingsprogrammen, die neurowissenschaftliche Prinzipien nutzten, um kognitive Fähigkeiten zu steigern, das Gedächtnis zu verbessern und die Gehirngesundheit zu fördern.

Viele Datenquellen schon vorhanden

Der Leiter des Forschungsdatenzentrums Gesundheit beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Steffen Heß, verwies darauf, dass es in Deutschland schon eine Vielzahl unterschiedlicher Register mit medizinischen Daten gebe. Das reiche von Abrechnungsdaten der Krankenkassen über Spezialregister zu verschiedenen Erkrankungen bis zu bildgebenden Daten bei den Universitätskliniken. Dünner werde es bei Daten zum Lebensstil, zu Blutmarkern oder genetischen Faktoren. Heß sprach sich für ein stufenweises Vorgehen aus: Man müsse sich zunächst auf Risiko-Patientengruppen fokussieren und Ressourcen auch zielgenau einsetzen.

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