Sommerzeit: Ist die Zeitumstellung wirklich so schlimm?

Sommerzeit: Ist die Zeitumstellung wirklich so schlimm?

Stand: 28.03.2026 • 11:20 Uhr

In der kommenden Nacht wird die Uhr wieder um eine Stunde vorgestellt. Viele Menschen haben ein Problem damit. Doch welche wissenschaftlichen Argumente gibt es für oder gegen die Sommerzeit?

Von Hellmuth Nordwig, WDR

1980 ist in Deutschland die Sommerzeit eingeführt worden, um Energie zu sparen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen, aber die Umstellung der Uhren liefert zweimal im Jahr zuverlässig Gesprächsstoff. Eine nicht repräsentative Umfrage der EU-Kommission ergab 2018: 84 Prozent der Menschen wollen keine Zeitumstellung mehr.

Schlafforscherin Eva Winnebeck von der Universität Surrey in England hat ein aktuelles Positionspapier der British Sleep Society mitverfasst, das zum selben Schluss kommt – ebenso wie schon vor einigen Jahren die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin. Beide Expertengruppen sagen: Der Biorhythmus und die Schlafqualität leiden, wenn die Uhren vorgestellt werden.

“Wenn wir von der Normalzeit auf die Sommerzeit wechseln, stehen wir eine Stunde früher auf. Und damit wir das nicht merken, verstellen wir unsere Uhren”, erklärt Winnebeck. “Damit kürzen wir unseren Schlaf erst einmal eine Stunde. Normalerweise können wir nämlich nicht frei entscheiden, wann wir abends einschlafen – da hat unsere biologische Uhr ein Wörtchen mitzureden.”

Man könne auch nicht einfach früher ins Bett gehen und früher schlafen, so Winnebeck weiter, denn “morgens müssen wir plötzlich eine Stunde früher raus. Das heißt, wir verlieren erst einmal Schlaf. Und über die nächsten Tage versuchen wir das dann wieder reinzuholen und uns peu à peu anzupassen an diese neue Zeitgestaltung. Das geht aber nur bedingt.”

Mehr Unfälle, mehr Herzinfarkte

Man ist dann nicht nur müde – fehlender Schlaf ist auch ungesund. Zum Beispiel tritt Diabetes dann häufiger auf. Das ist nicht direkt im Zusammenhang mit dem Wechsel der Uhrzeit gezeigt worden.

Aber es gibt noch andere Effekte auf die Menschen in den Tagen nach der Zeitumstellung. “Sie können sich weniger gut konzentrieren”, sagt Winnebeck. Die Unfallrate steige, weil sie müde seien. Auch die Rate der Herzinfarkte gehe hoch: “Also wenn man gefährdeter ist, ist es auch wahrscheinlicher, dass man einen Herzinfarkt bekommt. Das ist Stress fürs ganze System.”

Verbessern sich die Parameter nach einiger Zeit?

Solche Befunde kennt auch der Schlafmediziner Dieter Kunz. Er leitet am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte die Schlaf- und Chronomedizin. “Man muss aber schauen, ob die gleichen Parameter nicht durch die Zeitumstellung verbessert werden nach zwei, drei, vier, fünf Wochen. Und das ist nach meiner Kenntnis so nicht ausreichend untersucht worden.”

Das räumt auch Winnebeck ein: Langfristige Untersuchungen seien schwierig, weil sich mit der Zeitumstellung auch andere äußere Faktoren ändern. Zum Beispiel wird es wärmer – und vor allem werden die Tage länger. Kunz hat in seiner Forschung deshalb untersucht, was sich im Gehirn mit der Tageslänge verändert: Und das ist erstaunlich viel. So ist der Stoffwechselumsatz des wichtigen Botenstoffs Serotonin im Winter deutlich geringer als im Sommer. Auch der Mensch sei im Winter “in einer Art Energiesparmodus” und schlafe länger.

Das zeigt sich bei Untersuchungen, die Kunz im Schlaflabor gemacht hat: Gesunde Menschen schlafen demnach im Sommer fast eine Stunde weniger als im Winter. Und das hat nichts mit der Zeit auf der Uhr zu tun. Aber wenn wir die an unsere körperlichen Veränderungen anpassen, kommt uns das entgegen, sagt er.

“Die Zeitumstellung ist ein Segen”

“Ich denke, dass die Zeitumstellung sehr für die Physiologie des Menschen gebaut ist. Der Mensch funktioniert im Winter ganz anders als im Sommer. Und es ist ein Segen, dass wir die Zeitumstellung an dieser Stelle haben.”

Diesen Schluss ziehen die Fachgesellschaften zwar nicht, sie sind für die dauerhafte Winter- oder Normalzeit. Aber auch Winnebeck findet: Wenn das nicht möglich sei, dann sei die Zeitumstellung die zweitbeste Lösung. Auf keinen Fall täte uns eine permanente Sommerzeit gut, da sind sich die Fachleute einig. Denn dabei bekämen wir einen großen Teil des Jahres zu wenig Tageslicht – und an dem richten sich unsere inneren Uhren aus. Nicht an der Uhrzeit, die auf dem Wecker steht.

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