Stromabschaltungen, Vier-Tage-Woche und rasant steigende Preise für Essen: Die Energiekrise infolge des Iran-Krieges trifft Südasien besonders hart. Experten sehen aber auch langfristige Chancen.
Fast sein ganzes Berufsleben hat Vijay Kumar hinter einem kleinen Straßenstand verbracht, in einem der ärmeren Viertel der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Der 55-Jährige backt Samosas, frittierte Teigtaschen, und verkauft sie an Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Anwohnende.
Doch seit dem Ausbruch des Iran-Krieges ist sein Geschäft eingebrochen. “Das Gas ist praktisch ausverkauft”, sagt Kumar. “Mehr als drei Wochen lang konnte ich gar keine Samosas backen. Für heute habe ich ein wenig Gas bekommen, aber morgen muss ich wahrscheinlich wieder zu Hause bleiben.”
“Das reicht gerade zum Leben”
Das Gas ist nicht nur knapper, sondern auch deutlich teurer geworden. “Deshalb kosten die Samosas jetzt 15 statt zehn Rupien”, erklärt Kumar. Umgerechnet sind das rund 15 Cent – doch selbst das können sich viele seiner Kundinnen und Kunden kaum noch leisten.
Einer von ihnen ist Harish, er sagt: “Früher habe ich vier Samosas am Tag gegessen, jetzt kann ich mir nur zwei leisten. Das reicht gerade zum Leben.” Auch andere sind betroffen. Kunal erzählt, auch er habe früher einen Essensstand gehabt. “Der ist aber geschlossen, weil ich an kein Gas mehr komme.”
“Noch nie eine solche Blockade von Gaslieferungen”
In der 30-Millionen-Metropole Neu-Delhi macht sich die Gaskrise überall bemerkbar. Die wenigen verfügbaren Gaszylinder werden teilweise von Schwarzmarktbanden aufgekauft – und anschließend zu Wucherpreisen weiterverkauft.
Die Energieexpertin Purva Jain vom indischen Wirtschafts-Think-Tank “IEEFA” sagt, es habe zwar immer wieder mal Energieengpässe gegeben, “aber noch nie eine solche Blockade von Gaslieferungen”. Hier zeige sich, wie abhängig Indien von Gaslieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten sei. Jain sieht allerdings auch einen möglichen positiven Effekt der aktuellen Krise: “Wir werden dadurch gezwungen, stärker in erneuerbare Energien zu investieren. Nur so können wir Energie-Souveränität erlangen.”
Die Abhängigkeit von Gas und Öl aus dem Nahen Osten betrifft nicht nur Indien. In ganz Südasien hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Ein Großteil der Rohstoffe, das durch die Straße von Hormus transportiert wird, ist für diese Region bestimmt. Und derzeit bleiben viele dieser Lieferungen aus – mit verheerenden Folgen.
Cricketfans sollen zu Hause gucken
In Bangladesch leidet nicht nur die energieintensive Textilindustrie, sondern das gesamte Land. Universitäten werden geschlossen und landesweite Stromabschaltungen sind an der Tagesordnung. In Sri Lanka wurde eine Vier-Tage-Woche eingeführt, ergänzt durch einen zusätzlichen arbeitsfreien Mittwoch, um Energie zu sparen.
Auch in Pakistan sind drastische Maßnahmen nötig: Cricketfans werden aufgefordert, Spiele nicht mehr im Stadion zu verfolgen, sondern zuhause im Fernsehen – um Treibstoff zu sparen. Gleichzeitig werden Klimaanlagen für viele Menschen zu einem unerschwinglichen Luxus, und das ausgerechnet vor den heißesten Monaten mit Temperaturen von mehr als 50 Grad.
“Statt zwei Fladenbroten isst jeder nur eins”
Für die etwa zwei Milliarden Menschen in Südasien ist die Energiekrise längst existenzbedrohend geworden. Auch Vijay Kumar spürt das jeden Tag. Heute kommt er früher nach Hause als sonst – mit schlechten Nachrichten für seine sechsköpfige Familie. Er hat nur wenige Samosas verkauft. Dabei wird das Geld dringend gebraucht: für Medikamente für die schwerkranke Tochter und für die Ausbildung des ältesten Sohnes, Yash.
“Im Moment müssen wir alle kürzertreten”, sagt Yash. “Statt zwei Fladenbroten isst jeder am Tag nur noch eins. Und meine Einschreibung am College kann ich auch vergessen.”
Seine Mutter Pinky weint. Sie ist noch nicht bereit, Yashs Zukunftsträume zu begraben, schließlich soll er die Altersversorgung der Eltern garantieren. “Ich habe ihm gesagt, wir schaffen das, wir nehmen einen Kredit auf”, sagt Pinky. Doch Yash lehnt ab: “Auf keinen Fall, den können wir doch nie zurückzahlen.”
Die Familie ist bereits verschuldet durch den Kauf ihrer kleinen Wohnung. Die monatlichen Raten können kaum noch bezahlt werden, der Verlust des Zuhauses droht.
Indien kauft wieder mehr Energie aus Russland
Für Vijay Kumar richten sich die Hoffnungen nicht auf die Kriegsparteien in der Golfregion. Den dortigen Konfliktverlauf verfolgt er gar nicht. Er setzt auf die indische Regierung: “Die muss jetzt helfen. Irgendwie muss sie uns Gas besorgen.”
Tatsächlich hat Premierminister Narendra Modi bereits eine Maßnahme getroffen, die in Indien populär ist – aber in der westlichen Welt hochumstritten. Indien bezieht wieder verstärkt Energie aus Russland.
Für Vijay hat das noch keine praktischen Auswirkungen. Er wird seinen Straßenstand am nächsten Tag nicht in Betrieb nehmen und zu Hause bleiben, vermutlich hungrig. Die Gaszylinder, die für ihn erschwinglich sind, waren wieder ausverkauft.


