Verletzung religiöser Gefühle und Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte: Der Düsseldorfer Karnevalist Tilly ist von einem Moskauer Gericht zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er war nicht anwesend.
Ein Gericht in Moskau hat den deutschen Bildhauer und Karnevalisten Jacques Tilly in Abwesenheit zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Tilly habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, urteilte Richter Konstantin Otschirow in dem umstrittenen Strafverfahren.
Hintergrund sind die von Tilly gebauten Karnevalswagen, die Kremlchef Wladimir Putin und den von ihm befohlenen Krieg gegen die Ukraine kritisieren.
Tilly reagiert mit bissigem Spott auf Urteil
Tilly ist für seine bissig-satirischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug bekannt. Seine Motive erscheinen in den Tagen nach Karneval regelmäßig auf Titelseiten der deutschen und internationalen Presse. Bereits mehrfach hat er seine Mottowagen Putin gewidmet.
Tilly selbst reagierte mit bissigem Spott auf die Verurteilung: “Es ist jetzt für jeden zu sehen, dass das russische Regime Angst vor Pappfiguren hat”, sagte er der dpa. “Die machen sich selbst zum Narren mit diesem Urteil und sehen gar nicht, wie peinlich das eigentlich ist – wie viel Angst sie vor satirischer Kritik haben.”
Die Staatsanwaltschaft hatte neun Jahre Haft beantragt. Die Staatsanwältin sagte vor Gericht, dass die Schuld Tillys durch Zeugenaussagen erwiesen sei. Sie forderte auch eine Geldstrafe von umgerechnet einigen Tausend Euro sowie ein Internet-Tätigkeitsverbot für die Zeit von vier Jahren.
Ein Mottowagen zum russischen Präsidenten Putin und der russisch-orthodoxen Kirche wird zum Rosenmontagszug gefahren.
Deutsche Botschaft kritisiert Urteil scharf
Die Pflichtverteidigerin des Künstlers forderte einen Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Verteidigung habe vergeblich versucht, über die deutsche Botschaft Kontakt mit dem Angeklagten aufzunehmen. Seine Position sei vor Gericht nicht gehört worden, sagte sie. Tilly hatte mehrfach erklärt, dass er nicht von der russischen Justiz über das Verfahren informiert worden sei. Allerdings beobachten Diplomaten der deutschen Botschaft in Moskau den Prozess mit seiner Kenntnis.
Die deutsche Botschaft in Moskau kritisierte das Urteil scharf. “Die Verurteilung von Jacques Tilly zeigt, dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen – aber jetzt auch verstärkt im Ausland. Das betrifft uns direkt“, sagte Alexander Graf Lambsdorff der Nachrichtenagentur dpa in Moskau. “Die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland verurteilt dieses absurde Schauspiel in aller Schärfe und wird weiter für freie Meinungsäußerung, Kunstfreiheit und damit auch die Freiheit der Satire eintreten.”
Keine Auslieferung zu befürchten
Nach solchen Anschuldigungen wegen angeblicher Verunglimpfung der Armee sind in Russland schon viele Kriegsgegner der von Putin befohlenen Invasion in die Ukraine verurteilt worden. Die Entscheidungen werden international als Unrechtsurteile der russischen Willkürjustiz kritisiert.
Eine Auslieferung von Deutschland nach Russland muss Tilly nicht befürchten. Probleme kann er im Fall einer Verurteilung aber bei Reisen in Länder bekommen, die von Moskau gesuchte Straftäter an Russland ausliefern. Moskau könnte ihn etwa zur Fahndung bei Interpol ausschreiben.

