Debatte um ostdeutsche Moped-Traditionsmarke Simson

Debatte um ostdeutsche Moped-Traditionsmarke Simson

Stand: 04.04.2026 • 08:27 Uhr

Um die Kult-Mopeds ist besonders in den ostdeutschen Ländern ein Hype entstanden. Gleichzeitig gibt es Versuche der AfD, die Marke politisch zu vereinnahmen. Die Nachfahren der jüdischen Gründerfamilie kritisieren das.

Mit dem Frühling startet die Motorrad- und Mopedsaison. An den Osterfeiertagen treffen sich traditionell auch viele Simson-Fans zu gemeinsamen Ausfahrten. Vor allem in Ostdeutschland ist die Marke aus Suhl Kult. In den vergangenen Jahren ist ein regelrechter Hype entstanden.

Thorsten Orban, Leiter des Suhler Fahrzeugmuseums, hat selbst noch bei Simson gelernt und kennt die Technik und die verschiedenen Modelle genau. Das Modell SR1 sei der Ausgangspunkt gewesen. Ab 1955 wurde es als eines der ersten Serien-Mopeds der DDR gebaut: “Aus dem Modell haben sich alle weiteren Simson-Modelle entwickelt – von der Schwalbe bis zu den heute so begehrten S50 und S51”, so der Museumsleiter.

Die Kleinkrafträder seien in der DDR ein wichtiger Ersatz für Autos gewesen, weil sie günstiger und leichter verfügbar waren. Nach der Wende hat sich das geändert: Viele Fahrzeuge landeten damals in der Schrottpresse. 2002 musste Simson schließlich Insolvenz anmelden – die Produktion wurde eingestellt.

Warum die Marke heute wieder boomt

Etwa zehn Jahre später setzte ein neuer Hype ein. Museumsleiter Thorsten Orban führt ihn auf drei verschiedene Faktoren zurück. Zum einen auf die Bauweise. Die Suhler Mopeds sind im sogenannten offenen Prinzip konstruiert: “Jedes Bauteil steht für sich. Heute spricht man von einem Naked Bike”. Dadurch seien sie vergleichsweise leicht zu reparieren, auch für Laien.

Das veranschaulicht auch ein Blick in die Betriebserlaubnis. Darin ist genau erklärt, wie sich das Fahrzeug zerlegen lässt und welche Werkzeuge dafür nötig sind. “Solche Informationen finden Sie heute in keiner Betriebserlaubnis mehr”, so Orban. Hinzu kommt, dass weiterhin Ersatzteile produziert werden. Und: Simson-Mopeds mit originaler DDR-Betriebserlaubnis dürfen bis heute 60 km/h fahren. Nicht, wie vergleichbare Kleinkrafträder, nur 45 km/h. Die Ausnahmeregelung ergibt sich aus einem Bestandsschutz im Zuge des Einigungsvertrags.

Um die Simson-Mopeds ist ein regelrechter Hype entstanden. Dieses Modell SR 1 war Ausgangspunkt – und eine der ersten Serien-Mopeds, die in der DDR gebaut wurden.

Politische Vereinnahmung durch AfD

Seit einiger Zeit versucht die AfD, den Simson-Hype für sich zu nutzen. Parteipolitiker inszenieren sich mit den Mopeds. Etwa der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, der sich auch mit Simson auf einer Wahlkampftour zeigte. Zudem gab es aus der Partei den Vorstoß, Simson als immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen: als Ausdruck ostdeutscher Identität.

Kritik der jüdischen Gründerfamilie der Marke

Die Nachfahren der jüdischstämmigen Gründerfamilie der Marke Simson leben heute in den USA. Sie kritisieren diese politische Vereinnahmung scharf. Von ihnen hieß es in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: “Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens.”

Der Name Simson dürfe unter keinen Umständen zum Symbol der AfD werden. In den sozialen Medien kontern AfD-Anhänger: Die Simson-Familie habe mit der Moped-Produktion nichts mehr zu tun gehabt, könnte folglich keinerlei Ansprüche stellen.

Erfolgsgeschichte bis zur Enteignung durch die Nazis

Gegründet wurde Simson 1856 von den jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson. Aus zunächst einem Zulieferbetrieb für die Waffenindustrie entwickelte sich ein großes Unternehmen mit breiter Produktpalette: von Haushaltswaren über Kinderwagen und Dreirändern, bis zu Tretrollern und Fahrrädern.

Eine unternehmerische Erfolgsgeschichte, wie Museumsleiter Orban vom Suhler Fahrzeugmuseum sagt. 1935 wurde die Familie von den Nationalsozialisten enteignet. Im Zuge dessen wurde der Name der Firma in “Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke”, kurz BSW, geändert. Für viele Menschen in Suhl sei das ein schmerzhafter Einschnitt gewesen, so Orban. In der Bevölkerung hätten viele scherzhaft gesagt: “BSW – Bis Simson Wiederkommt”.

Damit war die Hoffnung verbunden, die Familie werde den Betrieb nach dem Krieg wieder übernehmen. Dazu kam es nicht. Die in die Vereinigten Staaten ausgewanderte Familie gab jedoch später ihr Einverständnis, dass ihr Name wieder verwendet werden darf.

Das Museum selbst möchte aktuelle politische Diskussionen nicht weiter kommentieren. Ihnen gehe darum, Wissen über Geschichte und Technik zu vermitteln. Eine politische Vereinnahmung der Marke – egal aus welcher Richtung – lehne man ab.

Stadt Suhl interessiert am Kauf der Markenrechte

Die Simson-Markenrechte besitzt heute die “Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten”, kurz GESA. Es handelt sich um eine bundeseigene Tochtergesellschaft, die Vermögenswerte aus der Treuhandzeit verwaltet. Die Stadt Suhl würde der GESA die Rechte gerne abkaufen.

Laut Stadtsprecher Steven Bickel geht es darum, die Marke dauerhaft an die Stadt zu binden. Der Name Simson habe für Suhl auch einen touristischen Wert – unter anderem durch das jährlich stattfindende Simson-Festival. Auch das ehemalige Werksgelände werde von Fans besucht.

Rechtliche Hürden und hohe Kosten

Mit der aktuellen politischen Debatte habe der Wunsch zum Erwerb der Markenrechte allerdings nichts direkt zu tun, betont die Stadt. Diese Überlegungen gebe es bereits seit mehreren Jahren. Korrekt ist, dass ein erster Stadtratsbeschluss zu dem Thema mit einer entsprechenden Willensbekundung aus dem Jahr 2023 vorliegt. Erste Prüfungen des Vorhabens hätten allerdings ergeben, dass ein Kauf rechtlich schwierig sein und für die Stadt hohe Kosten verursachen könnte.

Ob der Stadtrat das Vorhaben weiterverfolgt, ist daher offen. Stadtsprecher Steven Bickel betont außerdem: “Wir sehen auch, dass die GESA die Marke bisher sehr gut führt und auch verteidigt.” Zum politischen Kontext gehört auch: Im Suhler Stadtrat ist die AfD selbst die zweitgrößte Fraktion.

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