Freiwillige in den Niederlanden klingeln an fremden Türen und suchen das Gespräch. Nicht, um zu überzeugen, sondern um zuzuhören. Kann das sogenannte Deep Canvassing Brücken bauen? Nicht immer.
Im Alltag wären sich Bas van Veen und die junge Frau an der Haustür in Den Haag wohl nie begegnet – zu unterschiedlich sind ihr Alter und Lebensumfeld. Doch genau das sucht der 32-jährige Bas van Veen. Dafür klingelt er zusammen mit anderen Freiwilligen für “Deep Canvassing” an fremden Türen. Das Ziel, mit fremden Menschen sprechen, mit denen man sonst nicht in Kontakt gekommen wäre.
Das Prinzip ist einfach: An den Anfang stellt van Veen eine Aussage zum Thema Migration. Sein Gegenüber an der Haustür bewertet sie auf einer Skala von eins bis zehn, von “stimme nicht zu” bis “stimme voll zu”.
In diesem Fall beginnt Bas mit: “Jeder in den Niederlanden hat ein Recht auf Wohnung, Arbeit, Gesundheitsversorgung und Bildung – auch Migranten”. Die junge Frau zögert nicht lange: eine zehn. Die beiden sind sich schnell einig. Erst dann beginnt das eigentliche Gespräch. Van Veen fragt nach, will verstehen, welche Erfahrungen sie geprägt haben und wie sie zu ihrer Haltung gekommen ist.
Empathie als Methode
Zuhören und empathisch sein, das ist der Kern von Deep Canvassing – auch dann, wenn die Meinungen auseinandergehen. Wir wollen miteinander reden, erklärt van Veen. Es gehe nicht darum, jemanden zu überzeugen, sondern darum, persönliche Geschichten zu teilen und einander zuzuhören.
Die Gruppe ist nicht zum ersten Mal in diesem Viertel unterwegs. Sie sucht gezielt Gegenden auf, in denen besonders viele Menschen rechtspopulistische Parteien wählen, die sich mit scharfer Rhetorik gegen Migration wenden.
An 200 Türen haben sie hier schon geklingelt, manche öffnen sich, andere bleiben verschlossen.
Ursprung in den USA
Die Methode des Deep Canvassing – auf Deutsch etwa, tiefgehendes Werben – stammt aus den USA. Dort wurde sie erstmals 2008 im Zusammenhang mit einer Volksabstimmung zur gleichgeschlechtlichen Ehe eingesetzt, später dann auch im Wahlkampf der Demokraten.
Studien aus den USA zeigen, dass Deep Canvassing dort wirksam ist, so Mariken van der Velden, Professorin für Politik und Medien an der Vrije Universiteit in Amsterdam: Durch Deep Canvassing würden Menschen dabei mit Personen in Kontakt kommen, die sie sonst als grundlegend verschieden wahrnehmen.
Nicht nur in ihren politischen Ansichten, sondern auch emotional: “Negative Gefühle gegenüber diesen Gruppen – von Ablehnung bis hin zum Hass – können dadurch abnehmen”, so van der Velden.
Ein agree to disagree: Man einigt sich darauf, unterschiedlicher Meinung zu sein: Ich bin nicht damit einverstanden, dass du diese Position vertrittst, aber ich lasse zu, dass du diese Position vertrittst.
Ob das in Europa genauso ist, ist bislang noch nicht erforscht. Die niederländische Initiative Deep Canvassing versteht sich als parteienunabhängig – auch, wenn bislang mehr Menschen aus dem linken Spektrum teilnehmen.
Die Bewegung wird von Spenden finanziert und zieht in den letzten Jahren immer mehr Menschen an. Was vor drei Jahren klein begann, ist mittlerweile zu einem Netzwerk mit 250 Freiwilligen in mehreren Städten geworden.
Unterwegs in politisch gespaltenen Vierteln
Die junge Frau an der Haustür jedenfalls zeigt sich offen. Gut finde sie es, was van Veen mache. Er ist optimistisch, als er zurück auf die Straße geht.
Doch dort begegnet ihm auch das Gegenteil: Ein Mann auf einem Roller taucht hinter ihm auf, er ist in einem Videoanruf und richtet die Kamera auf van Veen. Die Stimmung wird angespannt, ein zweiter Mann kommt angefahren, wird laut und droht. Sie sollten verschwinden, und zwar schnell.
Als sie das Viertel verlassen, hat Bas van Veen Tränen in den Augen. Die Situation gehe ihm nahe, so was hätten sie noch nie erlebt, sagt die Gruppe. In den vergangenen Wochen hätten sie mit Hunderten Menschen gesprochen – viele Begegnungen seien offen und bereichernd gewesen.
Trotz der angespannten Situation wollen die Teilnehmenden weitermachen. Der Vorfall habe gezeigt, dass Polarisierung stattfinde, so Teilnehmer Thomas: “Und genau das ist der Punkt – zumindest was meine persönliche Motivation betrifft, mich zu engagieren und mehr Menschen dazu zu bewegen, etwas gegen die Polarisierung und die Sündenbock-Rhetorik zu unternehmen. Ich bin motiviert, weiterzumachen.” Auch, wenn manche Viertel ihnen verschlossen bleiben.

