Der Verteilungskampf ums griechische Wasser

Der Verteilungskampf ums griechische Wasser


Europamagazin

Stand: 11.04.2026 • 09:28 Uhr

Der Klimawandel gefährdet die Wasserversorgung Athens. Zwei Gebirgsflüsse sollen teils Richtung Hauptstadt umgeleitet werden. Aber das ruft Widerstand hervor. Ein Verteilungskampf hat begonnen.

Moritz Pompl

Ein gewaltiger Sandsturm mit Regen. Unwetter bei Athen. Wassermassen, die alles mit sich reißen. Das waren die Schlagzeilen aus Griechenland in den letzten Tagen. Doch die Wetterphänomene können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Athen bald das Wasser ausgehen könnte.

Rund 200 Kilometer nordwestlich der griechischen Hauptstadt fiel der Pegel im größten Stausee in den letzten drei Jahren auf einen rekordverdächtig niedrigen Stand. Das alte Dorf Kallio, seit der Flutung 1980 unter Wasser, kam wieder zum Vorschein.

Apostolos Gerodimos, der hier aufgewachsen ist und damals mit seiner Familie wegziehen musste, spricht von einem seltsamen Gefühl. Ein Gebäude ums andere sei zum Vorschein gekommen, und er kenne sie alle: den Laden, die Kirche, die Schule.

Der ehemalige Bewohner des im Stausee versunkenen Dorfes, Apostolos Gerodimos, sieht seinen ehemaligen Heimatort langsam wieder auftauchen.

Wassernotstand für Großraum Athen

Allein vergangenes Jahr hatte der Mornos-See die Hälfte seines Wassers verloren. An den anderen Athener Stauseen zeigte sich ein ähnliches Bild.

Der Wasserversorger Eydap schlug im November Alarm. Der Vorrat fiel unter die Menge, die Athen in einem Jahr verbraucht.

Griechenlands Regierung rief den Wassernotstand aus. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis erklärte, man müsse sich auf den schlimmsten Fall vorbereiten.

Zwei Flüsse sollen angezapft werden

Der Notfallplan sieht nun so aus: Zwei Gebirgsflüsse in Zentralgriechenland sollen angezapft, das Wasser soll dann über Tunnelsysteme Richtung Athen umgeleitet werden.

Doch in den Bergen regt sich Widerstand gegen die Pläne der Regierung. In der Stadt Karpenisi hat sich eine Initiative gegründet, zuletzt waren Hunderte zu einer Demo-Veranstaltung gekommen.

Die Angst: Wenn Athen die Flüsse anzapft, dann könnte hier in den Bergen das Wasser ausgehen.

Widerstand in den Bergen

Viele junge Menschen sind schon abgewandert. Jetzt fürchtet man um die Perspektive für die, die noch da sind.

Die Flüsse sind etwa für Kajakfahrer attraktiv. Wenn Flüsse und Seen verloren gingen, sagt Sophia Flegka vom Hotelverband der Region Evrytania, dann gäbe es gar keinen Tourismus mehr – und damit keine Zukunft.

Das Flusswasser dient außerdem dem eigenen Bedarf. Nikos Tsoutsouras ist am Fluss aufgewachsen, seine Kühe grasen in den Auen. Wenn die Tunnel kommen, dann würden seine Tiere hier nichts mehr zu fressen finden, glaubt er.

Der Bürgermeister der Stadt Karpenisi, Christos Kakavas, meint, es sollte zunächst die Wasserinfrastrukur verbessert werden – statt das Flusswasser umzuleiten.

Kritik an Infrastruktur und Nutzung

In Athen, sagen viele Bergbewohner, werde das Wasser nicht immer sinnvoll eingesetzt. Tausende von Swimmingpools, Großprojekte mit künstlichen Wasserfällen, Datenzentren, die viel Wasser konsumieren – und dafür die Bergflüsse umleiten?

Zuerst sollten Schäden am Leitungsnetz repariert werden, sagt der Bürgermeister von Karpenisi, Christos Kakavas. Es müsse nach Möglichkeiten gesucht werden, Wasser zu recyceln. Und es wäre einfacher, Meerwasser zu entsalzen.

Tatsächlich geht derzeit rund jeder sechste Liter im durchschnittlich 60 Jahre alten Wassernetz verloren. Das Brauchwasser Athens landet nach der Reinigung im Meer. Und Entsalzungsanlagen gibt es bislang nur auf den griechischen Inseln.

“Günstiges Wasser von hervorragender Qualität”

In Athen aber will man – zusätzlich zu Verbesserungen etwa am Leitungsnetz – an den Plänen zur Umleitung des Flusswassers festhalten.

Giorgos Karagiannis vom Wasserversorger EYDAP sagt, das Projekt, überschüssiges Wasser aus den Gebirgsflüssen allein über die Schwerkraft nach Athen zu leiten, hieße, günstiges Wasser von hervorragender Qualität zu haben, ohne dass es Eingriffe in die Infrastruktur des Unternehmens bräuchte.

Am Mornos-See hat Apostolos Gerodimos noch eine mögliche Lösung vor Augen: die Natur selbst. In den letzten Wochen hat es nach Jahren der Dürre unerwartet viel geregnet. Der Stausee hat sich gut gefüllt. Die meisten Häuser des Ortes Kallio sind wieder im See verschwunden.

Doch die langfristigen Klimaprognosen für Griechenland sehen düster aus.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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