Gedenkstätte Buchenwald: “Das Ende der Zeitzeugenschaft ist gekommen”

Gedenkstätte Buchenwald: “Das Ende der Zeitzeugenschaft ist gekommen”


interview

Stand: 12.04.2026 • 12:44 Uhr

Heute wird der Befreiung des KZ Buchenwald vor 81 Jahren gedacht. In diesem Jahr sind so wenige Zeitzeugen wie nie anwesend. Wie verändert das die Gedenkkultur? Fragen an Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner.

In der Gedenkstätte Buchenwald wird heute an die KZ-Befreiung vor 81 Jahren erinnert. Erstmalig werden so wenige Zeitzeugen wie nie zuvor bei der Gedenkfeier anwesend sein. Dafür wird mit Hape Kerkeling ein prominenter Enkel eines ehemaligen Häftlings sprechen.

In diesem Jahr waren aufgrund des Gaza-Krieges Proteste angekündigt. Kritik gab es im Vorfeld auch am geplanten Grußwort von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Wie verändern aktuelle Debatten die Gedenkkultur in Weimar? Im Gespräch mit dem Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner.

MDR KULTUR: Jens-Christian Wagner, vor der Gedenkveranstaltung am Sonntag war ein (propalästinensischer) Protest geplant. Er ist von der Stadt Weimar untersagt worden – die Gedenkstätte unterstützt das. Wieso dieses Verbot?

Jens-Christian Wagner: Es geht nicht nur um eine Demonstration, sondern um mehrere – und es geht auch um Gegendemonstrationen. Unser Ziel muss es sein, unseren Gästen einen möglichst würdigen Gedenktag zu ermöglichen. Einen Gedenktag, bei dem die Überlebenden und ihre Angehörigen im Mittelpunkt stehen. Es geht darum, die Opfer des KZ Buchenwald zu würdigen. Dem steht eine Demonstration auf dem Parkplatz vor der Gedenkstätte und danach am Glockenturm entgegen.

Außerdem geht es um die Demonstration einer Gruppierung, die im Kern auf die sogenannte Kommunistische Organisation zurückgeht – eine kleine, linksautoritäre Gruppe, die das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 als palästinensische Befreiungstat gefeiert hat. Das heißt, es sind Gruppen, die menschenfeindliche Ziele vertreten und da ist für uns die rote Linie überschritten.

Jens-Christian Wagner

Zur Person

Jens-Christian Wagner ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

“Herr Weimer kommt nicht als Privatperson”

MDR Kultur: Kulturstaatsminister Weimer wird zum Gedenktag Grußworte sprechen. Angehörige von Überlebenden wollten das im Vorfeld nicht. Sie werfen ihm vor, er habe zu wenig Verständnis für die politischen Häftlinge, die damals in Buchenwald inhaftiert waren. Diesem Wunsch werden Sie als Gedenkstätte nicht nachkommen: Wie ist das, nicht auf die Angehörigen eingehen zu können?

Wagner: Naja, schön ist das nicht. Ich teile Kritik an Kultusstaatsminister Weimer. Ich habe sein Buch, das Konservative Manifest, gelesen. Das ist tatsächlich ein Buch, das man als problematisch bezeichnen muss. Auch die ganze Debatte um den Buchhandelspreis haben wir hier natürlich verfolgt.

Aber darum soll es meines Erachtens am Jahrestag der Befreiung überhaupt nicht gehen. Herr Weimer kommt nicht als Privatperson. Er wird als Vertreter der Bundesregierung deutlich machen, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen und auch die Förderung der Gedenkstätten-Arbeit für die Bundesregierung hat – in einer Zeit, in der wir insbesondere von Rechtsaußen massiven Angriffen ausgesetzt sind, in der unsere Arbeit als Schuldkult diskreditiert wird, Stichwort: AfD.

Da ist die Rede eines Kulturstaatsministers ein wichtiges Zeichen der Unterstützung. So werte ich das. Man muss auch deutlich sagen, Herr Weimer ist Vertreter einer demokratischen Bundesregierung. Zu fordern, er dürfe nicht reden, weicht meines Erachtens die Brandmauer nach Rechtsaußen auf. Das halte ich für falsch.

“Wir werden nicht Horst Schlämmer erleben”

MDR Kultur: Neben Herrn Weimer soll auch Hape Kerkeling auf der Gedenkveranstaltung sprechen. Da werden wir sicher nicht den Komiker erleben, richtig?

Wagner: Nein. Und wir werden auch nicht Horst Schlämmer erleben. Wir erleben einen sehr ernsthaften Mann, der sich mit der Geschichte seines Großvaters auseinandersetzt.

Als Katholik und Kommunist wurde dieser 1933, nachdem er Flugblätter gegen die Nationalsozialisten verteilt hatte, verhaftet. Bis 1942 musste er eine neunjährige Haftstrafe absitzen, wegen Vorbereitung zum Hochverrat – was ihm das Gericht vermeintlich nachgewiesen hat. Nach Verbüßung dieser Haftstrafe wurde er von der Gestapo in das KZ Buchenwald überstellt als sogenannter Schutzhäftling.

Er hat dann fast drei Jahre im KZ Buchenwald überlebt, unter anderem hat er auch fast zwei Monate Haft im Arrestzellenbau, also im Lagergefängnis verbracht – in einer Zeit, als die Gestapo versuchte, die KPD-Organisation in Buchenwald zu zerschlagen, zu der Hape Kerkelings Großvater ganz offensichtlich gehörte.

Gedenken an die KZ-Befreiung

Am Sonnabend, 11. April, ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Am Sonntag, 12. April, findet die offizielle Gedenkveranstaltung statt.

“So gut wie keine Überlebenden mehr, die sich wehren können”

MDR Kultur: Diese Gedenkveranstaltung wird sich unterscheiden von früheren Gedenkveranstaltungen, weil aufgrund der Einschränkungen im Flugverkehr wegen des Krieges zwischen Israel, den USA und Iran in diesem Jahr nur zwei Überlebende anreisen können – so wenige wie nie zuvor. Wie wird das diese Gedenkfeier verändern?

Wagner: Es wird auch die erste Gedenkveranstaltung seit vielen Jahren sein, auf der nicht ein Überlebender die Hauptrede hält, sondern mit Hape Kerkeling ein Enkel. Das verweist darauf, dass das Ende der Zeitzeugenschaft mittlerweile tatsächlich gekommen ist.

Wir haben eingangs über die Versuche von diversen Gruppen und Einzelpersonen gesprochen, Buchenwald gewissermaßen als Bühne ihrer partikularen politischen Ziele zu missbrauchen. Ich habe das Gefühl, das hat auch mit dem Abschied von der Zeitzeugenschaft zu tun – damit, dass es eben so gut wie keine Überlebenden mehr gibt, die sich wehren können. Das wird vermutlich in den nächsten Jahren sogar noch zunehmen.

Das Gespräch führte Thomas Bille, MDR KULTUR. Das Interview wurde von der Redaktion gekürzt und für eine bessere Lesbarkeit sprachlich angepasst.

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