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Die EZB tat sich lange schwer damit, die Einführung einer digitalen Währung voranzutreiben. Doch der Druck wächst. Könnte ein digitaler Euro Europas Souveränität stärken?
Um es gleich vorneweg zu sagen: Das Bargeld soll nicht abgeschafft werden. Es geht auch nicht darum, den Zahlungsverkehr in Deutschland oder im Euroraum anders zu organisieren als bisher. Aber das bargeldlose Bezahlen wird immer beliebter. Und dafür braucht es Möglichkeiten.
Bislang haben die Amerikaner hier die Nase vorn. Ob PayPal, Google Pay oder Apple Pay – dahinter stehen große, börsennotierte US-Konzerne. Auch auch Visa und Mastercard sind amerikanische Zahlungsdienstleister.
Für den Ökonomen Edgar Walk von Metzler Asset Management könnte das ein Problem werden. “Wenn sich in den USA das politische Klima ändert, dann können wir erpresst werden”, sagt er im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. “Das wollen wir nicht. Wir müssen uns unabhängiger machen.”
Mehrere Notenbanken ergreifen die Initiative
Mehrere Notenbanken experimentieren bereits mit digitalem Zentralbankgeld. Auf den Bahamas oder in Nigeria kann man damit schon bezahlen.
In der Eurozone gibt es noch kein digitales Pendant zu den im Umlauf befindlichen Euro-Scheinen und Euro-Münzen. Das wäre Geld, das von der Europäischen Zentralbank herausgegeben wird, für alle im Euroraum verfügbar, 1:1 an den physischen Euro gekoppelt, nur eben Geld in digitaler Form.
Verbraucher sollen digitale Geldbörse bekommen
Das muss man sich so vorstellen, dass Verbraucher Geld in einer digitalen Geldbörse gutgeschrieben bekommen. Das ist eine sogenannte “Wallet”. Mit diesem Geld können Waren oder Dienstleistungen in Sekundenschnelle bezahlt werden, rund um die Uhr, zum Beispiel mit dem Smartphone – und das selbst dann, wenn es keine Internetverbindung gibt.
Dass es solch digitales Zentralbankgeld in der Eurozone noch nicht gibt, sieht Chris-Oliver Schickentanz von der Capitell AG gelassen. “Es gibt heute schon privatwirtschaftlich jede Menge Möglichkeiten, digital Euros vorzuhalten. Dafür brauche ich jetzt ehrlicherweise nicht mehr eine Notenbank, die mir eine separate, teilweise sehr komplizierte Wallet anbietet.”
Wero als eine privatwirtschaftliche Initiative
Die privatwirtschaftlichen Möglichkeiten, von denen Schickentanz spricht, beziehen sich auf Initiativen wie Wero. Das ist ein europäische Bezahlsystem, initiiert und entwickelt von der “European Payments Initiative”, einem Zusammenschluss von mehreren europäischen Banken und Zahlungsdienstleistern, auch die Sparkassen sind mit im Boot.
Mit Wero können Geldtransfers direkt vom Handy aus getätigt werden. Dazu braucht es keine IBAN. Es ist auch keine Bank dazwischengeschaltet.
EZB und EU-Parlament treiben die Entwicklung voran
Die Europäische Zentralbank (EZB) forciert nun ihrerseits die Einführung einer digitalen Währung. Denn der Druck nimmt zu. “Ich glaube, das Hauptargument ist, dass man von Seiten der EZB meint, etwas gegen private digitale Währungen tun zu müssen,” sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank.
“Gerade so nach den Erfahrungen mit Donald Trump im Weißen Haus oder mit dem russischen Gas möchte man autonom und vor allem souveräner aufgestellt sein,” ergänzt Sören Hettler von der DZ Bank. “Das ist nachvollziehbar und das könnte ein digitaler Euro bis zu einem gewissen Grad auch erreichen.”
Auch von Seiten der EU laufen die Vorbereitungen mittlerweile auf Hochtouren. Vertreter vom EU-Parlament und dem Rat der Europäischen Union sind dabei, die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. 2029 könnte es so weit sein, vorausgesetzt, es gibt bis dahin in allen Eurostaaten die entsprechenden technischen Möglichkeiten – und offene Fragen in Sachen Datenschutz, Zugänglichkeit und Privatsphäre sind geklärt.
“Wir müssen etwas tun”
Für Damian Boeselager, Mitglied des Europäischen Parlaments, geht das in die richtige Richtung. “Wir müssen etwas tun, um die europäische Souveränität im Zahlungsverkehr zu stärken”, sagt er. “Ob das eine digitale Währung oder etwas anderes ist, darüber kann man sich streiten. Aber ich glaube, das ist ein sinnvoller Schritt, das Problem anzuerkennen.”
Tobias Berg von der Frankfurter Goethe Universität argumentiert ähnlich. Er ist Professor für Banking am House of Finance. Für ihn ist der digitale Euro ein zentrales Instrument zur Stärkung der europäischen Souveränität. Zahlungsabläufe könnten effizienter gestaltet und die Autonomie im Finanzsektor erhöht werden. Berg plädiert für einheitliche Standards, “ähnlich wie wir es kennen von Steckdosen oder vom USB-C, der dann allgemein von vielen benutzt werden kann”.
Verbraucher werden in Zukunft viele Wahlmöglichkeiten haben. Sie können mit Kreditkarten und mit EC-Karten bezahlen, Wero benutzen oder auf digitales Zentralbankgeld zurückgreifen, wenn es denn eingeführt wird. “Es geht nicht darum, privaten Wettbewerb zu verdrängen, sondern mit dem digitalen Euro dem privaten Wettbewerb freien Lauf zu lassen,” so Berg. Damit werden europäische Alternativen geschaffen im globalen Zahlungsverkehr.


