Papier aus dem Bundesumweltministerium – Kritik an EU-Atomstrategie

Papier aus dem Bundesumweltministerium – Kritik an EU-Atomstrategie


exklusiv

Stand: 20.04.2026 • 06:00 Uhr

Experten des Bundesumweltministeriums kritisieren die Pläne der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen zum Einsatz kleiner, modularer Kernreaktoren. Das geht aus einem internen Papier des Ministeriums hervor, das dem SWR vorliegt.

Von Marcel Kolvenbach und Nick Schader, SWR

Nach den Plänen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sollen in Zukunft Mini-AKW den europäischen Energiemix ergänzen, um Klimaziele zu erreichen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die “Strategie für die Entwicklung und den Einsatz von kleinen, modularen Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR) in Europa” hatte von der Leyen im Rahmen des zweiten Nuclear Energy Summits am 10. März 2026 in Paris vorgestellt.

Fachleute widersprechen

Dem SWR liegt exklusiv ein internes Papier aus dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) vom 13. März vor, das zu den SMR-Plänen Stellung nimmt. Das Papier soll die Position der zuständigen Fachabteilung im Ministerium wiedergeben und in die weitere Abstimmung der Bundesregierung zu der Strategie und den Beratungen auf EU-Ebene einfließen.

“Die Fachleute sprechen Tacheles”, bewerten Insider des SPD-geführten Ministeriums den Inhalt des Papiers. Es widerspricht in zentralen Punkten den Positionen der EU-Kommission zu den angeblichen Vorteilen der kleinen, modularen Reaktoren.

“Zu teuer, zu unsicher, zu spät”

Kernaussagen des Papiers: Auch für SMR müssten sehr hohe Anforderungen an die nukleare Sicherheit gelten. An den grundlegenden Risiken ändere die kleinere Bauweise nichts. Daher hätten “Mini-AKW” gegenüber herkömmlichen AKW auch keinen Kostenvorteil – im Gegenteil. Um die Leistung eines großen Reaktors zu erreichen, müssten etwa vier kleine Kernkraftwerke gebaut werden, von denen jedes einzelne die hohen Sicherheitsstandards erfüllen müsse.

Ohne massive staatliche Förderung gäbe es daher für die SMR bisher keinen Markt, denn ein Kostenvorteil durch die “modulare Bauweise”, also industrielle Vorfertigung, würde erst bei einer Massenproduktion greifen. Diese sei derzeit nicht in Sicht. Und durch die nötigen staatlichen Subventionen würden Mittel abgeschöpft, die an anderer Stelle für den Klimaschutz benötigt würden. Außerdem käme die noch nicht ausgereifte SMR-Technologie zu spät für die jetzige Energiewende.

SMR: Spaltstoff für die Koalition?

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat sich immer wieder klar gegen den Wiedereinstieg in die Atomkraft positioniert. Bundeskanzler Friedrich Merz dagegen hatte wie von der Leyen den deutschen Atomausstieg als “strategischen Fehler” bezeichnet. CSU-Chef Markus Söder möchte in Bayern auf SMR setzen – und müsste dazu mit Unterstützung des Koalitionspartners SPD zunächst das Bundesgesetz ändern. Und Unionsfraktionschef Jens Spahn will eine Diskussion zur Wiederinbetriebnahme deutscher Atomkraftwerke.

Das CDU-geführte Bundesministerium für Wirtschaft und Energie räumt zwar ein, dass laut Koalitionsvertrag ein Wiedereinstieg in die Atomenergie nicht anstehe, bezieht auf Anfrage des SWR aber klar Stellung im Richtungsstreit Atomkraft: “Deutschland darf Technologien wie SMR nicht vorzeitig vernachlässigen, auch, um am Ende unsere Resilienz zu stärken”, heißt es dazu in einer schriftlichen Antwort des Ministeriums. “Deshalb schauen wir nicht nur auf erneuerbare Energien, Speicherkapazitäten und die Digitalisierung der Netze, sondern auch auf SMR.”

“Im Augenblick kein Kostenvorteil”

Der interne Kurzvermerk aus dem Bundesumweltministerium widerspricht aber gerade den Argumenten für die besondere Wirtschaftlichkeit – der “erschwinglichen Energie” der Mini-AKW. Das Papier verweist darauf, dass die Baukosten von SMR zwar vordergründig geringer erscheinen als bei großen AKW. “Skaliert man auf die Leistung, sieht man aber, dass SMR im Augenblick keinen Kostenvorteil gegenüber großen AKW bieten”.

Bisher gibt es weltweit kein kommerziell betriebenes SMR-Kernkraftwerk, und das habe einen Grund, so die Experten: Wahrscheinlich seien am Ende “die Kosten pro Megawatt Leistung sogar höher” als bei konventionellen AKW.

Das bisher weltweit einzige SMR-Projekt wird als Referenz herangezogen: “Für das SMR-Projekt (geplant vier SMR) in Darlington in der kanadischen Provinz Ontario (CAN) werden bisher Gesamtkosten von 13,3 Mrd. Euro angegeben”, heißt es in dem Papier. Aufgrund der geringeren elektrischen Leistung lägen die spezifischen Kosten pro Megawattstunde bei SMR derzeit über denen großer Atomkraftwerke. Fazit: “Die häufig angeführten Kostenvorteile durch Modularität sind bislang nicht empirisch belegt.”

Zweifel am preiswerten Atomstrom

Zu ähnlichen Ergebnissen waren auch schon andere Wissenschaftler gekommen. So hatten Experten von der Technischen Universität Berlin und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung berechnet, dass eine Kilowattstunde Strom aus den Mini-AKW je nach Konzept 18 bis 50 Cent kosten würde. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde Windstrom kostete zuletzt vier bis neun Cent.

Und auch bei den radioaktiven Abfällen bieten SMR offenbar keine Vorteile. Eine Auswertung des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) kam vor Kurzem zu dem Ergebnis, dass SMR bezogen auf die Leistung sogar mehr hochradioaktiven Abfall erzeugen könnten als herkömmliche Kernreaktoren.

Insgesamt kommt das Bundesumweltministerium auf Anfrage des SWR zu dem Ergebnis, dass es “weder zum Durchbruch der SMR-Technologie kommen wird noch eine öffentliche Förderung derartiger Konzepte sinnvoll ist.”

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *