50 Jahre Warten in der Wüste – wohin gehört die Westsahara?

50 Jahre Warten in der Wüste – wohin gehört die Westsahara?


weltspiegel

Stand: 07.12.2025 11:43 Uhr

Seit Mitte der 1970er-Jahre warten Flüchtlinge aus der Westsahara in algerischen Flüchtlingslager auf eine politische Lösung des Konflikts um die frühere spanische Kolonie. Haben sie noch Hoffnung auf eine Rückkehr?

Kristina Böker, SWR

Kurz vor der ersten Stunde in der Grundschule im Flüchtlingslager Bojador: Die Geschwister Khalani, Kasem und Ahmed sind auf den letzten Metern ihres tristen Schulwegs. Vorbeifahrende Autos wirbeln ihnen Staub ins Gesicht. Die Straßen sind Pisten, die Häuser karge Gemäuer. 

“Wir Sahraoui leben hier nur von fremder Hilfe, mal gibt es mehr, mal weniger”, erklärt Direktorin Salka Barka Boussoufa. Auf dem Lehrplan steht neben Arabisch und Englisch auch Krieg und Frieden. “Die Sahraoui dürften ihre Werte, ihre Wurzeln und die Liebe zum eigenen Land nicht vergessen”, so Salka. Es sei wichtig, das den Kindern frühzeitig beizubringen. 

Bojador ist eines von fünf Lagern in der algerischen Provinz Tindouf, nahe der Grenze zu Mauretanien und Marokko. Errichtet wurde es, nachdem Spanien 1975 seine Kolonie Westsahara aufgegeben hatte, Marokko einmarschierte und viele Menschen flüchteten.

Seither ist die frühere spanische Kolonie zweigeteilt – in ein von Marokko beanspruchtes Gebiet und in ein Gebiet, das von der Polisario kontrolliert wird, der politisch-militärischen Vertretung der Saharoui, die auch die Flüchtlingslager verwaltet.

Staubige Pisten und karge Gemäuer – das prägt den Schulweg der Kinder im Flüchtlingslager Bojador.

Tristes Grau und Fluchterinnerungen

Zu Hause versucht die Familie der drei Geschwister, mit bunten Polstern und Decken gegen das triste Grau des Lagers anzukämpfen. Fünf Frauen sitzen beim Tee, eine werkelt in der Küche.

Das Leben hier sei nicht leicht, erzählen sie. Großmutter Brira Meludi erinnert sich, wie sie 1976 aus ihrem Heimatort Dakhla fliehen musste. “Es gab Flugzeuge, die Bomben abwarfen.” Die Marokkaner hätten ihre Brüder gefasst und eingesperrt, aber Brira habe mit anderen fliehen können.

Fast alle Familien in den Flüchtlingslagern der Sahraoui können solche Geschichten von Flucht und Vertreibung aus dem Gebiet der Westsahara erzählen.

Aus den Provisorien sind Dauereinrichtgen geworden – seit den 1970er-Jahren gibt es die Flüchtlingslager in Algerien.

Zunehmend Rückhalt für Marokko

Dakhla, der Heimatort dieser Familie, liegt am Atlantik, dort leben die Menschen von Fischerei und Tourismus. Viel bessere Lebensbedingungen also, als hier in der Wüste im Südosten Algeriens.

Eine Aussicht auf Rückkehr in ihre Heimat gibt es vorerst nicht. Im UN-Sicherheitsrat stimmte nun eine Mehrheit – genauer 11 von 15 Mitgliedern – für den von den USA unterstützten marokkanischen Autonomieplan. Der sieht vor, dass Westsahara eine autonome Region im marokkanischen Staat werden solle. Es sieht jetzt also so aus, als hätte Marokkos Position im Westsahara-Konflikt mehr und mächtigere Unterstützer – allen voran die USA.

Die Regierung von US-Präsident Donald Trump will offenbar auch hier als Friedensstifter wirken. Auf die Rolle der USA angesprochen reagieren die Frauen der Tee-Runde gereizt. “Marokko und Trump sollen wissen: Wir kämpfen weiter für unser Land”, schimpft Krekiba Lefdeil. “Wir sterben für unser Land, wir geben es nicht her.”

Kein Wort mehr über ein Referendum

1976 riefen die Freiheitskämpfer der Polisario einen eigenen Staat aus, die “Demokratische Arabische Republik Sahara”. Viel Land gehört nicht dazu. Und der Großteil des Volkes der Sahraoui, geschätzt 170.000 Menschen, lebt auf algerischem Boden, in den Lagern wie Bojador. Nur noch etwa 40 Länder erkennen den Polisario-Staat an, sein Rückhalt scheint zu schwinden. Dafür spricht, dass in der jüngsten UN-Resolution mit keinem Wort das Referendum über die Zukunft der Westsahara erwähnt wird, das Sahraoui schon lange fordern.

Genau das treibt ihren Außenminister Mohamed Yeslem Beissat um. Er betont das “natürliche und fest verankerte Recht auf Selbstbestimmung” seines Volkes: “Das ist eine rote Linie, die niemand überschreiten sollte.”  Beissat will, dass das Volk selbst bestimmen kann, ob es unter das Dach Marokkos geht oder einen unabhängigen Staat bekommt.  

Für die UN-Schutztruppe Minurso, die seit 1991 im Land ist und deren Auftrag jetzt um ein Jahr verlängert wurde, fordert er, sie solle ihr ursprüngliches Mandat umsetzen, das darin bestehe, “ein Referendum zur Selbstbestimmung des sahraouischen Volkes zu organisieren”. 

Welche Zugeständnisse macht die Polisario?

Aber ist die Polisario auch bereit, Zugeständnisse zu machen, damit die Menschen in ihre Heimat zurückkehren können? Der Minister gibt sich verhandlungsbereit. Aber hat er Fürsprecher? Algerien, die Schutzmacht der Polisario, gewährt den Sahraoui zwar Land und humanitäre Hilfe. Aber das Land hat die Abstimmung im UN-Sicherheitsrat boykottiert und ist auch nicht Teil offizieller Verhandlungen zwischen Marokko und der Polisario.

Robin Frisch von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Algier sieht für das Land dennoch Verhandlungsoptionen im Hintergrund. Algerien diversifiziere aktuell seine Wirtschaft und suche dabei andere Handelspartner, sagt Frisch gegenüber der ARD.

Fest stehe aber, “dass Algerien nicht von der historischen Solidarität mit der Polisario abrücken wird, nur um bessere Wirtschaftsbeziehungen zu den USA zu haben”. Algerische Außenpolitik sei “deutlich mehr moralisch-ideologisch geleitet, als nur auf Transaktionen und wirtschaftliche Interessen bedacht.”

Selbstbestimmung – davon träumen viele Flüchtlinge aus der Westsahara in den Lagern.

Was wird aus den Geflüchteten?

Unklar ist, was passiert, wenn die Konfliktparteien keine Lösung finden. Müssten dann die Sahraoui weiter auf dem algerischen Wüstenboden ausharren, angewiesen auf internationale Hilfe? Zuletzt kämpften die Helferinnen und Helfer diverser Organisationen mit einem Rückgang der Hilfsgüter. Das Welternährungsprogramm beklagt zunehmend Unterernährung und Blutarmut, vor allem bei Kindern.

Die Familie der drei Geschwister Khalani, Kasem und Ahmed kommen vorerst klar, ihr Vater arbeitet zeitweise in Spanien, ihr Onkel ist beim Militär. Aber ihre eigene Zukunft ist mehr als ungewiss.

Kahlani will Lehrerin werden, ihre Brüder Kasem Zahnarzt und Ahmed Arzt. Aber wo? In den Lagern in der tristen Wüste Algeriens, in einer zu Marokko gehörenden Provinz oder in einem unabhängigen Staat Westsahara? Das hängt jetzt an der Kompromissbereitschaft von Marokko und der Polisario. Und an geopolitischen Interessen der Großmächte. 

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – um 18.30 Uhr im Ersten.

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