Vor Gesprächen mit Israel: Libanon zwischen Hoffnung und Angst

Vor Gesprächen mit Israel: Libanon zwischen Hoffnung und Angst

Stand: 23.04.2026 • 07:49 Uhr

Viele Menschen im Libanon wünschen sich Frieden mit Israel. Die direkten Verhandlungen sehen sie aber kritisch – und vertrauen der Hisbollah mehr als dem Staat. Das befeuert die Sorge vor einem neuen Bürgerkrieg.

Anna Osius

Auf einem Parkplatz nahe der Corniche, der Uferpromenade von Libanons Hauptstadt Beirut, sind Dutzende Zelte aufgebaut. Geflüchtete aus dem Süden des Landes und der Hauptstadt campieren hier seit Wochen provisorisch.

Sie haben keinen Strom, keine Waschräume, keine Toiletten. Die 30-jährige Marwa schleppt Kanister mit Wasser – auf einem Gaskocher im Freien kocht sie Tee. Nach Hause in den Süden trauen sie sich trotz Waffenruhe noch nicht.

“Wir gehen erst heim, wenn es wirklich ruhig bleibt, wenn es eine dauerhafte Waffenruhe gibt. Man kann der Lage nicht trauen, wir haben Angst um unsere Kinder.” Sie habe einmal nach ihrem Haus gesehen und es sei viel zerstört gewesen. “Alle Fenster kaputt, überall auf dem Boden Glas, es gibt keinen Strom und kein Wasser und immer noch Bedrohung durch Israel. Deswegen bleiben wir hier im Zelt.”

Waffenruhe mit Israel ist brüchig

Immer noch kreisen die israelischen Drohnen mit lautem Brummen über den zerstörten Straßenzügen im Süden der Hauptstadt. Die Menschen fürchten das todbringende Geräusch. Die Waffenruhe ist zunehmend brüchig.

An der Grenze kommt es zu gegenseitigen Angriffen, trotz Feuerpause – dabei wurde durch israelischen Beschuss auch eine Journalistin getötet, eine weitere verletzt. Das libanesische Gesundheitsministerium wirft Israel vor, durch gezielten weiteren Beschuss die Rettung der Reporterinnen behindert zu haben.

“Ich vertraue nur der Hisbollah”

Die pro-iranische Hisbollah-Miliz gibt sich kämpferisch – und sie genießt weite Unterstützung im Land. Viele Menschen im Libanon sehen sie als Schutzmacht gegen mögliche israelische Besatzungspläne. Der Staat, die libanesische Armee sei zu schwach.

“Womit wollen die uns schon verteidigen, mit einer Nadel?”, fragt der Geflüchtete Ali lachend. Sein Zeltnachbar Mahnoud fügt hinzu: “Ich habe kein Vertrauen in den Staat, was tun er denn für uns? Nichts. Ich vertraue nur der Hisbollah.”

Premier will keine Konfrontation mit Hisbollah

Dass libanesische Diplomaten nun direkte Verhandlungen mit Israel führen, sehen viele im Libanon kritisch. Die Regierung verrate das Land an den Feind, sagen einige. Die Regierung betont, für die Interessen des Libanon einzustehen – gegen eine israelische Besatzung im Süden, für eine Verlängerung der Waffenruhe.

Premier Salam verteidigt die Verhandlungen: “Diplomatie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern verantwortungsvolles Handeln, um alle Möglichkeiten zur Wiederherstellung der Souveränität meines Landes und zum Schutz seiner Bevölkerung auszuschöpfen.” Man suche keine Konfrontation mit der Hisbollah, so Salam.

“Im Gegenteil, ich würde eine Konfrontation mit der Hisbollah lieber vermeiden, aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Nicht von der Hisbollah und schon gar nicht von denen, die mit dem Feuer des Bürgerkriegs spielen.”

Spaltung des Landes befürchtet

Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg – im Libanon ist sie in diesen Tagen wieder präsent: Die libanesische Regierung ist zu schwach, um die Kernforderung Israels umzusetzen und die Hisbollah zu entwaffnen. Und das wollen viele im Libanon auch gar nicht.

Eine Spaltung im Land zeichnet sich ab und Beobachter warnen eindringlich davor, diesen Spalt tiefer werden zu lassen – angesichts der 15 Jahre Bürgerkrieg, an den sich viele im multikonfessionellen Land noch gut erinnern können

“Wir haben das Land ruiniert”

“Wiederholt nicht unsere Erfahrung”, sagt der ehemaliger Bürgerkriegskämpfer Ziad Saab, der die Initiative “Kämpfer für Frieden” gegründet hat. “Denn ihr werdet überrascht sein, wohin euch der Krieg führt. Er wird euch genau in die entgegengesetzte Richtung führen, in die ihr glaubt, gehen zu wollen.”

Wer denke, das Land würde sich erholen, der irre sich, so Saab. “Wir haben das Land ruiniert. Wir haben es zerrissen. Und an die Politiker: Ihr seid verantwortlich für eure Positionen und eure Aussagen. Ihr seid verantwortlich für das, was später im Land geschieht. Hört auf mit der Hetze!”

Uneinigkeit über die Zukunft des Libanon

Der Libanon stehe vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe, sagen Beobachterinnen und Beobachter. Die Hisbollah ist ein Staat im Staate. Und die, die sich trauen offen gegen die Hisbollah zu sprechen, fordern eindringlich, dass sie entmachtet wird. Sie habe das Land in Geiselhaft genommen und nun schon in den zweiten Krieg binnen zwei Jahren geführt, sagen Kritiker.

Doch die Meinungen über die Zukunft des Landes gehen weit auseinander, so Politik-Analyst Khalil Nasrallah: “In den grundlegenden Fragen gibt es einen Konsens unter allen Libanesen. Die Frage des Rückzugs, der Freilassung der Gefangenen, der Wiederaufbau und das Stoppen der Angriffe.”

Da seien sich alle einig, so Nasrallah. “Aber was kommt danach? Da gibt es große Meinungsverschiedenheiten. Und das Problem ist, dass Israel die direkten Verhandlungen nutzen will, um noch mehr Druck auszuüben.”

Geflüchtete vertrauen auf Hisbollah

In der Zeltstadt an der Corniche halten sie nichts von den politischen Gesprächen über die Zukunft des Libanon. Sie vertrauen auf den Kampf der Hisbollah.

Nachts wird es empfindlich kalt im Freien, sie haben sich Holzpaletten ins Igluzelt geschoben, um nicht mit den Matten auf dem Asphalt zu liegen. Die Kinder weinen viel. Die schiitischen Geflüchteten hier wollen nur eines: nach Hause. Kompromisse mit Israel wollen sie nicht.

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