Schweden: Atomkraft – ja, bitte

Schweden: Atomkraft – ja, bitte


Europamagazin

Stand: 25.04.2026 • 20:43 Uhr

Schwedens Regierung hält Atomkraft für unverzichtbar, um den Energiebedarf des Landes klimaschonend zu decken. In den nächsten Jahren sollen neue Reaktoren entstehen. Doch gegen die Pläne gibt es auch Widerstand.

Jana Sinram

Zum Krisentreffen gibt es, typisch schwedisch, Kaffee und Kuchen. Johnny Gliving hat seine Mitstreiter von der Initiative “Nein zu Atomkraft in Valdemarsvik” zu sich nach Hause eingeladen. Gemütlich sitzen sie auf der Terrasse des roten Holzhauses in der Sonne.

Doch die Gesprächsthemen sind ernst. Denn drei Kilometer entfernt von hier könnte ein neues Atomkraftwerk entstehen. “Grundsätzlich bin ich nicht gegen Kernkraft. Ich habe 20 Jahre lang damit gearbeitet”, erklärt Gliving. Ihm gehe es darum, dass er den Standort direkt an der fjordähnlichen Ostseebucht Valdemarsviken für ungeeignet halte.

Gliving war früher selbst Ingenieur in Oskarshamn, einem der drei schwedischen Atomkraftwerke. Er befürchtet: Das Kühlwasser des geplanten neuen AKW könnte das Wasser hier an der Küste erwärmen, mit Folgen für die Natur.

Außerdem kämen wohl viel weniger Touristen in die Schärenregion. “Das wird die Gemeinde Valdemarsvik sehr hart treffen”, erwartet der Vorsitzende der Initiative, Björn Horgby. “Vor allem den Tourismus. Wer möchte schon direkt neben einem Kernkraftwerk Urlaub machen?”

SMR mit Vorteilen?

Geplant hat das neue AKW das Startup Kärnfull Next aus Göteborg. Vor wenigen Wochen hat die Firma bei der schwedischen Regierung offiziell Interesse am Bau von vier bis sechs kleinen Reaktoren in Valdemarsvik bekundet.

Der Standort sei genau richtig, findet Strategiechef John Ahlberg. “Die Voraussetzungen für die Kühlung sind gut. Der Boden ist sehr stabil, die Bevölkerungsdichte in der Region überschaubar. Und der Standort liegt strategisch gut im Land, um das Stromnetz zu entlasten.”

Kernkraft halten sie bei Kärnfull Next für eine Zukunftstechnologie; vor allem die Mini-AKW, mit denen sie arbeiten. Die sogenannten “Small Modular Reactors”, kurz SMR, sind kleiner als herkömmliche Atomkraftwerke und sollen sich schneller bauen lassen.

“Es gibt eine Reihe von Vorteilen, über die man im Zusammenhang mit SMR spricht”, erklärt Sofie Grape, die an der Universität Uppsala ein Kompetenzzentrum für Nukleartechnologie leitet. “Einer davon ist, dass die Anlagen kleiner sind. Das bedeutet, dass beim Bau weniger Material benötigt wird und er weniger Zeit in Anspruch nimmt. Außerdem kann man viele Teile im Voraus in einer Fabrik herstellen und den Reaktor dann vor Ort installieren. Das spart sowohl Zeit als auch Kosten.”

Ansonsten unterschieden sich SMR nicht wesentlich von bestehenden AKW, erläutert die Physikerin. “Zumindest hier in Schweden sprechen wir normalerweise von Leichtwasserreaktoren. Dabei handelt es sich um dieselbe Technologie, die wir schon heute bei den großen Reaktoren einsetzen. In beiden Fällen geht es darum, Wasser zum Kochen zu bringen.”

Dabei sind auch die Mini-AKW umstritten. Laut Experten des Bundesumweltministeriums etwa gibt es gegenüber herkömmlichen AKW keinen Kostenvorteil – im Gegenteil. Um die Leistung eines großen Reaktors zu erreichen, müssten demnach etwa vier kleine Kraftwerke gebaut werden, deren Gesamtkosten noch höher lägen.

Der Iran-Krieg beeinflusst die Debatte

Momentan laufen in Schweden drei alte Atomkraftwerke mit sechs Reaktoren. Sie produzieren knapp 30 Prozent des schwedischen Stroms. Die konservativ-liberale Regierung will die Kernenergie in Zukunft deutlich ausbauen. Ihr Argument: Nur mit Wind, Sonne und Wasserkraft lasse sich der steigende Strombedarf nicht decken.

“Wir brauchen mehr fossilfreie Stromerzeugung in Schweden”, unterstreicht Arbeitsmarktminister Johan Britz, der als Elternzeitvertretung derzeit auch für Klima- und Umwelt zuständig ist. “Wir brauchen sie um des Klimas willen und für die Wettbewerbsfähigkeit und Energieunabhängigkeit.” Das sei gerade jetzt wichtig, sagt der liberale Politiker und verweist auf die Probleme im Nahen Osten.

Das AKW Ringhals ist eines von drei AKW, die in Schweden noch in Betrieb sind. Es liefert seit 1976 Strom.

Günstige Kredite und garantierte Einnahmen

Um private Investoren anzulocken, verspricht die Regierung günstige Kredite und ein Modell mit garantierten Mindesteinnahmen. Für kleine Unternehmen wie seines sei außerdem der Regulierungsprozess wichtig, sagt John Ahlberg von Kärnfull Next.

Die Rahmenbedingungen in Schweden hätten sich in den letzten vier bis fünf Jahren verändert. “Der Staat hat dabei geholfen, den Markt in Bewegung zu bringen, indem er ein Modell geschaffen hat, bei dem man für Projektanträge sehr schnell Bescheid bekommt.”

Atommüll in den Felsengrund

Vor Kurzem hat die schwedische Regierung außerdem angekündigt, die finanziellen Risiken für die Lagerung des Atommülls staatlich abzusichern. Geschätzter Kostenpunkt in den nächsten rund 120 Jahren: umgerechnet 17 Milliarden Euro.

Bei der Endlagerung gehe das Land ähnlich wie Finnland einen eigenen Weg, erklärt Sofie Grape von der Universität Uppsala. “In Schweden haben wir eine Lösung gefunden, die von den Behörden und der Regierung genehmigt wurde. Man schließt den Abfall in eine Kupferkapsel ein und vergräbt diese im Felsgrund.”

Entscheidend sei vor allem, dass es in der Bevölkerung große Unterstützung für das geplante Endlager gebe, sagt Grape. Entstehen soll es in der Nähe des AKW Forsmark nördlich von Stockholm – seit dem vergangenen Jahr befindet es sich im Bau.

Keine schnelle Inbetriebnahme

Der Antrag für den geplanten SMR-Park in Valdemarsvik ist dagegen noch nicht entschieden. Johnny Gliving und die anderen Aktivisten hoffen, dass sich Schwedens Energieprobleme auch ohne ein Atomkraftwerk an ihrer Bucht lösen lassen.

Die Gefahr eines möglichen Super-GAUs ist – genau 40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl – dabei nicht Glivings größte Sorge. “Sicher, ein Unfall kann passieren”, sagt der Rentner. “Der Hauptgrund dafür ist meistens menschliches Versagen. Vor dem Kernkraftwerk an sich habe ich also keine Angst. Es geht um den Standort, um die Umweltzerstörung.”

Bis in Valdemarsvik Atomstrom produziert wird, wird es in jedem Fall noch dauern. Falls die neuen Reaktoren genehmigt werden, können sie frühestens Mitte der 2030er-Jahre in Betrieb gehen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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