Deutschland bietet allen Menschen ab 35 Jahren regelmäßig ein kostenloses Hautkrebsscreening an. Dessen Nutzen ist seit Jahren wissenschaftlich umstritten. Nun steht es auf der Streichliste.
Seit 2008 können sich alle gesetzlich Versicherten, die älter sind als 35 Jahre, alle zwei Jahre auf Hautkrebs untersuchen lassen. Nur etwa jede und jeder Vierte nimmt das in Anspruch. Dabei steht vor allem das Erkennen maligner Melanome im Fokus, umgangssprachlich schwarzer Hautkrebs genannt. Aber auch weißer Hautkrebs soll damit entdeckt werden.
Das Screening gilt für alle, unabhängig davon, ob sie etwa besonders helle Haut, eine familiäre Vorbelastung haben oder sich beruflich viel im Freien aufhalten müssen. Dabei steht das Hautkrebsscreening seit Jahren in der Kritik, der Nutzen sei nicht eindeutig erwiesen. Und nun steht es auf der Streichliste von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die eine Gesundheitsreform plant. Morgen soll das Kabinett darüber abstimmen.
Zunahme von Hautkrebsfällen und Behandlungen
Seit das Screening 2008 eingeführt wurde, sind sowohl die Diagnosen als auch die Behandlungen von Hautkrebs stark angestiegen. Nach dem aktuellen Arztbericht der Barmer Krankenkasse hat sich die Anzahl der Behandlungen von schwarzem Hautkrebs im Zeitraum von 2005 bis 2023 um ein Fünftel erhöht, die der Behandlungen von weißem Hautkrebs sogar verdoppelt. Noch eindrücklicher sind die Zahlen, die das Statistische Bundesamt 2025 veröffentlicht hat. Demnach ist der Anteil der stationären Behandlungen im Krankenhaus sowohl wegen schwarzem als auch wegen weißem Hautkrebs von 2003 bis 2023 sogar um fast 90 Prozent angestiegen.
Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) warnt deshalb davor, das Screening als Kassenleistung einzusparen. So sagt beispielsweise der stellvertretende Vorsitzende der Hamburger Dermatologischen Gesellschaft, Andreas Montag: “Das Hautkrebsscreening als solches in Frage zu stellen, halte ich für einen schweren Fehler.” Und der BVDD-Präsident Ralph von Kiedrowski warnt, dass “die Folgekosten zu später Diagnosen erheblich sein” werden. Durch das Screening könnten viele Formen von Hautkrebs früher erkannt und damit besser geheilt werden.
Kritik am Screening für alle
Die Kritiker verweisen darauf, dass eines der wichtigsten Ziele des Screenings nicht erreicht wurde. Die Sterblichkeit wurde nämlich nicht gesenkt. Im Gegenteil, denn auch die Todesfälle durch Hautkrebs sind in den vergangenen 20 Jahren stark angestiegen: Um rund 60 Prozent, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Durch das Screening kommt es also zu mehr Diagnosen und Behandlungen, aber nicht zu weniger Todesfällen durch Hautkrebs.
Deshalb sagt beispielsweise Jean-Francois Chenot, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Greifswald: “Das Hautkrebsscreening hat nicht funktioniert.” Auch eine Cochrane Metastudie und ein Review, das im New England Journal veröffentlicht wurde, kommen zu dem Schluss, dass die wissenschaftliche Beweislage für den Nutzen des anlasslosen Hautkrebsscreenings für alle dünn ist. Bisher konnte nicht gezeigt werden, dass eines der wichtigsten Ziele dabei, die Sterblichkeit zu senken, damit erreicht wurde.
Falsch-positive Befunde als Erklärung?
Kritiker vermuten, der deutliche Anstieg der Diagnosen und Behandlungen sei möglicherweise durch viele falsch-positive Befunde erklärbar. Dass also harmlose Hautveränderungen behandelt würden, ohne einen echten medizinischen Nutzen.
Wie geht es weiter? Gesundheitsexperten fordern schon seit Jahren, das Hautkrebsscreening für alle wegen der uneindeutigen wissenschaftlichen Studiendaten durch ein Screening für Risikogruppen zu ersetzen. So wie es beispielsweise beim seit April eingeführten Lungenkrebsscreening für starke Raucherinnen und Raucher der Fall ist.
Am Mittwoch (29.4.) soll die Gesundheitsreform im Kabinett beschlossen werden.

