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Weniger Öl-Exporte und kaum Touristen – das Image der Vereinigten Arabischen Emirate hat durch den Iran-Krieg gelitten. Hinzu kommen wachsende Spannungen mit den Nachbarn am Golf. Der Druck wächst, sich zu positionieren.
Die Eröffnungszeremonie einer Wirtschaftsmesse in dieser Woche in Abu Dhabi: “Invest with us” – “investiert mit uns” steht in großen Lettern über der Bühne, während Industrieminister Sultan Ahmed al Jaber die Auftaktrede hält. “Bauen Sie mit uns, investieren Sie mit uns und produzieren Sie in den Emiraten”, wirbt al Jaber für sein Land.
Es ist der Versuch der Machthaber am Golf, das alte Image von einem attraktivem Wirtschaftsstandort zu polieren. “Die letzten zwei Monate haben uns zusammenrücken lassen, um stärker zu werden”, sagt der emiratische Unternehmer Abdallah Hassan Almuaini. “Die Wirtschaft ist trotz allem immer noch stabil und wird stabil bleiben.”
Die Staaten am Persischen Golf, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).
Der Schock ist groß
Doch der Glitzerlack der Metropolen Abu Dhabi und Dubai hat tiefe Kratzer bekommen. Der Schock ist immer noch groß: Iranische Drohnen und Raketen zerstörten in kürzester Zeit das über Jahre mit viel Geld aufgebaute Geschäftsmodell der reichen Golfstaaten, friedlich, sicher und damit attraktiv zu sein – für zahlungskräftige Touristen und Geschäftsleute.
Doch Bilder von panischen, gestrandeten Urlaubern in Dubai und Drohnen über der Skyline waren für die PR-Strategen am Golf eine Katastrophe. “Die Emirate haben in den ersten Kriegswochen die meisten Drohnen und Raketen abbekommen, noch mehr als Israel. Für die Golfstaaten ist dieser Krieg ein Super-GAU und für die Emirate ganz besonders”, sagt Sebastian Sons, Golf-Experte vom Carpo Institut.
“Das liegt daran, dass man so verletzlich ist an vielerlei Fronten.” Denn es gehe nicht nur um die Ölindustrie, sondern auch um den Ruf als Handelsdrehscheibe und Touristendestination. Nachdem etwa 30.000 deutsche Pauschalurlauber Ende Februar in der Region strandeten, ist Dubai als Urlaubsziel derzeit weitgehend kein Thema mehr. Die offizielle Reisewarnung des Auswärtigen Amtes wurde jedoch vor einigen Tagen unter anderem für die Vereinigten Arabischen Emirate aufgehoben.
Thorsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband stellt fest, “dass in den letzten Wochen kein deutscher Pauschalreisegast in diese Länder gereist ist. Wir haben alle deutschen Pauschalgäste, die dort waren, teilweise auf eigene Kosten zurückgeholt.”
Enormer wirtschaftlicher Schaden
Der ökonomische Schaden für die Vereinigten Arabischen Emirate und ihre Nachbarn ist enorm – denn gleichzeitig hat das Hauptgeschäft der Golfstaaten, der Verkauf von Öl und Gas, durch die Krise und die Schließung der Straße von Hormus massiv gelitten. Ölraffinerien in Saudi-Arabien gerieten ebenso unter Beschuss wie Anlagen zur Gasförderung in Katar.
Diese Woche gab es neue Angriffe auf die Vereinigten Arabischen Emirate – eine Ölanlage im Hafen von Fudshairah geriet in Brand. Der Hafen hat für die Emirate große strategische und wirtschaftliche Bedeutung: Über ihn können die Emirate Öl exportieren, ohne den Rohstoff durch die Straße von Hormus transportieren zu müssen.
Das kann die Verluste der Emirate aber nur zum Teil kompensieren. Die Blockade der Straße von Hormus durch Iran sei inakzeptabel, sagte der emiratische Energieminister Suhail Al Mazroui. Er betonte auch, sein Land sei gewappnet für weitere iranische Angriffe: “Ich habe keine Zweifel an unseren Fähigkeiten. Aber diese Fähigkeiten werden wir bald auf die nächste Stufe heben.” Das Land werde seine eigene Rüstungsindustrie ausbauen.
Steigen die Emirate in den Krieg ein?
Ob auf die nächste Stufe heben auch bedeuten kann, dass die Emirate aktiver in den Krieg gegen Iran einsteigen, bleibt Spekulation. Golf-Experte Sons sagt: “Die Emirate haben definitiv eine effiziente Luftwaffe, haben auch in der Vergangenheit bewiesen, dass sie wirklich Kriegsführung betreiben können, im Gegensatz zu anderen Golfstaaten.” Allerdings wüssten die Emirate, dass sie einen Spagat zwischen Druck und Diplomatie leisten müssten: Schließlich sei Iran ein “Nachbar, den man nicht wegdiskutieren kann, den man auch nicht wegbomben kann, und damit muss man in irgendeiner Art und Weise umgehen”, so Sons.
Dass vor allem die Emirate so massiv unter iranischem Beschuss standen, hat mehrere Gründe: Sie sind nicht nur geographisch besonders nah am Iran gelegen, sondern sie haben auch das Abraham-Abkommen unterzeichnet und so ihre Beziehungen zu Israel normalisiert und sind enge Verbündete der USA. Und damit Iran ein Dorn im Auge.
Die Reaktion der Golfstaaten auf den iranischen Beschuss: Bislang blieb es bei scharfen Worten. Militärisch mischten sich die Staaten nicht in den Konflikt ein.
Spannungen zwischen den Golfstaaten
Zudem scheint nicht unbedingt Einigkeit am Golf zu herrschen: Die Emirate kritisierten ihre Nachbarn am Golf scharf für eine ausgebliebene gemeinsame Verteidigungsstrategie und traten aus der Gemeinschaft der Ölförderländer OPEC aus. Das dürfte Saudi-Arabien als de facto wichtigstem Land in OPEC nicht gefallen.
Die Konkurrenz der Länder am Golf über den Ölpreis könnte sich zudem verschärfen, wenn die Exportwege wieder frei sind. Denn dann wollen alle Golfstaaten voraussichtlich vor allem eines: So viel Öl und Gas verkaufen, wie es nur geht. “Wenn der Konflikt endet und die Öllieferungen wieder ungehindert fließen, werden die Emirate aber auch Saudi-Arabien, alle Länder mit freien Ölförderkapazitäten, alle Anstrengungen unternehmen, um so viel Energie wie möglich zu produzieren”, sagt US-Energie-Staatssekretär Chris Wright.
“Grundsätzlich sehen wir schon seit einigen Jahren eine Entfremdung zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Golfstaaten, vor allen Dingen Saudi-Arabien”, sagt Sons. Das sehe man auch an regionalen Konflikten wie im Jemen und im Sudan, wo die beiden Golfstaaten unterschiedliche Gruppen unterstützen. “Da geht es darum, wer hat die Deutungshoheit innerhalb der Golfstaaten. Da sieht man in den Emiraten vor allen Dingen diesen Führungsanspruch Saudi-Arabiens recht kritisch.”
Modell Dubai in Gefahr
Doch trotz aller Spannungen werde man am Golf weiter zusammenarbeiten müssen, so Sons: Etwa bei Rüstungskooperationen oder dem Aufbau von gemeinsamen Logistikkorridoren, um unabhängiger von der Straße von Hormus zu werden und alternative Transportrouten zu schaffen.
Gleichzeitig wollen die Länder mit Messen und PR-Shows über alle Kanäle weiter am eigenen Image arbeiten, damit der Schrecken des Krieges vielleicht bald in Vergessenheit gerät. “Das Modell Dubai ist stark, aber nicht unverwüstlich. Und je länger der Krieg dauert, desto mehr wird die eigene Marke beschädigt sein”, so Sons.
Die Staaten hoffen, irgendwann wieder das zu werden, was sie einmal waren: Attraktive Standorte am Golf. In den luxuriösen Messehallen von Abu Dhabi gab es daran offiziell natürlich nie einen Zweifel.


