Im fünften Kriegsjahr zeichnet sich ein neues Denken in der Ukraine ab. Zwar ist das Land erschöpft von Russlands Angriffen – doch erstmals seit Langem gibt es Hoffnung, in diesem Krieg bestehen zu können.
Als im April die alljährliche Kiewer Sicherheitskonferenz “Kyiv Security Forum” eröffnet wird, lautet die Leitfrage des internationalen Treffens “Finsternis oder Morgendämmerung?” Der Gastgeber, der ehemalige ukrainische Premierminister Arsenij Jazenjuk, sieht für sein Land Licht statt Dunkel: Die Ukraine werde den Krieg gewinnen, erklärt er.
Was er damit meint, lässt Jazenjuk offen. Sein Auftritt ist typisch für die Stimmung unter Intellektuellen in der ukrainischen Hauptstadt. Wolodymyr Jermolenko, Philosoph, Publizist und Präsident des Ukrainischen PEN-Zentrums, spricht von einer neuen Rhetorik der Stärke.
Ich spüre, dass sich der Diskurs in der Ukraine seit Februar verändert hat, dahingehend, dass die Ukraine technologisch in der Lage ist, die Russen zu besiegen und dass es für die Russen an der Front immer schwieriger wird.
“Die Ukrainer machen jetzt das Gleiche mit Russland”
Die aktuelle Diskussion um Russlands Militärparade am 9. Mai ist beispielhaft. Viele Ukrainer sind überzeugt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin aus Angst vor ukrainischen Angriffen eine Feuerpause rund um die Parade vorgeschlagen hat. Russland sei schwach. Jermolenko spricht von einer asymmetrischen Kriegsführung der Ukrainer.
Diese ziele darauf, die Stärke des Gegners in Schwäche zu verwandeln. Russland habe das Jahre lang mit der Ukraine und Europa gemacht, habe deren Stärke – Demokratie und Freiheit – versucht, in Schwäche zu verwandeln.
“Die Ukrainer machen jetzt das Gleiche mit Russland. Russland meint, es sei stark, weil es groß ist. Die Ukrainer zeigen, dass die territoriale Größe Russland verwundbar macht. Die Ukrainer greifen mal hier an, mal dort, und die Russen schaffen es nicht, alle Gebiete zu schützen”, so Jermolenko.
Wie man gegen imperiale Kräfte bestehen kann
Das Gleiche gelte für die Öl- und Gasvorkommen, von denen die Menschen in Russland glaubten, sie machten Russland stark. Das neue Selbstbewusstsein der Ukrainer drücke sich nun darin aus, dass die Armee jetzt gezielt einen Stützpfeiler der russischen Wirtschaft angreife, damit diese beschädigt werde: “Es gibt eine Art Überzeugung, dass wir diesen Krieg gewinnen können.”
Außerhalb der Ukraine sieht das manch einer anders. Dabei greife die Frage, ob die Ukraine verliere oder gewinne, noch zu kurz, betont der Philosoph Jermolenko – es gehe um Europa.
Ich denke, es ist wichtig, dass die Menschen in Deutschland verstehen, dass der Gedanke, Europa sei eine Insel der Freiheit und der starken Institutionen, überholt ist. Die neuen imperialen Mächte, Russland, China, Trumps Vereinigte Staaten, sehen Europa als einen Kontinent, der geteilt werden sollte.
Die Ukraine beweise, dass man gegen imperiale Kräfte bestehen könne – dank technologischer Entwicklungen und dank der Entschlossenheit, sich zu verteidigen. Genau dies müsse Europa von der Ukraine lernen, so Jermolenko.
“Erkennen, wo die Grenze liegt”
All jenen, die noch immer für einen Dialog mit Putin plädieren, hält er entgehen: “Man muss versuchen zu reden, aber wir müssen verstehen, dass es eine Grenze gibt, ab der das nicht mehr funktioniert. Die Kunst besteht darin, zu erkennen, wo diese Grenze liegt.”
Russland deute Kompromissbereitschaft als Schwäche. “Wir müssen zeigen, dass diese Diktatur mit militärischen Mitteln gestoppt wird. Und das machen die Ukrainer gerade.”
Eine Garantie, dass die Ukraine Russland besiege, gebe es trotz aller Stärke nicht. Und auch keine Gewissheit, wann der Krieg ende. Das könne morgen sein, in zehn oder 30 Jahren. Die Ukraine sollte sich auf einen langen Kampf vorbereiten, so Jermolenko – “und Europa sollte das auch”.

