Porträt
Er war EZB-Chef, italienischer Ministerpräsident – und ist allseits geachtet: Mario Draghi erhält heute den Karlspreis. Mit seinem legendären “Whatever it takes”-Satz zur Euro-Rettung beruhigte er in der Finanzkrise die Märkte.
Nüchtern wirkt er oft und ziemlich trocken. Doch der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Mario Draghi hat auch einen gewissen Sinn für Humor.
Unvergessen ist sein Witz vor der versammelten Auslandspresse über einen Mann, der ein neues Herz braucht: “Man sagt ihm: Wir haben zwei Herzen. Das eine gehörte einem jungen 25-jährigen Mann in Topform. Das andere einem 86- jährigen Zentralbanker. Welches wollen Sie? Das vom Banker! Warum? Klar! Weil es noch nie zum Einsatz gekommen ist.”
Herzlos – das stimmt im Fall von Mario Draghi sicher nicht, obwohl er ja mal selbst mal Chef der italienischen Zentralbank war. Draghi hat sich in seiner langen Laufbahn immer wieder mit sozialer Ungleichheit beschäftigt. Dafür hat schon seine Erziehung gesorgt.
Er besuchte das Istituto Massimo, eine private Schule der Jesuiten in Rom. Der Unterricht war nach Draghis Aussage exzellent – und moralische Botschaften schwangen immer mit: dass man alles nach besten Kräften erledigen sollte, dass Aufrichtigkeit wichtig ist und dass jeder Mensch besonders ist.
Karriere in den Wirtschaftswissenschaften
Das Interesse für Wirtschaft liegt bei Draghi in der Familie. Schon sein Vater war Banker, arbeitete unter anderem für die italienische Zentralbank. Und so hat auch Draghi Wirtschaftswissenschaften studiert. Er promovierte am renommierten MIT in den USA, sammelte Berufserfahrung als Wirtschaftsprofessor, bei der Weltbank, im Finanzministerium, bei der Investmentbank Goldman Sachs und eben als Notenbankchef Italiens.
2011 dann noch ein Karrieresprung – an die Spitze der Europäischen Zentralbank. Es waren schwierige Zeiten: Die Finanzkrise war in vollem Gange, der Euro geriet ins Schlingern. Und so schaute die Welt auf Mario Draghi, als er im Juli 2012 bei einer Rede in London verkündete: “Innerhalb unseres Auftrags ist die EZB bereit, alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten.”
Von November 2011 bis Oktober 2019 war Mario Draghi Präsident der EZB.
Draghis berühmtester Satz
Die “Whatever it takes”-Aussage löste eine Kehrtwende aus, die Finanzmärkte beruhigten sich. Doch die lockere Zinspolitik der EZB fanden nicht alle gut. Aber Draghi ließ sich nicht aus der Ruhe bringen – die Währungsunion brach nicht auseinander und das hoch verschuldete Italien und andere südeuropäische Länder sparten Milliarden.
Bei seinen Landsleuten hat sich der wortkarge gebürtige Römer auch dadurch großen Respekt erarbeitet. Vor allem aber seine Zeit als Ministerpräsident Italiens ist vielen in Erinnerung: Italien war nach einem Jahr Corona-Pandemie wirtschaftlich am Boden, hatte viele Tote zu betrauern, als Draghi Anfang 2021 ins Amt kam. Als Quereinsteiger, an der Spitze einer Regierung der Nationalen Einheit, die Italien aus der Krise führen sollte.
Italiens Krisenhelfer
Eigentlich hätte Draghi sich wohl eher im Amt des italienischen Staatspräsidenten gesehen – aber er hat die schwierige Aufgabe nicht abgelehnt, das Pflichtgefühl ging wohl auch diesmal vor.
Draghi bereitete als Ministerpräsident Italien den Weg aus der schweren Krise. Von seinem gut durchdachten Wiederaufbauprogramm, mit Geldern aus dem Corona-Hilfsfonds der EU, profitiert auch die rechte Nachfolge-Regierung unter Giorgia Meloni. Er selbst blieb trotz allem nicht mal zwei Jahre im Amt – eine breite Regierung der Nationalen Einheit und die zerstrittenen italienischen Parteien passten nicht gut zusammen.
Karlspreis für den überzeugten Europäer
Aber Draghi setzte sich dann nicht etwa zur Ruhe, sondern erarbeitete für die EU-Kommission einen Plan für die Zukunft Europas. Es ist also kein Wunder, dass er jetzt für seine Verdienste um Europa und die europäische Einigung den renommierten Karlspreis bekommt.
Mario Draghi ist überzeugter Europäer. Und wohl einer der wenigen Ministerpräsidenten Italiens, bei dessen Rücktritt sich Umfragen zufolge etwa zwei Drittel der Italienerinnen und Italiener gewünscht hätten, dass er weitermacht.
Er wurde damals mit einem langen Applaus im Parlament verabschiedet. Und sagte darauf: “Danke dafür – manchmal wird auch das Herz eines Zentralbankers gerührt.”


