Reportage
In Washington verhandeln libanesische und israelische Vertreter über eine neue Waffenruhe. Doch die Angriffe zwischen Israel und der Hisbollah gehen weiter. Im Libanon haben viele die Hoffnung auf Frieden aufgegeben.
Eine Trauerfeier in einem Dorf im Südlibanon. Angehörige blicken fassungslos auf die grünen Leichensäcke – einer ist der eines Kindes. Obwohl seit Mitte April eine Waffenruhe gilt, gibt es täglich solche Bilder im Libanon.
Nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums sind mehr als 400 Menschen während der Feuerpause durch israelische Angriffe getötet worden. Dabei handele es sich vor allem um Hisbollah-Kämpfer, betont die israelische Armee. Die libanesische Seite widerspricht. Unter den Toten seien sehr viele Zivilisten – Kinder, Frauen und Rettungskräfte.
“Diese sogenannte Feuerpause ist eine Lüge”
Ein älterer Mann, der aus dem Süden in die Hauptstadt Beirut geflohen ist, sagt: “Sie haben Dörfer zerstört während der Waffenruhe, unser Dorf wurde zerstört und von Bulldozern plattgemacht. Diese sogenannte Feuerpause ist eine Lüge.”
Er fordert, dass sich die Israelis hinter die Grenze zurückziehen: “Dann könnte es einen Friedensvertrag oder eine Waffenstillstandsvereinbarung geben – wie auch immer man es nennt. Sie bleiben für sich und wir bleiben für uns.”
Den ganzen Tag über kreisen israelische Drohnen über der libanesischen Hauptstadt. Viele hier haben wenig Hoffnung, dass Israel mit den Angriffen aufhört – auch wenn die Waffenruhe verlängert werden sollte. Auch die schiitische Hisbollah stellt das Feuer nicht ein – greift Ziele in Israel an und israelische Soldaten, die in den Libanon einmarschiert sind.
Gespräche in Washington
Die pro-iranische Miliz bezeichnet das als Widerstand. Der Politiker Ghassan Hasbani widerspricht dieser Formulierung vehement. “Sie haben weder die Zerstörung im Land verhindert, noch den Einmarsch der israelischen Streitkräfte auf libanesischen Boden”, sagt er. “Und sie waren nicht in der Lage, nur einen einzigen libanesischen Bürger vor diesem Krieg zu schützen.”
Hasbani sitzt für die rechtskonservativ-nationalistischen Forces Libanaises im Parlament. Er war Minister und stellvertretender Regierungschef – aktuell ist seine Partei in der Opposition. Doch er unterstützt die Regierung bei zentralen Vorhaben wie etwa der Entwaffnung der Hisbollah und der Aufnahme von direkten Gesprächen mit der israelischen Regierung. Die finden aktuell in Washington statt.
Von einer Chance für nachhaltige Stabilität im Libanon spricht der Abgeordnete: “Auch wenn das Umfeld nicht gerade ideal ist, für umfassende Verhandlungen, so ist es doch ein guter Ausgangspunkt.”
Libanesische Regierung kann Hisbollah nicht kontrollieren
Mit seinen vorsichtigen Formulierungen liegt er auf Linie der libanesischen Regierung. Die fordert bei den Verhandlungen in Washington ein Ende der israelischen Angriffe, während Israel eine konsequente Entwaffnung der Hisbollah verlangt und auf ein Friedensabkommen pocht.
Auf einen wirklichen Frieden wagt im Libanon noch niemand zu hoffen. Die Regierung kann die Hisbollah nicht kontrollieren, in der Folge gibt es kaum internationalen Druck auf Israel, seine Soldaten aus dem Nachbarland abzuziehen: “Wenn wir tatsächlich Frieden anstreben”, sagt Ghassan Hasbani, “dann müssen alle diese Punkte geklärt werden. Und das könnte eine Weile dauern.”
In Beirut sehen viele ein dauerhaftes Sicherheitsabkommen zwischen Libanon und Israel als bestmögliches mittelfristiges Ergebnis der Verhandlungen – noch aber ist es längst nicht so weit. Vor allem im Süden des Landes wären die Menschen schon froh über eine Waffenruhe, die tatsächlich hält.


