Seit dem offiziellen Kriegsende scheint Israel seine Präsenz im Gazastreifen weiter auszubauen – trotz der vereinbarten Waffenruhe mit der Hamas. Inzwischen wird befürchtet, dass die Besatzung zum Dauerzustand werden könnte.
Mehr als sieben Monate nach Inkrafttreten der Waffenruhe im Gazastreifen kontrolliert Israel nach Angaben von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rund 60 Prozent des Palästinensergebiets.
Nach dem Ende des Gaza-Kriegs sei Israels Armee “nicht abgezogen”. “Heute kontrollieren wir 60 Prozent”, sagte Netanjahu in einer Rede und fügte hinzu: “Morgen werden wir sehen.”
Seit Oktober 2025 gilt zwischen Israel und der islamistischen Terrororganisation Hamas eine maßgeblich von den USA vermittelte Waffenruhe. Beide Seiten werfen sich immer wieder Verstöße vor. So sollen laut palästinensischen Angaben seit Inkrafttreten der Waffenruhe mehr als 850 Menschen durch israelische Angriffe getötet worden sein.
Israel könnte “Gelbe Linie” überschritten haben
Gemäß der Einigung sollten sich die israelischen Streitkräfte zudem hinter eine sogenannte Gelbe Linie im Gazastreifen zurückziehen, sodass sie weiterhin die Kontrolle über mehr als 50 Prozent des von der Hamas beherrschten Küstengebiets behielten.
Karte des Gazastreifens mit der vereinbarten, gelben Rückzugslinie
Netanjahus Äußerungen deuten nun erstmals offiziell darauf hin, dass die Armee ihre Präsenz im Gazastreifen darüber hinaus ausweitet. In den vergangenen Wochen hatten Medien bereits berichtet, dass die Streitkräfte bis zu einer neuen, sogenannten Orangen Linie vorgerückt seien.
Unterdessen stocken die Verhandlungen über die Zukunft des Gazastreifens – auch, weil die Hamas bisher nicht bereit ist, ihre Waffen abzugeben. Deshalb wird befürchtet, dass die israelische Besatzung zum Dauerzustand werden könnte. Laut israelischen Medienberichten bereitet sich die Armee auf die Wiederaufnahme der Kämpfe vor, sollte sich die Hamas ihrer vereinbarten Entwaffnung weiterhin verweigern.
Besorgniserregende Lage in Gaza
Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist weiterhin prekär. Es fehlt vor allem medizinisches Material, um die vielen Verletzten zu versorgen und die sich ausbreitenden Krankheiten zu bekämpfen.
Der Krieg im Gazastreifen hatte nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 begonnen. Bei Massakern an dem Tag töteten die Islamisten mehr als 1.200 Menschen, 251 Menschen verschleppten sie als Geiseln in den Gazastreifen. Israel startete daraufhin eine Militäroffensive in dem Palästinensergebiet, das inzwischen flächendeckend zerstört ist.
In den zwei sich anschließenden Kriegsjahren wurden nach nicht überprüfbaren Hamas-Angaben mehr als 70.000 Palästinenser getötet.
Mit Informationen von Jan-Christoph Kitzler, ARD Tel Aviv

