Bilanz des Katholikentages – so politisch wie schon lange nicht mehr

Bilanz des Katholikentages – so politisch wie schon lange nicht mehr

Stand: 17.05.2026 • 13:18 Uhr

Steinmeier, Merz, Söder – beim Katholikentag ging es diesmal viel um Politik und Demokratie. Die Kirche präsentierte sich als Verbündete der Demokratie. Doch dies legt auch Defizite offen.

Dieser Katholikentag in Würzburg war so politisch wie schon lange nicht mehr. Und das lag nicht allein am Motto “Hab Mut, steh auf” des größten Treffens katholischer Laien in Deutschland. Sondern vor allem an den Stimmen aus Politik und Kirche, die diesen Katholikentag genutzt haben, eindringlich für die Verteidigung der Demokratie zu werben.

Denn – auch das wurde in Würzburg deutlich – die Sorge um die Demokratie bei den Verantwortlichen ist größer. Man habe mit dem Motto einen Nerv getroffen, sagte die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp.

Von der Politik in die Pflicht genommen

Mehrfach warnten Politikerinnen und Politiker in Würzburg vor Verhältnissen wie in der Weimarer Republik, etwa der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst und sein Amtskollege Markus Söder aus Bayern. Die Besucherinnen und Besucher wurden aber auch von der Politik in die Pflicht genommen, zuvorderst von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, sich für die brüchig gewordene Demokratie einzusetzen.

Christsein heute, das heißt, sich nicht ins Private zurückzuziehen, sondern sich einzumischen – in Parteien, Verbände, Initiativen. Nicht nur der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, sagte das ganz explizit in Würzburg. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz appellierte gerade an junge Menschen, sich in Parteien der Mitte zu engagieren. Denn ohne politische Parteien sei die Demokratie “am Ende”.

Der Kanzler appellliert an junge Menschen, sich in Parteien der Mitte zu engagieren.

“We are back”

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sagte sogar mit Blick auf die Reaktionen zur scharfen Abgrenzung der katholischen Bischöfe in Deutschland gegen die AfD vor zwei Jahren: “Da spürt man, ja die Leute möchten eine klare Position hören. We are back. Und wir müssen unseren Beitrag leisten.”

Katholikentage werden damit zu Laboren demokratischer Debattenkultur: Man streitet, widerspricht, hört einander zu – in einer Form, die vielen als Gegenbild zur aggressiven Tonlage in zahlreichen anderen Debatten, etwa in den sozialen Medien erscheint.

Für die Kirche ist das ein wichtiges Signal. Trotz drastischer Mitgliederverluste kann sie zeigen, dass die Kirche weiterhin Foren bietet, in denen gesellschaftliche Zukunftsfragen diskutiert werden. Und das hängt laut Kardinal Marx nicht damit zusammen, wie viele Mitglieder die Kirche noch hat. “Die Frage ist: Sind wir da? Haben wir was zu sagen? Sind wir gut drauf?”

Doch ausgerechnet dieser Einsatz für die Demokratie legt auch die eigenen Defizite der Kirche in diesem Bereich einmal mehr offen. In Würzburg wurde deutlich, dass es nicht weit her ist mit mehr Mitsprache und transparenteren Strukturen in der Kirche. Das wirft einen Schatten auf die moralische Positionierung nach außen.

Beim Thema Frauen zeigt sich Reformstau

Die Gleichberechtigung von Frauen steht exemplarisch für diesen inneren Reformstau. In Würzburg war die Beteiligung von Frauen an Podien und Diskussionen selbstverständlich, ihre inhaltliche Kompetenz unbestritten. Aber gerade dieser sichtbare Beitrag lässt die Differenz zur realen Machtverteilung in der Kirche umso schärfer hervortreten. Wenn “Hab Mut, steh auf” für viele Frauen in Würzburg hieß, immer wieder aufzustehen und doch an strukturellen Grenzen zu scheitern, verliert das Motto innerkirchlich an Überzeugungskraft.

Daran etwas zu ändern, dafür gibt es in Deutschland den Reformprozess Synodaler Weg. Doch dessen Fortsetzung hängt an einer Zustimmung aus dem Vatikan. Und die steht immer noch aus. Viele Laienvertreter fürchten schon ein Stopp-Schild aus Rom. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz versucht zu beschwichtigen. Es handle sich um einen normalen Abstimmungsprozess. Für manche wirkt das wie Vertrösten.

Trotzdem erfüllte der Katholikentag eine stabilisierende Funktion. Für viele Teilnehmende war er ein Ort, an dem Kirche nicht abstrakte Institution, sondern erfahrbare Gemeinschaft ist. Gottesdienste, Musik, Begegnungen, das Gefühl, den Glauben mit anderen zu teilen – all das schafft Bindung in einer Phase, in der Austrittszahlen und Vertrauensverluste dominieren.

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