Faktenfinder
Windkraftgegner verbreiten eine Untersuchung zu Infraschall im Netz. Demnach seien die Schallwellen von Windrädern gesundheitsgefährdend. Wissenschaftler kritisieren die Methodik der Untersuchung jedoch deutlich.
“Infraschall von Windrädern schädigt das menschliche Herz – und zwar messbar und signifikant”, heißt es auf der Facebookseite der Schweizer Initiative “IG Gegenwind Auf-Heerbrug”. Der Beitrag bezieht sich auf eine aktuelle Untersuchung, die auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im April als Poster veröffentlicht wurde.
Darin wird ein Zusammenhang von Infraschall durch Windräder und bestimmten Herzerkrankungen festgestellt. Hauptautor ist der Herzchirurg und ehemalige Professor der Uniklinik Mainz, Christian-Friedrich Vahl. Mehrere Fachleute äußern Zweifel an der Aussagekraft der Untersuchung. Sie kritisieren unter anderem das gewählte Studiendesign und die statistische Auswertung.
Was ist Infraschall?
Infraschall-Töne sind Frequenzen unterhalb von 20 Hertz und damit so tief, dass sie für Menschen in der Regel nicht hörbar sind. Infraschall kommt in der alltäglichen Umgebung überall vor: Er wird von Windkraftanlagen, aber auch vom Verkehr und elektronischen Geräten erzeugt.
Zusammen mit seinem Co-Autor hat Vahl vier Gemeinden im Kreis Paderborn miteinander verglichen: Zwei mit vielen installierten Windkraftanlagen, zwei mit wenigen. Das Ergebnis: In den Gemeinden mit vielen Anlagen gebe es mehr neue Herzerkrankungen. Daraus ziehen die Autoren den Schluss, dass sofort Maßnahmen zu ergreifen seien, um die Bevölkerung über dieses Risiko aufzuklären.
Experten kritisieren Methodik
Bernd Kowall, Epidemiologe an der Uniklinik Essen, findet auf dem einseitigen Poster mehrere Anhaltspunkte, die die Aussagekraft der Untersuchung infrage stellen. Die Autoren hätten ein Studiendesign gewählt, in dem nicht die Daten einzelner Personen – wie weit wohnt jemand von Windrädern entfernt, welchem Infraschall ist jemand ausgesetzt – ausgewertet werden, sondern nur, ob in einzelnen Gemeinden viele oder wenige Windräder installiert sind, sagt Kowall.
Solche Untersuchungen werden als ökologische Studien bezeichnet. Dabei werden ganze Gemeinden oder Regionen miteinander verglichen. Sie können Hinweise auf mögliche Zusammenhänge liefern, erlauben aber keine sicheren Aussagen über Ursache und Wirkung und gelten daher eher als Ausgangspunkt für weitere Forschung.
Laut Kowall sei zudem die statistische Auswertung nur vage beschrieben. Doch um beurteilen zu können, ob Unterschiede zwischen Gruppen tatsächlich bestehen oder zufällig entstanden sind, müssen statistische Verfahren nachvollziehbar beschrieben werden. Fehlen solche Angaben, können andere Forschende die Ergebnisse nur eingeschränkt überprüfen. Ob in den Gemeinden mit mehr Windrädern also tatsächlich mehr Herzerkrankungen auftreten, könne laut Kowall nicht sicher beurteilt werden. “Auf dieser Grundlage die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Maßnahmen zur Aufklärung der Bevölkerung zu ergreifen sei, ist nicht zulässig”, sagt Kowall.
Windkraftgegner verbreiten Untersuchung als Beleg
Auch das Umweltbundesamt kritisiert die Methodik und widerspricht den Schlussfolgerungen. Es fürchtet, dass die Forschungsfrage “öffentlich, politisch, wenn nicht sogar populistisch instrumentalisiert wird”. Tatsächlich verbreitet die Bundesinitiative Vernunftkraft das Poster bereits unter dem Titel “Neues zu Gesundheitsrisiken der Energiewende”, ohne auf die Kritik an der Methodik einzugehen.
Auch frühere Untersuchungen zu Infraschall methodisch kritisch
Schon 2019 führte Vahl ein Experiment zu Infraschall und Herzerkrankungen durch. Dabei nutzte das Forscherteam Infraschallpegel, die deutlich über den bislang in der Umgebung von Windkraftanlagen gemessenen Werten lagen. Fachleute kritisierten deshalb die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf reale Bedingungen. Dennoch bezieht sich Vahl in der aktuellen Untersuchung auf das frühere Experiment und dessen Ergebnisse.
Universitätsmedizin Mainz: Keine Verbindung zur “Studie”
Unklarheiten gibt es auch bei der Verbindung zwischen der Untersuchung und der Universitätsmedizin Mainz. Auf einer Internetseite wird Vahl als Leiter einer “Arbeitsgruppe Infraschall” geführt, die die Untersuchung durchgeführt haben soll. Zudem erscheint auf dem Poster das Logo der Universitätsmedizin Mainz.
Die Universitätsmedizin teilt auf Anfrage mit, dass Vahl seit seinem Ruhestand 2020 nicht mehr in ihre wissenschaftliche Arbeit eingebunden sei. Eine Verbindung zur “Arbeitsgruppe Infraschall” bestehe nicht. Man sei mit Vahl im Austausch, um auf Korrekturen entsprechender Angaben hinzuwirken.
Poster durchlief kein klassisches Peer-Review
Fragen zu seiner Methodik lässt Christian-Friedrich Vahl auf WDR-Anfrage unbeantwortet. Stattdessen verweist er darauf, dass sein Poster auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin veröffentlicht worden sei. Damit sei es einem “Peer-Review-Prozess” unterzogen. Beim Peer-Review prüfen unabhängige Fachleute, ob Methoden und Schlussfolgerungen wissenschaftlichen Standards entsprechen. Das Verfahren gilt als wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle, um methodische Schwächen zu erkennen.
Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin gibt auf WDR-Anfrage an, dass Poster vor der Präsentation auf dem Kongress “nach formalen Gesichtspunkten” untersucht werden. Details der Forschung würden im Vorfeld jedoch nicht überprüft.
“Man kann auf keinen Fall sagen, dass ein Poster auf einer wissenschaftlichen Tagung als ein deutlicher Beleg für irgendwelche Befunde herangezogen werden kann”, sagt Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Poster dienen auf Kongressen häufig dazu, vorläufige Ergebnisse zur Diskussion zu stellen. Sie durchlaufen deshalb oft ein deutlich weniger umfangreiches Prüfverfahren als Fachartikel in renommierten, wissenschaftlichen Zeitschriften. Viele Forschungsergebnisse werden erst nach zusätzlicher Überarbeitung und Begutachtung veröffentlicht.
Bislang keine Belege für Schäden durch Infraschall von Windenergieanlagen
Umweltwissenschaftler Stefan Holzheu von der Universität Bayreuth verweist darauf, dass Windenergieanlagen zwar Infraschall erzeugen, die Pegel jedoch deutlich unter denen vieler Alltagsquellen liegen. “Windenergieanlagen produzieren Infraschall, aber es ist verglichen mit normalem Wind oder mit den Pegeln, die wir im Autoverkehr haben, sehr gering. Es ist absurd davon auszugehen, dass diese schwachen Pegel irgendeinen Effekt haben sollen.”
Wissenschaftlich ist die Frage nach möglichen Gesundheitswirkungen von Infraschall seit Jahren Gegenstand der Forschung. Diese zeigt bislang, dass für die üblichen Infraschallpegel von Windkraftanlagen keine belastbaren Nachweise für gesundheitliche Schäden vorliegen. Einzelne Studien mit abweichenden Ergebnissen ändern den Forschungsstand nur dann, wenn ihre Ergebnisse von anderen Fachleuten bestätigt werden können.

