Aufgebrochene Schließfächer: Prozess gegen Sparkasse Gelsenkirchen beginnt

Aufgebrochene Schließfächer: Prozess gegen Sparkasse Gelsenkirchen beginnt

Stand: 11.06.2026 • 07:38 Uhr

Unbekannte frästen sich mit einem Kernbohrer in den Tresorraum und räumten Tausende Schließfächer aus: Nach dem Einbruch in eine Sparkasse in Gelsenkirchen starten heute die ersten beiden Zivilverfahren.

Joachim Alfred Wagner gehört zu den ersten beiden Betroffenen, die gegen die Sparkasse Gelsenkirchen klagen. Sein Fall wird am heutigen Donnerstag vor dem Landgericht Essen verhandelt.

Altersvorsorge und Erbstücke weg

Hofft auf Schadenersatz: Joachim Alfred Wagner

Der 63-Jährige erhofft sich eine finanzielle Entschädigung. “In meinem Schließfach war meine Altersvorsorge in Gold. Und der Nachlass meiner Mutter, das Familienerbe. Das ist sehr schmerzhaft für mich, weil da einige Teile bei waren, wo eben halt das Herz sehr dranhängt”, erklärt Wagner. Er hat einen Schaden von rund 49.000 Euro errechnet.

Vertreten wird er von Anwalt Daniel Kuhlmann. Und auch der hat gerechnet. Der Dattelner Rechtsanwalt vertritt mittlerweile 650 Geschädigte des Millionen-Coups. Sie alle haben seiner Meinung nach beweisfeste Listen vorgelegt mit dem Inhalt ihrer Schließfächer. Demnach kommt Kuhlmann auf einen Schaden in Höhe von 51,5 Millionen Euro nur für seine Mandanten.

Wenn man diese 650 Fälle als repräsentativ ansieht, läge der Gesamtschaden bei über 253 Millionen Euro”.

Rechtsanwalt Daniel Kuhlmann

Damit bezieht sich der Rechtsanwalt auf mehr als 3.000 Schließfachbesitzer, die alle von dem Einbruch betroffen sind.

Spektakulärer Einbruch

Kurzer Rückblick: Wenige Tage nach Weihnachten dringen Unbekannte in die Filiale der Sparkasse in Gelsenkirchen-Buer ein. Unbemerkt gelangen sie mit Fahrzeugen zunächst auf einen Mitarbeiterparkplatz in der Tiefgarage. Von dort aus geht es über eine vermutlich manipulierte Brandschutztür ins Treppenhaus und über eine weitere Tür in den Archivraum.

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Dort bringen sie einen großen Kernbohrer in Stellung, mit dem sie ein Loch in die Wand zum Tresorraum fräsen, um dann über 3.000 Schließfächer aufzubrechen und mit einer Millionenbeute zu entkommen. Es ist einer der wohl spektakulärsten Kriminalfälle in ganz Deutschland.

Gutachten wirft Fragen auf

Der Anwalt wirft der Sparkasse schwere Versäumnisse bei der Sicherung des Tresorraums und des gesamten Gebäudes sowie der Tiefgarage vor. Dabei beruft er sich auf ein Gutachten eines Sachverständigen, das Kuhlmann in Auftrag gegeben hat.

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Demnach hätte die Sparkasse gemäß den “branchenüblichen Standards” auch Wände und Decken überwachen müssen, außerdem den Tresorraum und sogar das Parkhaus mit Videokameras ausstatten müssen. Zudem hätte die Brandschutztür zum Treppenhaus vor dem Weihnachtswochenende auf Manipulationen kontrolliert werden müssen.

Kein Alarm im Gebäude

Rechtsanwalt Daniel Kuhlmann wirft der Sparkasse Versäumnisse vor

“Jede Variante hätte zu einer Alarmmeldung führen müssen, wenn der Tresorraum ordnungsgemäß gesichert gewesen wäre”, erklärt Daniel Kuhlmann. Außerdem habe es offensichtlich auch keine regelmäßigen Patrouillengänge eines Sicherheitsdienstes rund um den Tresorraum gegeben.

Knackpunkt: Stand der Technik

Die Sparkasse Gelsenkirchen weist die Vorwürfe zurück und beruft sich dabei auf die Aussage, die sie bereits seit Wochen wiederholt: “Wir sind der festen Überzeugung, dass wir den Tresorraum nach anerkanntem Stand der Technik gesichert haben”.

Was das genau heißt, bleibt weiter offen und wird wohl erst im Gerichtsverfahren geklärt. Knackpunkt könnte demnach sein, welche Standards tatsächlich bei der Sicherung von Wertschutzräumen vorgeschrieben sind.

Güteverhandlung

Bei dem Prozess vor dem Landgericht Essen handelt es sich um Zivilklagen, es geht also um mögliche Schadenersatzzahlungen. Der erste Termin heute ist eine Güteverhandlung. Dabei fragt der Vorsitzende Richter, ob beide Parteien sich auf einen Vergleich einigen können.

Das ist wohl auch wegen der hohen Summen eher unwahrscheinlich. Bleiben die Möglichkeiten einer direkten Abweisung oder eines direkten Stattgebens der Klage. Außerdem denkbar ist, dass das Gericht ein Gutachten einholt, das klären soll, ob die Bank ordnungsgemäß gesichert war.

Offen ist außerdem, wie das Gericht die über 50.000 Wertgegenstände bewertet, die die Täter im Tresorraum zurückgelassen haben. Die Sparkasse hat erst rund 100 Sachen an ihre Besitzer zurückgegeben. Möglicherweise sind unter den Sachen auch Wertgegenstände der Kläger. Eine Rückgabe wird sich vermutlich noch Monate hinziehen.

Anwalt will Musterverfahren

Die zweite Klage, die heute verhandelt wird, ist die einer weiteren Gelsenkirchenerin. Die Rentnerin hatte nach eigener Aussage 391.000 Euro in ihrem Schließfach.

Ihr Anwalt Daniel Kuhlmann will im Verfahren erreichen, dass die Sparkasse einer Art Musterklage zustimmt. Damit will er verhindern, dass jeder Mandant einzeln klagen muss und man sich auf ein mögliches Urteil berufen kann. Dann ginge es nur noch darum, die Höhe des Schadens für jeden Kläger festzustellen.

Wut und Trauer

Joachim Alfred Wagner blickt auf jeden Fall gespannt auf den Beginn seines Prozesses. Der spektakuläre Einbruch in die Sparkassenfiliale in Gelsenkirchen-Buer beschäftigt ihn immer noch sehr: “Ich schwanke zwischen Trauer und Wut”, sagt der 63-Jährige.

Unsere Quellen:

  • Landgericht Essen
  • Gespräch mit dem Pressesprecher der Sparkasse Gelsenkirchen
  • Pressemitteilung Anwalt Daniel Kuhlmann
  • Gespräch mit Joachim Alfred Wagner

Sendung: WDR.de, Prozess gegen Sparkasse Gelsenkirchen startet, 10.06.2026, 5:01 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ruhr, 10.06.2026, 19:30 Uhr

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