analyse
US-Präsident Trump braucht einen Erfolg in Nahost. Können die USA mit Bodentruppen ihre Kriegsziele erreichen? Wenn ja, welche Szenarien sind denkbar und wie hoch wäre das Risiko?
Donald Trump sucht die Ausgangstür: Der Krieg gegen den Iran werde “sehr bald” enden, beschwichtigte der US-Präsident seine Kritiker (und die unruhigen Märkte) nun erneut. Nur sendet er extrem widersprüchliche Signale, auf welche Weise sich die ersehnte Ausgangstür am schnellsten finden ließe: Zum einen preist Trump glänzend verlaufende Verhandlungen mit dem Iran. Oder deutet an, man könne die Region auch ohne ein Abkommen oder ohne eine Öffnung der Straße von Hormus verlassen.
Zum anderen ließ er Marines und Spezialkräfte in die Region verlegen und droht mit einem Bodenkrieg. Um dem Regime den vermeintlich vernichtenden Schlag, den “final blow” zu versetzen. Kommt also vor dem “Exit” die “Eskalation”?
Warnung von Experten
Fest steht, dass die US-Streitkräfte parallel zu den Luftangriffen im Iran mittlerweile eine weitere Drohkulisse aufgebaut haben: Zusätzlich zu den ohnehin in Nahost stationierten Truppen haben die USA Spezialkräfte und Marines in die Region entsandt, ihre Zahl dürfte zwischen 10.000 bis 15.000 liegen.
Eine Größenordnung, die jedoch in keiner Weise vergleichbar ist mit dem Truppenaufmarsch, den die USA beim Sturz Saddam Husseins 2003 im Irak oder zuvor bei der Befreiung Kuwaits 1991 aufboten.
Damals betrug die Zahl der US-Soldaten jeweils mehrere hunderttausend Mann. Ein Umstand, auf den auch der Militärexperte und Historiker Markus Reisner hinweist. Der Oberst des Österreichischen Bundesheeres hält eine US-Bodenoffensive gegen den Iran zwar durchaus für “möglich”, wie er im NDR-Podcast “Streitkräfte und Strategien” erklärt, warnt jedoch gleichzeitig vor erheblichen Risiken. Zumal der Iran sich weiterhin als schlagkräftig erwiesen habe und auch von Russland und China unterstützt werde.
Auch andere Militäranalysten gehen daher davon aus, dass Trump – wenn überhaupt – allenfalls eine zeitlich und räumlich sehr begrenzte Operation vorschwebt.
Drei Szenarien denkbar
Im Kern sind es drei Szenarien, über die öffentlich immer wieder spekuliert wird.
Szenario 1: US-Spezialkräfte könnten versuchen, das vermutlich weiterhin im Iran befindliche, hochangereicherte Uran sicherzustellen. Die Rede ist von rund 400 Kilogramm.
Solange das Regime in Teheran Zugriff auf dieses Nuklearmaterial hat, besteht weiter die Gefahr, dass es in den Besitz der Atombombe gelangt. Das Problem: Dazu müssten die Spezialkräfte das Uran erst einmal finden. Nicht ausgeschlossen, dass es sich – auf mehrere Nuklearanlagen im Zentral-Iran aufgeteilt – weit unter der Erde befindet oder bei den Luftangriffen verschüttet wurde. Je länger aber ein US-Spezialkräfte-Einsatz dauert, umso risikoreicher ist er.
Szenario 2: Die USA besetzen mit Bodentruppen die Insel Charg, die etwas mehr als 30 Kilometer vor der iranischen Küste liegt und eine Art “Kronjuwel” für das Regime ist. Denn Teheran wickelt über diese Insel etwa 90 Prozent seiner Ölverkäufe ab. Aus der Luft angegriffen haben die USA Charg bereits, Trump spekuliert seitdem auch immer wieder über eine Besetzung. So dicht am iranischen Festland wären US-Bodentruppen jedoch angreifbar.
Szenario 3: Die USA unternehmen doch einen Versuch, die iranische Blockade der für den kommerziellen Schiffsverkehr so existenziellen Straße von Hormus “aufzubrechen”, etwa durch die Besetzung von Landstrichen oder Inselchen an der Meerenge. Eine solche Operation hält Militärexperte Markus Reisner – im Gegensatz zu Szenario 1 und 2 – für die umfang- und risikoreichste. Und damit für die unwahrscheinlichste Option.
Zumal man hier von einem Gebiet rede, das “größer als Vietnam” sei. Auch hatte Trump in öffentlichen Äußerungen zuletzt hörbar Abstand von dem Plan genommen, die Straße von Hormus unter Kontrolle zu bekommen.
Chancen und Risiken
Der große Vorteil der USA: Durch die Luftangriffe der letzten Wochen ist die Flugabwehr des Iran so gut wie ausgeschaltet. Als sicher gilt deshalb, dass eine Landung von US-Spezialkräften – beispielsweise per Fallschirm aus Transportflugzeugen oder Helikoptern – von erheblicher Luftunterstützung begleitet und gesichert würde.
Trotzdem würde das Risiko mit dem Einsatz von Bodentruppen erheblich steigen: Einen Überraschungseffekt kann es schon deshalb nicht mehr geben, weil über mögliche Einsatzorte seit Tagen öffentlich spekuliert wird.
Der Iran hatte also Zeit, sich vorzubereiten und könnte versuchen, den Preis für die USA mit Minen oder Sprengfallen in die Höhe zu treiben. Hinzu kommt die Gefahr durch Shahed-Drohnen oder ballistische Kurzstreckenraketen, über die der Iran nach wie vor verfügt.
In jedem der drei geschilderten Szenarien könnten diese zum Einsatz kommen. Welche psychologischen Schockwellen jedoch steigende Opferzahlen unter den eigenen Soldaten “an der Heimatfront” entfalten können, das haben die USA – und deren Verbündete – bei Einsätzen wie denen im Irak und Afghanistan leidvoll erfahren müssen. Und in Somalia verließen die USA nach dem Abschuss von zwei Black-Hawk-Helikoptern und dem Tod von 18 US-Soldaten bei einem Anti-Terror-Einsatz überstürzt das Land.
Bloße Drohkulisse?
Daher stellt sich nun die Frage, ob die in der Region befindlichen Spezialkräfte eher eine Drohkulisse sind, um dem Iran Verhandlungen abzutrotzen. Oder ob sie tatsächlich in einen – zwar begrenzten, aber risikoreichen – Einsatz geschickt werden.
Auf der einen Seite ließen sich mit “boots on the ground” im Iran Ziele erreichen, die mit den Luftschlägen nicht verwirklicht wurden und sich die Iran-Mission so einfacher als erfolgreich verkaufen. Auf der anderen entfernt sich Trump damit weiter von seinem Versprechen an die zunehmend unruhiger werdende MAGA-Wählerbasis, die USA aus weit entfernt liegenden Kriegsschauplätzen herauszuhalten. Und es wüchse die Gefahr einer als demütigend empfundenen Niederlage.
Aus Sicht von Oberst Reisner zeigt die Diskussion jedenfalls eins: Trump versuche, “irgendwie gesichtswahrend aus dieser Situation herauszukommen”. Ob er sich dabei für den schnellen Weg Richtung Ausgangstür oder für eine Ausweitung des Krieges entscheidet, ist noch nicht entschieden.


