Dieses Jahr feiert das Bundeskriminalamt sein 75-jähriges Bestehen. Viele Gründungsmitglieder hatten eine NS-Vergangenheit. Die Aufarbeitung begann erst spät und bleibt bis heute lückenhaft.
Das Bundeskriminalamt entstand im März 1951 durch ein Bundesgesetz. Zunächst wurde das Kriminalpolizeiamt der britischen Besatzungszone in Hamburg als BKA genutzt. Ab 1952 ging es dann in einer umgebauten Jugendherberge in Wiesbaden los. Die Vergangenheit der Männer an der Spitze interessierte nur wenige.
In der Nazi-Zeit war die Polizei organisatorisch mit der Parteiarmee SS zusammengeführt worden. Die Leitung hatte der “Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei”, Heinrich Himmler.
Trotz verschiedener Traditionen funktionierte die Zusammenarbeit. Die deutsche Polizei war darauf eingerichtet, Aufstände fast schon militärisch zu bekämpfen. Das erleichterte es, sie mit der militaristischen Kultur der Nazis zusammenzuführen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die in weiten Teilen paramilitärische Polizei im Massenmord an den Juden Osteuropas eingesetzt.
Polizei half, Konzentrationslager zu füllen
Nach damaligem wissenschaftlichem Standard kamen viele Eigenschaften von Kriminellen durch Vererbung und ethnischer Abstammung (“Rasse”) zustande. Das lag nahe am Rassismus der Nazis. Zudem waren damalige Kriminalisten überzeugt, es im Wesentlichen mit einer abgrenzbaren Gruppe Berufs- und Gewohnheitsverbrechern zu tun zu haben. Wenn die ausgesondert werden könnten, wären viele Probleme gelöst. Deutsche Polizeidienststellen schickten 110.000 Sinti, Roma und angeblich Kriminelle in Konzentrationslager.
Nach Zusammenbruch des Nazi-Staats wurde die Hoheit über die Polizei den Bundesländern zugeordnet. Doch schnell war klar, dass es überregionaler Zusammenarbeit und zentraler Dienste bedurfte. Nur standen praktisch keine unbelasteten Fachleute von Rang zur Verfügung.
Öffentlichkeitsarbeit alter Kader
Der damalige Abteilungsleiter des Reichskriminalpolizeiamtes, Bernd Wehner, hatte in der Nazi-Zeit die Ermittlungen zu den Attentaten auf Heydrich und Hitler geleitet. Nach der Nazi-Zeit wurde er Journalist. Wehner veröffentlichte 1949 und 1950 im Magazin Spiegel eine dreißigteilige Polizeiserie.
In “schnoddrigem Kasinoton” (Polizeihistoriker Patrick Wagner) bescheinigte Wehner der Polizei unpolitische Sacharbeit und Distanz zu SS und Geheimer Staatspolizei. Die Fachliteratur ist einig, dass die Spiegel- Serie wesentlich dazu beitrug, alte Kader wieder in Amt und Würden zu bringen.
SS-Offiziere in der Polizei
Führend an Planung und Aufbau des neuen BKA war der frühere Geheimdienstagent Paul Dickopf beteiligt. Dickopf war so ins Nazi-System verstrickt, dass er zunächst nicht für Leitungsfunktionen in Frage kam. Doch 1965 wurde Dickopf Präsident des BKA, was er bis 1971 blieb. 1958 hatten von 47 leitenden Beamten 45 hohe SS-Dienstgrade getragen.
Alte Nazis gab es nicht nur im Bundeskriminalamt. 1959 wurde der Chef des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz, Georg Heuser, verhaftet und später wegen Massenmordes zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Ex-Kriminalrat Bernd Wehner kam wieder bei der Polizei unter und brachte es zum Kripochef von Düsseldorf. Zur Methode eines Polizeiführers, 1941 und 1942 Menschen in luftdichte Räume zu sperren und Abgase von Lastwagen einzuleiten, bemerkte Wehner: “Er wollte auf diese Weise den Angehörigen seiner Gruppe das unmittelbare Töten ersparen”. So schrieb Wehner 1989 im Jahrbuch “Polizei in Düsseldorf”.
Schuld wird spät thematisiert
In der Festschrift zum 40. Gründungsjubiläum des BKA wurde noch 1991 die Geschichte von unpolitischen Polizeifachleuten verbreitet: “Wenn die Polizei missbraucht wurde, wie z.B. in der nationalsozialistischen Zeit, war dies eine Schuld der Politiker, an der die Polizeibeamten schwer getragen haben”.
“Die braunen Wurzeln des BKA”, so ein Buch des früheren Kriminaldirektors Dieter Schenk, waren im Bundeskriminalamt wohlbekannt. Jahrzehntelang wurde nur kolportiert, aber weder offen besprochen noch erforscht oder aufgearbeitet. Erst 2008 veranstaltete das BKA eine Tagung zur eigenen Geschichte. Der damalige Behördenchef bemerkte, immerhin sei deutlich geworden, dass das BKA in der Nachkriegszeit nicht “systematisch rassistische Denkmuster weitergeführt” habe. 2011 erschienen zwei Studien, die die Behörde finanziert hatte.
Zum 75. Gründungsjubiläum hat das BKA eine Webseite gestaltet, die Aufgaben und Erfolge darstellt. Am Ende heißt es zur Gründungszeit: “Zahlreiche Beschäftigte des jungen Amtes hatten zuvor im Polizei- und Sicherheitsapparat des “Dritten Reiches” gedient”. Die eigenen Studien zur Geschichte sind nicht verlinkt.


