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Überbelegung, Personalmangel, mangelnde Therapie: Eigentlich soll der Maßregelvollzug psychisch Kranken helfen, die Straftaten begangen haben. Doch Recherchen von Panorama 3 zeigen, das System steht vielerorts vor dem Kollaps.
Wer in Deutschland eine schwere Straftat begeht, aber aufgrund einer psychischen Erkrankung oder Sucht als schuldunfähig oder vermindert schuldfähig gilt, kommt nicht ins Gefängnis, sondern in den Maßregelvollzug, auch Forensik genannt. In Deutschland gibt es mehr als 70 Einrichtungen des Maßregelvollzugs mit mehr als 13.000 untergebrachten Menschen. Viele von ihnen sind psychisch schwer krank, viele von ihnen leiden an Schizophrenie.
Die Zahl der an Schizophrenie erkrankten Patienten im deutschen Maßregelvollzug hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt. Doch das System, das gesetzlich der “Besserung und Sicherung” dienen soll, steht vielerorts vor dem Kollaps – das ergibt eine Abfrage des NDR-Politikmagazins Panorama 3 bei allen 16 zuständigen Landesministerien. Überbelegte Stationen, massiver Personalmangel und Patientenschicksale hinter jahrelang verschlossenen Türen – es fehlt nahezu überall an Therapieplätzen, Personal und Perspektiven für die Entlassung.
Matratzenlager statt Therapie?
Die bundesweite Datenabfrage zeigt, dass fast alle Bundesländer mit massiver Überbelegung kämpfen. In Berlin etwa, mit der größten forensischen Einrichtung Deutschlands, waren zum Stichtag 30. November 2025 insgesamt 721 Menschen untergebracht, 89 mehr als dort vorgesehen. Nur zwei Bundesländer, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, hatten mehr als zehn offene Plätze.
Das Saarland, Hessen und Sachsen erheben diese Daten nicht oder haben keine Höchstgrenze. Auch wenn die Einrichtungen voll sind, können sie die Menschen nicht ablehnen, da Gerichte entscheiden, ob eine Person untergebracht werden muss oder nicht.
Viele Länder greifen deshalb zu teilweise drastischen Mitteln. In Baden-Württemberg beispielsweise wurden Container aufgestellt und ehemalige Gefängnisse reaktiviert. Auch andere Länder bringen psychisch Kranke in Haftanstalten unter. In Berlin und Rheinland-Pfalz wurden Besucher- und Aufenthaltsräume zu Patientenzimmern umfunktioniert. Oft ist es nur noch Theorie, dass psychisch Kranke am besten in Einzel- oder Doppelzimmern untergebracht sind. Manchmal müssen sich vier Personen ein Zimmer teilen, Patienten sogar zeitweise auf einer Matratze im Flur schlafen.
Dieser Platzmangel führe auch dazu, dass das Aggressionspotenzial steigt, berichtet eine ehemalige Mitarbeiterin aus dem Maßregelvollzug. “Ich habe erlebt, dass Patienten Zimmereinrichtungen angezündet haben, sich selbst angezündet haben. Ich habe die Hilflosigkeit der Mitarbeitenden miterlebt, weil zu wenig Leute da waren, um adäquat einzugreifen.”
Akuter Personalnotstand
Akute Personalnot herrscht in vielen Maßregelvollzügen, besonders im Bereich der ärztlichen Mitarbeitenden, aber auch in der Pflege. In Berlin ist die Situation besonders prekär: Laut der NDR-Abfrage waren dort insgesamt nur 74,9 Prozent der Stellen besetzt. Um diesen Mangel zu kompensieren, setzt die Hauptstadt mittlerweile Sicherheitskräfte auf den Stationen ein, um das Pflegepersonal zu unterstützen, aber auch zu schützen. Außerdem zeigt sich laut Abfrage ein massiver Mangel im ärztlichen Dienst in einer Einrichtung in Schleswig-Holstein: Hier waren nur circa sechs von 17 bestehenden Arztstellen besetzt.
Insgesamt kann der Personalmangel dazu führen, dass therapeutische Angebote gekürzt werden, begleitete Ausgänge – ein zentraler Baustein der Resozialisierung – verschoben werden müssen und die Unterbringungsdauer der Patienten sich verlängert. Das berichten vergangenen November Ärzte, Pfleger und viele, die in den Forensiken arbeiten auf Deutschlands größtem Psychiatrie-Kongress in Berlin. “Der Maßregelvollzug in Deutschland kommt aktuell an seine Grenzen”, sagt zum Beispiel ein Sozialarbeiter, der in einer forensischen Klinik arbeitet. “Es fehlt an Raumkapazitäten und Personal, und es kommt kein Personal nach.”
Dass pflegerisches Personal fehle, wirke sich besonders negativ aus, berichten zwei Pflegekräfte. Denn dadurch fiele die pflegerisch-therapeutische Arbeit oft aus. Und das führe auch immer häufiger zu mehr Gewalt. Der ärztliche Leiter eines niedersächsischen Maßregelvollzugs sagt, Übergriffe auf Personal und andere Patienten seien nicht selten. Deshalb habe er das Problem, “dass Mitarbeiter sagen, ich will hier nicht mehr arbeiten.” Insgesamt würden Aggressionen zunehmen.
Lange Isolation und Fixierung
Auffällig ist, dass in manchen Maßregelvollzügen besonders lange fixiert oder die Patienten in so genannten Kriseninterventionsräumen isoliert werden. So ist in Bremen beispielsweise ein Patient seit mehreren Jahren isoliert. In Schleswig-Holstein befanden sich zwei Frauen 343 beziehungsweise 141 Tage in Isolation. In Hessen war ein Patient das komplette Jahr über fixiert, wenn auch mit täglichen Pausen. In Berlin gab es Fälle von Fixierungen, die bis zu sieben Tage am Stück dauerten. Viele Länder betonen, dass solche Maßnahmen die “Ultima Ratio” seien.
“Es gibt Situationen, da muss man unbedingt fixieren, was anders nicht geht”, sagt Rainer Dopp. “Aber das sollte man jedenfalls so gering wie möglich halten und nicht relativ großzügig damit umgehen.” Dopp ist Vorsitzender der Nationalen Stelle zur Verhütung von Folter, einer von Bund und Ländern finanzierten Kontrollinstitution. Die Nationale Stelle war in jedem deutschen Maßregelvollzug mindestens einmal.
Dopp fordert, “dass einfach viel mehr dokumentiert werden müsste, dass Statistiken geführt werden. Je mehr wir wissen, desto eher könnten wir etwas verbessern.” Die zuständigen Bundesländer dokumentieren bisher offenbar zu wenig und zu ungenau. Das Bundesjustizministerium könnte einheitliche Vorgaben machen – aber es verweist auf Anfrage nur an die Länder.
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