Rumänien gilt seit einigen Jahren als Europas Masern-Hotspot. Das Land ist beim Impfen Schlusslicht innerhalb der EU. Eine Informationskampagne des Gesundheitsministeriums soll den Impfwillen steigern.
Masern sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa zwölfmal ansteckender als die Grippe. Bei Kontakt mit einer infizierten Person, liegt die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken, bei mehr als 90 Prozent, wenn man nicht geimpft ist oder die Masern bereits hatte. Ein auffälliger Hautausschlag ist das sichtbarste Symptom.
Doch die Krankheit kann auch schwere Folgen haben, wie Erblindung, eine Entzündung des Gehirns oder eine dauerhafte Schädigung des Immunsystems. Im schlimmsten Fall kann sie tödlich enden. Nach alarmierenden Infektionszahlen 2024 gingen die Zahlen 2025 europaweit zwar deutlich zurück, die Gefahr von Ausbrüchen bestehe aber weiterhin, warnt die WHO.
Rumänien: Europas Masern-Hotspot
Als Europas Masern-Hotspot gilt seit einigen Jahren Rumänien. Im vergangenen Jahr wurden hier laut WHO 4.198 Masernfälle gemeldet, das sind rund 55 Prozent der europaweiten Fälle. Es gab drei Todesfälle im Land. 2024 waren es sogar 22 Todesfälle, und Rumäniens Anteil an den gesamteuropäischen Masernfällen lag bei etwa 87 Prozent.
Zum Teil ist das auf die niedrige Durchimpfungsrate zurückzuführen. Diese ist über die letzten Jahre kontinuierlich gesunken und erreichte 2024 nach WHO-Angaben nur 62 Prozent. Zur Eliminierung der Krankheit ist laut der Organisation eine dauerhafte Durchimpfung von mindestens 95 Prozent mit zwei Dosen Impfstoff erforderlich.
Rumänien ist damit Schlusslicht innerhalb der EU. Die Gründe dafür sind vielfältig: erschwerter Zugang zu medizinischer Versorgung im ländlichen Raum oder Eltern, die sich bewusst gegen eine Impfung entscheiden. Diese Entscheidung ist oft beeinflusst durch auf Social Media kursierende Falschinformationen.
Ärztinnen und Ärzte kämpfen gegen Impfskepsis
Die Ärztin und Epidemiologin Daniela Gafița arbeitet für die staatliche rumänische Gesundheitsbehörde. Sie versucht, die Bevölkerung in Dörfern mit besonders niedriger Impfquote gezielt über die Gefahren einer Masern-Erkrankung und die Schutzimpfung aufzuklären. Einer dieser Orte ist Bălușești im Nordosten Rumäniens.
Hier sind laut der Ärztin nur rund 25 Prozent geimpft. Sie schätzt die Gefahr in diesem Fall besonders hoch ein. “Wenn es Familien mit vielen ungeimpften Kindern gibt, ist es klar, dass hier irgendwann die Krankheit ausbrechen wird.” Doch als Epidemiologin sieht Daniela Gafița die Problematik nicht nur regional begrenzt.
Im Nordosten Rumäniens sind nur 25 Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft.
Gerüchte fördern Impfskepsis
“Es ist klar, dass die Arbeitsmigration einer der Gründe und einer der Wege ist, die zum Auftreten von Krankheitsausbrüchen oder sogar Epidemien in mehreren Ländern Europas und möglicherweise sogar weltweit führen können.” In den Gesprächen trifft sie oft auf große Impfskepsis, wie in vielen anderen Ländern angeheizt durch Gerüchte auf Social-Media-Plattformen. Diese verbreiten sich in der Dorfgemeinschaft rasend schnell. Etwa, dass mit der Impfung Chips eingespritzt würden oder dass man einige Jahre danach sterben würde.
Die Hausärztin Ileana Pelizaru stellt seit Corona eine generelle Zurückhaltung bei Impfungen fest. Sie war in ihrer Praxis im rumänischen Oniceni mit einem schweren Masernfall konfrontiert. “Aus einem gesunden, verspielten Baby, wie dem, mit dem ich heute in der Praxis zu tun hatte, ist ein Enzephalitis-Patient geworden.” Mit Beispielen wie diesem kämpft sie gegen die auch in ihrem Zuständigkeitsbereich sinkenden Impfraten.
Aber nicht nur Social Media ist für die Impfskepsis verantwortlich. Sie wird zusätzlich durch Impfgegner in der Ärzteschaft, der Politik und in den Kirchen angeheizt. Und: Ärztin Daniela Gafița hat generell mangelndes Vertrauen der Menschen in das medizinische Personal in Rumänien bemerkt.
Gesundheitsminister will keine verpflichtende Impfung
Rumänien hat ein nationales Impfprogramm, allerdings ist das nur eine Empfehlung. Gesundheitsminister Alexandru Rogobete setzt trotz der alarmierenden Zahlen weiter auf Freiwilligkeit. Unter seinem Vorgänger kam es bereits im Zuge der Verabschiedung, der bis 2030 gültigen Impfstrategie, vor etwas mehr als zwei Jahren zu großen Protesten. Impfgegner befürchteten die Einführung einer Impfpflicht.
Auch von der Opposition gibt es klare Signale gegen eine Verpflichtung. George Simion, der Vorsitzende von AUR, der wichtigsten Oppositionspartei, sagt etwa in einer Debatte auf Euronews Rumänien: “Die Sache des Impfens so zu behandeln, als wüsste es der Staat besser als die Eltern, halte ich für grundlegend falsch.”
Gesundheitsminister Rogobete will jetzt mit einer Informationskampagne das Vertrauen der Menschen in die Impfung wieder herstellen. “Wir möchten den Menschen verständlich machen, dass diese Impfstoffe seit mehr als 30 Jahren verwendet werden, getestet sind und nicht die in der Öffentlichkeit dargestellten Risiken bergen.”
WHO warnt vor Masern-Wellen
Ob das allein reicht, werden die künftigen Infektionszahlen zeigen. Nach einem Rekordhoch 2024 sind die Masernfälle zwar europaweit stark gesunken. Doch die WHO warnt weiterhin vor Infektionswellen, wenn die Herdenimmunität von 95 Prozent nicht erreicht wird.
Für die beiden Ärztinnen fühlt sich ihre Aufklärungsarbeit oft wie ein Kampf gegen Windmühlen an. Daniela Gafița sagt nach ihrem Besuch in Bălușești: “Ich bin mir nicht sicher, ob von den Leuten, mit denen ich heute gesprochen habe, auch nur eine einzige Person ihre Kinder jetzt impfen lassen wird.” Aufgeben will sie nicht, trotz manchmal auch unangenehmer Erfahrungen. Ihr nächstes Ziel ist die Organisation einer Haus-zu-Haus-Impfkampagne.

