Faktenfinder: Entwicklungshilfe im Fokus von Desinformation

Faktenfinder: Entwicklungshilfe im Fokus von Desinformation


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Stand: 25.03.2026 • 05:11 Uhr

In sozialen Medien verbreitet sich die falsche Behauptung, der ukrainische Präsident Selenskyj habe Hilfsgelder für die Ukraine veruntreut. Es ist nicht das erste Mal, dass Entwicklungshilfe zum Ziel von Desinformation wird.

Karin König

Deutschland ist Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge nach den USA das Land, dass die höchsten Summen für Entwicklungshilfe ausgibt. Dabei werden immer wieder einzelne Projekte oder die Entwicklungszusammenarbeit als Ganzes Ziel von systematisch verbreiteten Falschinformationen.

So wurde in Telegram-Gruppen und auf der Plattform X die Behauptung verbreitet, internationale Gelder für die Ukraine seien veruntreut worden, um für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einen Prozent der Aktien des Pharmaunternehmens AstraZeneca zu kaufen.

Angebliche Zustimmung der EU-Kommissionspräsidentin

Die Posts beziehen sich auf ein etwa zweiminütiges englischsprachiges Video und einen Artikel der vermeintlichen Nachrichtenseite UK Insider. In dem Artikel wird behauptet, der “ehemalige Vize-Ministerpräsident der Ukraine, Olexij Tschernyschow, soll über ein Netzwerk von Briefkastenfirmen internationale Hilfsgelder in Höhe von fast 3 Milliarden US-Dollar” abgezweigt haben.

“Als letztendlicher Nutznießer seines Plans wird Präsident Wolodymyr Selenskyj genannt”, heißt es weiter. Die behördliche Prüfung, die diese Vereinbarungen genehmigte, sei in Brüssel durchgeführt worden, die endgültige Genehmigung “trage die Unterschrift von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen”, so der Artikel. Das Video enthält dieselben Behauptungen.

Ermittlungen gegen Tschernyschow

Es stimmt, dass Tschernyschow vom Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) in mehreren Fällen der unrechtmäßigen Bereicherung beschuldigt wurde. Im Zentrum des Verdachts steht der ukrainischen Zeitung Kyiv Independent zufolge das staatliche Atomkraftunternehmen Energoatom und der Vorwurf, er habe Grundstücke zugunsten eines Bauträgers unterbewertet. Seine Anwälte weisen die Vorwürfe zurück.

Die Ermittlungen gegen Tschernyschow sind Teil eines größeren Korruptionsskandals, in dessen Rahmen Justizminister Herman Haluschtschenko und Energieministerin Switlana Hryntschuk zurückgetreten sind. Der Pharmakonzern AstraZeneca spielt bei den Vorwürfen allerdings keine Rolle.

Keine Belege für Behauptungen

Weder das Video noch der Artikel verweisen auf konkrete Belege für die Behauptungen, Hilfsgelder seien veruntreut worden. Das Video zeigt keine Dokumente, die ein Korruptionsschema rund um den Kauf von AstraZeneca-Aktien belegen könnten und besteht hauptsächlich aus Archivaufnahmen und Stock-Bildern.

Eine Analyse der russischen Faktencheck-Webseite Verified Media kam außerdem zu dem Ergebnis, dass die Stimme auf dem Video sehr wahrscheinlich mithilfe von KI generiert wurde.

Webseite in Island registriert

Zwar gibt es bekannte britische Medienunternehmen mit den Namen Business Insider und Insider.co.uk., allerdings keine unter dem Namen UK Insider, die den Artikel über die vermeintliche Veruntreuung von Hilfsgeldern veröffentlicht hat. Die Webseite von UK Insider ist einem Domain-Informationstool zufolge am 26. Januar 2026 registriert worden – und damit erst zwei Tage vor der Veröffentlichung des Artikels.

Angemeldet hat sie ein Unternehmen mit Sitz in Islands Hauptstadt Reykjavík. Die Firma sitzt an einer Adresse, die der New York Times zufolge zudem “die virtuelle Heimat einer Vielzahl von Tätern, die Identitätsdiebstahl, Ransomware und Desinformation” ist. Die Webseite ist inzwischen gelöscht worden.

EU-Kommission: Keine Hinweise auf Missbrauch

“Der EU-Kommission liegen keine Hinweise oder Beweise für einen Missbrauch europäischer Mittel vor, wie er in diesen Vorwürfen angedeutet wird”, schreibt ein Sprecher der Kommission auf Anfrage des ARD-faktenfinders. “Angesichts ihrer Herkunft scheinen diese Behauptungen Teil einer Desinformationskampagne zu sein.”

Die EU-Unterstützung für die Ukraine unterliege einem umfassenden System von Prüfungen und Kontrollen, um den Schutz der finanziellen Interessen der EU zu gewährleisten und Unregelmäßigkeiten, Betrug sowie alle Formen der Korruption zu verhindern, aufzudecken und zu beheben, so der Sprecher. “Dies umfasst Korruption auf hoher Ebene sowie jede andere illegale Tätigkeit, die die finanziellen Interessen der Union beeinträchtigt.”

Desinformation zu Entwicklungshilfe verbreitet

Es ist nicht das erste Mal, dass Entwicklungshilfen zum Ziel von Desinformation werden. So hat die russische Desinformationskampagne Storm-1516 Anfang des Jahres fälschlicherweise behauptet, Deutschland würde 1,4 Milliarden Euro in ein Fußballstadion in der brasilianischen Stadt Belém investieren.

In den USA wurde mit einem gefälschten Video die Aussage verbreitet, die US-Entwicklungsbehörde USAID hätte Besuche von Prominenten in Kiew finanziert. Unter anderem AfD-Co-Chefin Alice Weidel hat fälschlicherweise behauptet, mit deutschen Steuergeldern würde eine Metro-Linie in Indien finanziert.

Auch über finanzielle Unterstützung aus Deutschland beim Bau von Fahrradwegen in Peru kursieren immer wieder falsche Behauptungen im Netz.

Narrativ der verschwenderischen Regierung

“Gerade bei Projekten mit Schwerpunkt Klimaschutz oder Unterstützung von LGBTQ-Rechten wird unterstellt, dass sie vor allem aus ideologischen Gründen unterstützt werden”, erklärt Julia Smirnova, Senior Researcherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS).

Außerdem sei das Narrativ verbreitet, “dass die Regierung aus irgendeinem geheimen Grund das Geld deutscher Steuerzahler im Ausland verschwendet, statt sich um die Interessen deutscher Bürgerinnen und Bürger zu kümmern.”

Analyse von mehr als 35.000 Telegram-Nachrichten

Das CeMAS hat von Januar bis März 2025 über 36.000 Nachrichten aus rund 1.500 öffentlich zugänglichen Telegram-Gruppen und -Kanälen analysiert, die sich mit dem Thema Entwicklungshilfe beschäftigen. Der Analyse nach wurden sie von 7.431 Telegram-Accounts in etwa 400 Gruppen gesendet und von rund 1.100 Kanälen verfasst.

Am häufigsten ging es bei den Nachrichten um die Auflösung der US-Entwicklungsbehörde USAID. Die Posts befürworten sie und beinhalten Verschwörungsnarrative über USAID. Diese wird zum einen als das angebliche Zentrum des “tiefen Staates” (“Deep State”), einer Art geheimen Regierung in der Regierung, in den USA dargestellt. Zum anderen wird USAID häufig Korruption vorgeworfen.

Bild einer korrupten Elite verbreitet

Posts mit Bezug auf deutsche Entwicklungszusammenarbeit thematisieren der CeMAS-Auswertung zufolge am häufigsten angebliche Korruption und Verschwendung. Die Posts kontrastieren angebliche Verschwendung der Steuergelder im Ausland mit der sozialen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland und werfen der Bundesregierung vor, Interessen der eigenen Bürgerinnen und Bürger zu vernachlässigen.

“Dabei wird das Bild einer Elite konstruiert, die der Bevölkerung schade und ausländische Interessen bevorzuge”, heißt es in der Untersuchung. Entwicklungsprojekte würden in einer verzerrten und simplifizierten Weise pauschal als unentgeltliche Zahlungen Deutschlands oder “Geldgeschenke ins Ausland” dargestellt.

Anhaltspunkte für gezielte Desinformation

Bei knapp zwei Drittel der Nachrichten handelt es sich um weitergeleitete Inhalte, überwiegend aus anderen Telegram-Kanälen. Dabei sind die aktivsten zehn Accounts im Datensatz für einen bedeutsamen Anteil von knapp 25 Prozent an weitergeleiteten Nachrichten in Gruppen verantwortlich.

Bei einer näheren Betrachtung der zwei Accounts mit den meisten weitergeleiteten Nachrichten “ergeben sich begründete Anhaltspunkte für eine Desinformationsverbreitungsstrategie”, schreiben die Autoren.

Die Accounts leiten demnach einen bedeutenden Teil ihrer Inhalte aus denselben Kanälen weiter, die wiederum nicht öffentlich sind. Private Kanäle werden nicht moderiert und können nicht gemeldet werden. “Uns ist aufgefallen, dass sie ihre Nachrichten häufig entweder aus verschwörungsideologischen oder aus klar prorussischen Kanälen weitergeleitet haben”, so Julia Smirnova vom CeMAS.

“Wir halten es für wahrscheinlich, dass es sich bei diesen Accounts um Bots handelt”, erklärt Smirnova. Denn der Umfang an Nachrichten, die sie jeden Tag weiterleiten, sei sehr hoch für menschliche User.

Diese Bots werden Smirnova zufolge “strategisch eingesetzt, um Nachrichten aus prorussischen, verschwörungsideologischen und geschlossenen Kanälen massenhaft in andere Gruppen weiterzuleiten.” Gerade russische Desinformationsakteure versuchten wiederum häufig, ihre Narrative so zu formulieren, dass sie auch in ein eher allgemein verschwörungsideologisches Milieu passen.

Im Idealfall werden sie dann von diesem Milieu “einfach ganz organisch aufgenommen und weiterverbreitet”, erklärt Smirnova. Etwa so, wie es die russische Desinformationskampagne Storm-1516 mit der angeblichen Finanzierung des Fußballstadions in Brasilien gemacht hat.

Vertrauensverlust als Ziel

In Russland gebe es eine lange Vorgeschichte der Verbreitung von Desinformation über westliche Entwicklungszusammenarbeit, so die Researcherin. Zunehmend gerate auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ins Visier russischer Desinformationsakteure.

“Hier geht es darum, Vertrauen an die deutsche Regierung, an deutsche demokratische Institutionen zu untergraben.” Das Thema Entwicklungszusammenarbeit werde dann als angebliches Beispiel dafür genommen, “dass die deutsche Regierung nicht im Interesse deutscher Bürger arbeitet.”

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