weltspiegel
Der Staat hat das Gewaltmonopol in großen Teilen Haitis verloren, die Hauptstadt wird von Banden kontrolliert. Sie sichern sich ihre Macht mit Waffen – die vor allem aus den USA kommen.
Mit aufheulenden Motoren nehmen zwei Boote der haitianischen Küstenwache Kurs auf ein verdächtiges Schiff. Von beiden Seiten schließen sie auf, bis das Ziel eingekreist ist. Routiniert sichern die Einsatzkräfte das Boot.
Zwei Polizisten überwältigen den Kapitän und seine Männer, drücken sie an Deck zu Boden. Sie durchsuchen jeden Winkel und stoßen auf mehrere Pakete Heroin, Marihuana und Waffen. Nach rund zwanzig Minuten kommt plötzlich der Befehl: “Abbruch”.
Es ist nur eine Übung, die Drogen- und Waffenschmuggler waren Laienschauspieler aus einem Dorf in der Nähe. Die anderen Teilnehmer sind Beamte der haitianischen Küstenwache. Rund 30 Männer und Frauen aus unterschiedlichen Regionen in Haiti haben an dem Manöver teilgenommen.
Mitglieder der haitianischen Küstenwache üben mit blauen Plastikwaffen das Abfangen von Schmugglern.
Banden sind Sicherheitskräften hoch überlegen
Jean Hervens gehört einer Einheit der Küstenwache in Port-au-Prince an. Er ist froh um jede Fortbildung, die ihn besser auf die Gewalt der Gangs im Land vorbereitet: “Ich erinnere mich noch, als unsere Basis in Port-au-Prince zum ersten Mal überfallen wurde, da waren wir tagelang rund um die Uhr im Einsatz, ohne Pause. Wir haben um unser Überleben gekämpft.”
Für Polizisten ist die Arbeit in der haitianischen Hauptstadt ein permanenter Überlebenskampf. Die Gangs kontrollieren mittlerweile 90 Prozent von Port-au-Prince mit extremer Gewalt. Die Sicherheitskräfte selbst sind schlecht ausgerüstet, die Banden sind ihnen haushoch überlegen.
In Haiti selbst werden keine Waffen hergestellt, und ihr Import ist illegal. Aber Bandenchefs wie Jimmy Chérizier alias “Barbecue”, posiert für die Medien gerne mit schweren Waffen. Er und seine Männer sind mit AK-47- und AR-15-Sturmgewehren, Schrotflinten und Glock-Handfeuerwaffen ausgerüstet, terrorisieren die Bevölkerung.
Bis zu einer halbe Million Schusswaffen sind in Haiti illegal im Umlauf. Banden kontrollieren mittlerweile fast die gesamte Hauptstadt.
Waffenschmuggel aus den USA
Die Vereinten Nationen schätzen, dass in Haiti zwischen 270.000 und 500.000 Schusswaffen illegal im Umlauf sind. Geschmuggelt werden sie vor allem mit Hilfe der Exil-Community im US-Bundesstaat Florida.
Die für Haiti bestimmten Waffen werden in relativ kleinen Mengen und meist zerlegt in Containern versteckt, mit denen Matratzen, Kleidung und dringend benötigte Lebensmittel für die Bevölkerung verschickt werden, erklärt Juan Marquez, Leiter des Büros der Vereinten Nationen für Verbrechensbekämpfung und Drogen in Haiti.
In den USA werden Menschen ohne Vorstrafe angeheuert, um die Waffen kaufen. Akten dokumentieren einen solchen Fall: Joly Germine, der sich selbst als der “König” der berüchtigten, gewalttätigen haitianischen Bande namens “400 Mawozo” bezeichnet, hatte Mittelsmänner in Florida beauftragt, Gewehre und Munition zu schmuggeln. Dieser Fall flog auf, viele andere nicht.
Auch Reginald Boulos wurde in Florida festgesetzt. Der Chef einer großen Supermarktkette und einer der reichsten Männer Haitis soll mit Banden kooperiert haben. Er selbst bestreitet das. Doch der Fall zeigt wie sehr auch wichtige Unternehmer in die kriminellen Machenschaften verwickelt sind und wie schwierig es ist, das System der Gewalt zu bekämpfen.
Mangelnde internationale Zusammenarbeit
Genau deshalb sei ein Waffenembargo so wichtig, sagt Marquez. Es schaffe Verantwortlichkeit für jene Staaten, die direkt oder indirekt beteiligt sind.
Für eine funktionierende Bekämpfung des Schmuggels müsse es eine enge Zusammenarbeit und Informationsaustausch zwischen den karibischen Ländern geben, so Marquez. Doch dafür braucht es auch den politischen Willen, an dem es laut vielen Beobachtern mangelt.
Hinzu kommt, dass Polizei, Zoll, Grenzschutz und Küstenwache von Haiti unterfinanziert und unterbesetzt sind und häufig selbst Ziel von bewaffneten Angriffen der Banden werden, heißt es in einem Bericht der zuständigen UN-Behörde.
Die Hintermänner und ihre Interessen
Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden in Haiti laut UN mehr als 3.137 Menschen gewaltsam getötet und 336 gekidnappt. Die Gewalt zu stoppen sei extrem schwierig, sagen Experten.
“Wenn wir über die Banden sprechen, sprechen wir über ein Symptom. Denn hinter ihnen stehen internationale, organisierte Gruppen und Menschen, die aus Haitis Krise Gewinn schlagen, die an dem Chaos Geld verdienen. Und sie haben lokale Partner, die Einfluss haben und Teile des Territoriums kontrollieren”, erklärt Marquez, der Leiter des UN-Büros.
Jean Hervens ist mittlerweile wieder im Dienst am Hafen von Port-au-Prince im Einsatz. Er und seine Kollegen bleiben manchmal monatelang in der Station der Küstenwache, um keine unnötigen Wege nach Hause zurückzulegen.
“Wenn man bei der Polizei anfängt, muss man mutig sein. Es gibt große Herausforderungen, speziell in Port-au-Prince. Aber so ist es halt, wir müssen es tun. Das ist unser Job”, sagt Hervens. Schließlich wollten sie die Menschen schützen.

