Die rund 35 Millionen Einwohner der indischen Hauptstadt sind starken Smog gewöhnt, vor allem jetzt im Winter. Doch nun hat Indiens Regierung beschlossen, internationale Messwerte zur Luftverschmutzung nicht mehr anzuerkennen.
Weiß wie Milchsuppe ist die Luft in Delhi. Viele Menschen tragen Maske, an Kreuzungen wird Wasser zum Ausspülen von Feinstaub versprüht.
Kontrollbehörden verdeutlichen die Gefahren auf ihren Websites mit Gasmasken-Logo. Auf der vom “Delhi Pollution Control Committee” kriecht neben den Messwerten eine Zeichenfigur mit Sauerstofftank auf dem Rücken.
Ein Tag Delhi ungesünder als eine Schachtel Zigaretten
Der Fernsehsender NDTV zeigt Statistiken: Waren Ende der 1990er-Jahre noch 90 Prozent der an Lungenkrebs Erkrankten Raucher, seien es jetzt bis zu 70 Prozent Nichtraucher. Einen Tag lang Delhis Luft zu atmen sei so gesundheitsschädigend, wie 25 Zigaretten zu rauchen.
40 Prozent der hauptstädtischen Bevölkerung habe eingeschränkte Lungenfunktionen. Würden Feinstaubnormen eingehalten, wäre die Lebenserwartung in Delhi um achteinhalb Jahre höher, meldet NDTV.
Im zentralen Altstadtviertel Chandni Chowk mit seinen Märkten voller Gewürze, Silber und Saris liegt die Luftbelastung durch Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern bei 500. Der Richtwert der Weltgesundheitsorganisation WHO ist 15.
Internationale Daten “nicht bindend”
Doch diese Woche ließ die Regierung wissen, dass internationale Daten für Indien nicht bindend seien, nur beratend. Sie ignoriert damit die Weltgesundheitsorganisation WHO, Studien der Harvard-Universität oder jene der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet.
Letztere spricht von 1,5 Millionen Toten durch verschmutzte Luft in Indien pro Jahr. Die Wirtschaft koste das Hunderte Milliarden Dollar. Laut NDTV hat die Regierung jedoch kein Interesse an Zahlen über Tote durch Luftverschmutzung. Oppositionsführer Rahul Gandhi fordert deshalb eine Parlamentsdebatte. Premierminister Narendra Modi müsse dem Land die Fakten mitteilen.
Windstille, Trockenheit und niedrige Temperaturen intensivieren den Smog im Winter. Verstärkend kommt das Abbrennen von Feldern nach der Ernte im Umland hinzu sowie Delhis Lage in einem topographischen Becken.
Deshalb greift in der Stadt nun der Krisenplan Stufe 3, etwa mit Einschränkungen auf Baustellen und im Verkehr. Doch fährt man durch die Stadt, drängeln sich Tuktuks und Transporter weiter, und Arbeiter hämmern in Staubwolken Steine. Und so ächzt die Stadt weiter unter dickem Smog.


