Industriepräsident sieht Standort Deutschland “im freien Fall”

Industriepräsident sieht Standort Deutschland “im freien Fall”

Stand: 02.12.2025 10:58 Uhr

Die Industrieproduktion in Deutschland sinkt vermutlich das vierte Jahr in Folge. BDI-Präsident Peter Leibinger sieht den Standort in der “tiefsten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik”.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht den Wirtschaftsstandort Deutschland im “freien Fall”. Die deutsche Industrie stehe am Ende des Jahres 2025 vor einem dramatischen Tiefpunkt, sagte BDI-Präsident Peter Leibinger der Nachrichtenagentur dpa. “Der Wirtschaftsstandort befindet sich in seiner historisch tiefsten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik, doch die Bundesregierung reagiert nicht entschlossen genug.”

“Struktureller Abstieg”

In einem neuen Industriebericht wird für dieses Jahr ein Rückgang der Produktion in der Industrie um zwei Prozent erwartet. Damit würde sie das vierte Jahr in Folge schrumpfen. “Das ist keine konjunkturelle Delle, sondern ein struktureller Abstieg”, so Leibinger. Die deutsche Industrie verliere kontinuierlich an Substanz. Der Wirtschaftsstandort befinde sich “im freien Fall”.

Bezogen auf die Europäischen Union ist der BDI allerdings optimistischer. Der Analyse zufolge dürfte die Industrierezession in der EU bereits beendet sein. Der BDI hat seine frühere Prognose nach oben korrigiert und rechnet im laufenden Jahr mit einem Anstieg der Industrieproduktion um ein Prozent. Zuvor hatte die Prognose bei einem Minus von einem Prozent gelegen. Die deutschen Warenexporte dürften im Jahr 2025 nicht weiter sinken.

Geringe Auslastung in der Chemieindustrie

Von den einzelnen Branchen greift der BDI-Bericht die Chemieindustrie auf. Zuletzt habe die Auslastung der Chemieanlagen nur noch bei 70 Prozent gelegen. Auch der Maschinenbau und die Stahlindustrie seien unter Druck. Die Lage in der Bauindustrie dagegen scheint sich zu stabilisieren.

In der Autoindustrie wird mit einem Produktionsplus gerechnet, die Kapazitätsauslastung ist gestiegen. Die Beschäftigung in der Automobilindustrie aber sei unter Druck geraten.

Leibinger fordert Strukturreformen

“Deutschland braucht jetzt eine wirtschaftspolitische Wende mit klaren Prioritäten für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum”, sagte Leibinger. Jeder Monat ohne entschlossene Strukturreformen koste weitere Arbeitsplätze und Wohlstand und enge künftige Spielräume des Staates massiv ein. Konkret fordert der BDI-Präsident, die Bundesregierung müsse Investitionen Vorrang vor konsumtiven Ausgaben einräumen. Das Sondervermögen müsse transparent für zusätzliche Investitionen genutzt werden.

Kritiker monieren, dass die Bundesregierung Vorhaben aus dem Kernhaushalt in das Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz verschiebt, um dann mit freigewordenen Mitteln Projekte wie die Ausweitung der Mütterrente zu finanzieren.

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