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Vor der Wahl in Ungarn verbreiten mehrere Netzwerke zahlreiche KI-Fakes über Orbáns Herausforderer Magyar. Dabei werden ihm vor allem Falschbehauptungen mit Blick auf die Ukraine in den Mund gelegt.
Eine Nachrichtensprecherin, die über angebliche Wutausbrüche des ungarischen Politikers Péter Magyar von der Tisza-Partei berichtet. Der Beitrag ist mit Videoschnipseln versehen, die dieses aggressive Verhalten vermeintlich belegen sollen. Magyar habe sein “wahres Gesicht” gezeigt, behauptet die Sprecherin. Allerdings ist sie gar nicht echt, auch den Beitrag hat es nie gegeben. Es handelt sich um einen KI-Fake.
Der gefälschte Nachrichtenbericht ist kein Einzelfall. So berichtete die Deutsche Welle (DW), dass ein Bot-Netzwerk gefälschte Videos im Stil von Medien wie der DW oder Reuters verbreitete. Die Clips enthalten die falsche Behauptung, ukrainische Flüchtlinge planten einen Anschlag auf den ungarischen Regierungschef Viktor Orbán. Doch dabei gab es weder Beweise für solche Anschlagspläne noch haben die entsprechenden Medien darüber berichtet.
Dieses Video ist KI-generiert.
Einflussoperation diskreditiert Magyar
Auch die Organisation NewsGuard schreibt in einer Analyse, dass eine Einflussoperation die Parlamentswahl in Ungarn am kommenden Sonntag ins Visier genommen hat. Hunderte KI-generierte TikTok-Videos sind NewsGuard zufolge im Umlauf gebracht worden, um den amtierenden Ministerpräsidenten Orbán zu stärken und seinen Herausforderer Magyar zu diskreditieren.
“Wir haben insgesamt 34 Konten auf TikTok identifiziert, die Teil dieser verdeckten Einflusskampagne sind”, sagt Alice Lee, Analystin bei NewsGuard und Ko-Autorin der Untersuchung. Mit ihren Postings versuchten diese Kanäle, Ängste in der ungarischen Bevölkerung zu schüren, sollte Magyar die Wahl gewinnen.
Dafür werde eine große Bandbreite KI-generierter Videos eingesetzt, die diese Konten verbreiteten: So lassen die Videos etwa sprechende Tiere anti-Magyar-Botschaften verbreiten oder beinhalten gefälschte Nachrichtenberichte mit diffamierenden Behauptungen über Magyar und seine Partei. Auch KI-generierte Videos, die Schauspieler wie Johnny Depp oder Leonardo DiCaprio zeigen, wie sie schlecht über Magyar sprechen, wurden verbreitet.
“Das Auffällige bei den Konten ist, dass die meisten von ihnen innerhalb von nur zwei Tagen erstellt worden sind, was auf eine koordinierte Aktion hindeutet”, sagt Lee. Zudem seien die Konten anonym und ihre Profilbilder enthielten alle ähnliche Muster.
Desinformationen im Zusammenhang mit der Ukraine
Wer genau hinter dieser Aktion steckt, ließe sich jedoch nicht sagen, sagt Lee. “Was wir aber wissen, ist, dass es dem Muster russischer Einflusskampagnen in anderen Ländern ähnelt und es implizit prorussische Narrative sind, die verbreitet werden.”
Denn inhaltlich verknüpften viele der verbreiteten Videos Desinformationen über Magyar mit Blick auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. “Es wurde zum Beispiel fälschlicherweise behauptet, dass Magyar ungarische Männer mobilisieren wolle, um in der Ukraine zu kämpfen”, sagt Lee. Solche Darstellungen wurden von Magyar und seiner Partei Tisza bereits entschieden zurückgewiesen. In ihrem Wahlprogramm verspricht die Partei, keine Truppen in die Ukraine zu entsenden und plant auch nicht, die Wehrpflicht wieder einzuführen.
Zudem wird in mehreren Videos Magyars angebliche Nähe zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kritisiert. In anderen Videos sollen Ängste vor steigenden Strom- und Gaspreisen geschürt werden. Auch das Thema LGBTIQ+ wird in einigen der Videos thematisiert. So gibt es unter anderem ein Video, in dem eine fiktive Zukunft unter Magyars Partei skizziert wird, in der die Pride-Flagge neben der ungarischen Flagge gehisst wird und Dragqueens in Schulen unterrichten.
Angriffe gegen die EU
Auch die ungarische Faktencheckseite Lakmusz berichtete über eine Kampagne auf TikTok, bei der unter anderem KI-Videos mit historischen ungarischen Persönlichkeiten oder mit Magyar selbst verbreitet wurden. Auch hier wurden die Kanäle demnach innerhalb weniger Tage erstellt. Diese Videos enthielten regierungsfreundliche Botschaften im Sinne von Orbáns Partei Fidesz und feindliche Botschaften gegenüber Magyars Partei Tisza. So wird in den Videos unter anderem fälschlicherweise behauptet, dass der Wahlkampf von Magyar von der Ukraine finanziert worden sei. Die Tisza-Partei wird zudem als Marionette der Ukraine dargestellt.
Auch die EU wird in vielen der Videos angegriffen. So wurde ein KI-generiertes Video verbreitet, das ein Telefongespräch zwischen der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und Magyar zeigt, in dem es um Geldüberweisungen an die Ukraine geht. “Wenn das Telefon klingelt und eine Anfrage kommt, kann er nicht Nein sagen”, stand in der dazugehörigen Bildunterschrift. Das Video, das unter anderem von Orbán geteilt wurde, wurde fast vier Millionen Mal angesehen. Magyar bezeichnete das Video als Fälschung.
Auch Orban und seine Partei teilen KI-Videos
Es war nicht das einzige KI-generierte Video, das Orbán und seine Partei im Wahlkampf geteilt haben. So verbreitete Fidesz Budapest ein KI-Video, das die simulierte Hinrichtung eines ungarischen Soldaten zeigt. Im Clip sieht man ein mit KI-generiertes Mädchen, das aus dem Fenster schaut, nach draußen in den Regen. Das Mädchen fragt, wann Papa nach Hause kommt.
Die Mutter steht neben dem Mädchen und hat Tränen in den Augen. Dann ist der Vater an der Front, als Soldat und als Kriegsgefangener zu sehen. Er kniet, gefesselt im Schlamm, und wird von einem Soldaten einer feindlichen Macht exekutiert. Im Clip folgt der Aufruf, Fidesz zu wählen, damit so etwas nicht passiert.
Auch auf Plakaten der Fidesz-Partei wird Orbáns Herausforderer Magyar als EU-Marionette und Kriegstreiber dargestellt.
TikTok entfernt Tausende Videos
Die Plattform TikTok gab bekannt, dass es ein “spezielles Team zur Bekämpfung von Falschnachrichten und Einflussnahmeversuchen im Vorfeld der ungarischen Wahlen” eingerichtet hat. “Zwischen dem 1. Januar und dem 8. März haben wir 3.230 Videos entfernt, die gegen unsere Richtlinien zu bürgerlicher und Wahlintegrität, Falschinformationen sowie bearbeiteten Medien und KI-generierten Inhalten verstießen”, heißt es in einem Statement des Unternehmens. Mehr als 300 Konten und mehrere Netzwerke seien entfernt worden. Zu den Verstößen zählten demnach irreführende Inhalte und verdeckte Einflussoperationen.
Und nicht nur TikTok ist nach Angaben von NewsGuard von Desinformationskampagnen mit Blick auf die Wahl in Ungarn betroffen. Auch auf X und Telegram verbreitete demzufolge die russische Einflussoperation Matryoshka mehrere Falschbehauptungen, die darauf abzielten, die Ukraine zu diskreditieren und damit indirekt den prorussischen Orbán zu stärken.


